Hamburg

Moschee-Gemeinde ehrt die "Helden von Barmbek"

| Lesedauer: 6 Minuten
Sebastian Becht
Nach dem Freitagsgebet versammeln sich Besucher der Assahaba Moschee zu einer Schweigeminute

Nach dem Freitagsgebet versammeln sich Besucher der Assahaba Moschee zu einer Schweigeminute

Foto: Michael Rauhe

Fünf der Männer, die Ahmad A. stoppten, sind Mitglieder der Glaubensgruppe. Beim Freitagsgebet wird die Tat hart verurteilt.

Hamburg. Es herrscht eine angespannte Stimmung. Vor der Moschee stehen mehrere Polizisten, und auch im Eingangsbereich werden alle Besucher von zwei Beamten der Kripo mit Bildern des Attentäters Ahmad A. konfrontiert. Ob ihn jemand kennt oder irgendwelche Informationen hat, wird gefragt. Die Anwesenden verneinen. Ein Mann ist aufgebracht, weil er das Gefühl hat, alle Muslime würden unter Generalverdacht gestellt. „Wir versuchen nur, so viel wie möglich über den Täter rauszufinden“, entgegnet ein Kriminalbeamter.

Kein Koranunterricht

Khaled Kabil, Vereinsvorsitzender der Assahaba Moschee in Barmbek, versucht, zu beruhigen. „Wir wollen die Behörden bei ihren Ermittlungen unterstützen und haben deshalb die Polizei eingeladen, heute anwesend zu sein“, sagt er. Denn Ahmad A., der am Freitag vor einer Woche in einem Edeka-Supermarkt an der Fuhlsbüttler Straße einen Kunden erstochen und anschließend mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt hatte, soll auch Gast in der Moschee gewesen sein. Beim Verfassungsschutz heißt es, der Messerstecher war laut eigenen Angaben mehrfach dort, um zu beten, habe aber nicht am Koranunterricht teilgenommen.

„Ob er zum Beten in der Moschee war, kann ich nicht sagen. Es kommen Hunderte Menschen zur Freitagspredigt“, sagt der Vereinsvorsitzende Kabil. Sicher sei aber, dass fünf der „Helden von Barmbek“, die Ahmad A. überwältigt hatten, regelmäßig in der Moschee anwesend sind. Es sei ihm wichtig zu zeigen, dass die Helden ebenso wie fast alle Muslime gegen Gewalt seien.

LKA soll versucht haben, Ahmad A. anzuwerben

Aus diesem Grund hatte sich Kabil auch eine besondere Ehrung für die „Helden“ Jamel Chraiet, Mohamed Wali, Saifallah Courabi, Mohamed Bousbia und Mouldi Gasmi überlegt. Im Rahmen der Chutba, dem wöchentlichen Freitagsgebet, bei dem rund 500 Gläubige anwesend sind, überreicht er ihnen goldene Statuen und den Koran.

„Es war schon sehr schön, von der Polizei ausgezeichnet zu werden, aber von der eigenen Glaubensgemeinschaft ist so eine Ehrung noch einmal etwas ganz Besonderes“, sagt Mohamed Wali, der zu den Gründungsmitgliedern der Moschee gehört und froh ist, ein gutes Vorbild für seine Gemeinde zu sein.

Auch Jamel Chraiet freut sich über die Auszeichnung: „Es ist wichtig zu zeigen, dass Glaube mit solchen Psychopathen nichts zu tun hat“, sagt der 48-Jährige, der mit Mohamed Wali und fünf weiteren Männern bereits mit dem Ian-Karan-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde (wir berichteten). Der gebürtige Tunesier hat das Preisgeld an die Familie des verstorbenen Opfers Mathias P. gespendet. „Weil ich Mitleid mit den Hinterbliebenen habe und helfen will, so gut ich kann. Für den Täter hoffe ich, dass er nie wieder freigelassen wird.“

Als "Terrorist" bezeichnet

Ahmad A., der in Untersuchungshaft sitzt, hatte sich nach seiner Festnahme selbst als Terrorist bezeichnet. Wie jetzt bekannt wurde, sollen die Sicherheitsbehörden weit mehr über die Radikalisierung des 26 Jahre alten abgelehnten Asylbewerbers gewusst haben. Nach Informationen des „Spiegel“ versuchte das Hamburger Landeskriminalamt zwischenzeitlich, den in den Vereinigten Arabischen Emiraten geborenen Mann als Informanten anzuwerben. Der Versuch soll jedoch gescheitert sein.

In der Assahaba Moschee will man nach vorne gucken: In seiner Predigt setzt sich Imam Samir El-Rajab mit der islamischen Geschichte auseinander und verweist darauf, dass der Islam eine Religion der Barmherzigkeit sei. „Als Repräsentanten dieser Religion verabscheuen wir die Taten des Einzeltäters und sind glücklich, dass die Helden unter Einsatz ihres Lebens der Welt gezeigt haben, dass der Islam eine friedliche Religion ist.“

Denn die Assahaba Moschee war selbst schon im Visier der Behörden, weil der salafistische Prediger Baher Ibrahim dort regelmäßig Koran-Unterricht für Jugendliche und junge Erwachsene gegeben hat. Der gebürtige Ägypter, der sich selbst Abu Abdullah nennt, wurde vom Verfassungsschutz beobachtet. Als der Vorfall bekannt wurde, hat der Verein ihm das Unterrichten verboten.

"Nur friedliche Prediger"

„Wir achten sehr darauf, dass nur friedliche Prediger hier eine Plattform bekommen“, sagt Kabil, der erst seit 2016 für die Auswahl der Prediger mitverantwortlich ist.

Im Anschluss an das Freitagsgebet zieht die Glaubensgemeinschaft zum etwa 200 Meter entfernten Edeka-Markt und legt dort eine Schweigeminute ein. Es ist ihnen wichtig, auch außerhalb der Moschee ein Zeichen zu setzen.

Unterdessen wurde eine Traueranzeige für den getöteten Mathias P. im Abendblatt veröffentlicht. „Mathias. Wir werden Dich vermissen“, mit diesen Worten nimmt die Familie des bei der Messerattacke in Barmbek getöteten 50-Jährigen eine Woche nach der grausamen Tat öffentlich Abschied. Eltern, Geschwister und Schwager des Verstorbenen haben über den Weißen Ring eine Traueranzeige im Abendblatt veröffentlicht. Die Opferschutzorganisation betreut die in Neubrandenburg lebende Familie sowie auch weitere Opfer der Bluttat.

Mathias P. hatte als Ingenieur in der Hansestadt gearbeitet, er war alleinstehend. Am Freitagnachmittag vor einer Woche kaufte der 50-Jährige in einem Edeka-Markt an der Fuhlsbüttler Straße nahe seiner Wohnung gerade für das Wochenende ein, als ein mit einem Küchenmesser bewaffneter Mann dort plötzlich auf Menschen einstach. Bei dem Angriff erlitt Mathias P. so schwere Verletzungen, dass er noch im Supermarkt starb. Mehrere weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Täter in U-Haft

Der mutmaßliche Täter – ein 26 Jahre alter Palästinenser, der den Behörden als Islamist bekannt war – sitzt in Untersuchungshaft. Er gilt als psychisch labil.

Bei der Familie von Mathias P. herrscht Fassungslosigkeit über die Ereignisse von vergangener Woche. „Alles war selbstverständlich, nur das Ende nicht“, schreiben die Angehörigen in ihrer Anzeige. Sie wollen anonym bleiben, zu tief sitzt der Schmerz über den Verlust des verstorbenen Sohns, Bruders und Schwagers. Doch wollen sie seiner öffentlich gedenken. „Ein solches Ereignis stellt das Leben der Angehörigen in Sekundenbruchteilen auf den Kopf, es wird nie wieder so sein wie vorher“, sagt Kristina Erichsen-Kruse vom Weißen Ring Hamburg. Die Trauerfeier für Mathias P. soll im engsten Kreis stattfinden.

( sbe/schrö )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg