Hamburg

Schleswig-Holsteinerin mit Chancen auf einen Bestseller

Die Autorin Mareike Krügel

Die Autorin Mareike Krügel

Foto: Peter von Felbert

Die Schleswig-Holsteinerin Mareike Krügel hat mit „Sieh mich an“ einen tollen Familienroman geschrieben. Er könnte ein Hit werden.

Hamburg.  „Mein Etwas und ich“, so steht es hier geschrieben. Das „Etwas“ und das „Ich“ gehören zusammen, sie sind untrennbar, sie sind mächtig. Sie hätten gemeinsam geplant, erläutert die Erzählerin, „das Familiengefüge in kommender Zeit ein bisschen ins Wanken zu bringen“. Das „Etwas“ ist ein ­Knoten in der Brust.

In Mareike Krügels erstaunlichem neuen Roman „Sieh mich an“ geht es um alles. Um den Tod, aber mehr noch um das Leben.

Das Leben, das Katharina, die eine der prägenden Figuren der aktuellen Literatursaison werden könnte, führt – es ist ihr einziges, es hat sie reich beschenkt und sie nie befriedigt. Sie hat sich wahrscheinlich selbst nie wirklich Zeugnis darüber abgelegt, ob dieses Leben den Erwartungen standgehalten hat, aber jetzt muss sie wohl. Wo sie doch die Krankheit fürchtet, an der ihre Mutter gestorben ist und ihre Cousine. Es ist Freitag, der Ehemann ist wie meist beruflich in Berlin, und sie hockt in Kiel an der Ostsee in Erwartung eines Studienfreundes, während die Tochter wieder voll auf ADHS ist und der Sohn mit dem furchtbaren Musikgeschmack – er möchte Musicalsänger werden! – seine erste Freundin hat.

Ein Dutzend Verlage wollte den Roman haben

Katharina ist eine Frau, die unentwegt Was-ich-noch-machen-muss-Listen oder irgendwelche anderen Aufzählungen schreibt und Klassik (Schumann! den Trauerkloß!) im Auto hört, also höchste musikalische Ansprüche hat, aber Kindergartenkindern musikalische Früherziehung angedeihen lässt. Ihre Doktorarbeit hat sie nie zu Ende geschrieben, also blieben nur Hausfrauenmisere und Flucht in den meist noch umweltverträglich abgedimmten Frust. Und diese Frau, die sich nicht selbstverwirklicht hat, wie man so sagt, macht nun Inventur, da sie ihr letztes Stündchen kommen sieht. Das klingt erst einmal nach einem anstrengenden Buch. Und ist das Gegenteil davon.

Große Hoffnungen

Denn als schwarzgalliges, melancholisches Abschiedsstück wäre „Sieh mich an“, jener vierte Roman der Autorin Mareike Krügel, nicht zu einem der brandheißen Tickets im Betrieb geworden vor Jahresfrist. Krügel bekam mal einen Förderpreis für Literatur in Hamburg, sie leitete ein Schreibseminar im Literaturhaus. Sie veröffentlichte ihre Bücher in einem kleineren Frankfurter Verlag. Bis jetzt.

Nachdem ein gutes Dutzend weitere Verlage den tragikomischen und klug komponierten Roman, der die Schicksalhaftigkeit des Lebens, der die Theatralik der letzten Dinge mit trockenen Pointen auskontert, veröffentlichen wollte, erscheint „Sieh mich an“ nun im Münchner Piper-Verlag. Man könnte fast wetten, dass der Verlag mit dem Titel einen Erfolg einfahren wird. Er hat ihn sich viel kosten lassen – und er ist das erste groß aufgezogene ­Projekt der neuen Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg. Die ehemalige Literaturchefin der „FAZ“ und Buchkritikerin im Fernsehen („Lesenswert“) ist seit einem Jahr im Verlagsgeschäft und setzt zu Recht große Hoffnungen in den Roman.

Weibliche Zielgruppe im Blick

Für Krügel, die 1977 in Kiel geboren wurde, ist die Gegenwart wohl so oder so die aufregendste Zeit ihres bisherigen Berufslebens. Und dabei muss sie am Ende übrigens nicht mal die neue Dörte Hansen werden (wogegen sich aber sicher keiner der Beteiligten wehren würde) – Spitzentitel im Herbstprogramm ist doch auf jeden Fall schon mal was. Keine Frage, dass der Verlag auf ein eher weibliches Publikum schielt, andererseits: Tut das nicht jeder automatisch? Romane werden in der Mehrzahl von Frauen gelesen.

Dieses Buch, das gefällig ist, aber auf eine Weise, dass man manchmal auch vom Gegenteil überzeugt sein kann, lebt von seiner Hauptfigur. Wir begleiten sie gemeinsam mit ihrer Erfinderin nur einen Tag und eine Nacht lang. Im Angesicht des – vermeintlichen? – Todes rekapituliert sie und zieht Bilanz. Katharina hat dabei hübsch fiese Gedanken, gnadenlose Mutterüberlegungen (die Tochter? „Ein kleiner, pummeliger, pfannkuchengesichtiger Feuerdrache“) sind jedenfalls ein ganz gutes Gegengift gegen grassierende Kinder-Lobpreisungen.

Die Sentimentalität ist gut versteckt

In „Sieh mich an“ stehen die Sprösslinge nicht auf einem Podest (einer kam tot zur Welt, vielleicht weil er keinen Bock auf selbige hatte) und der so oft abwesende und mit eigenen Krisen kämpfende Ehemann, Griechen-Costa, erst recht nicht.

Die Sentimentalität ist in diesem Roman, der auch eine Art „Mein Leben ohne mich“ ist, meist gut versteckt. Deswegen funktioniert er ja überhaupt erst. Katharina mag das Paradebeispiel der (weiblichen) Unvollendeten sein, die verpassten Chancen hinterhertrauert, aber als Mensch, der das Totenglöckchen läuten hört, ist sie eigentlich noch ganz cool unterwegs. Hinten raus gönnt ihr die Autorin ein Tête-à-Tête mit dem Studienfreund auf dem Sofa. Kontrollverlust der Hausfrau – yeah! Und später, im Roman-Finale, folgt dann noch ein Nervenzusammenbruch; dramaturgisch voll auf die Zwölf, aber dankenswerterweise folgt dem Rausch der Kater. Das Ende des Buchs kühlt die Hitze des Augenblicks ab.

Film in Vorbereitung

Was das heftig aufgestylte Figurenensemble – die Transen von nebenan samt Homo-Homöopath sind sympathisch, aber seltsam, oder seltsam, aber sympathisch –, was Situationskomik und die einigermaßen absurd anmutenden Nebenhandlungen angeht, ist der Roman auf eine Adaption geradezu angelegt. Die Verfilmung, hört man, ist schon in Vorbereitung.

Seit Dörte Hansen und ihrem Superseller „Altes Land“ weiß man übrigens sowieso, dass die norddeutsche Scholle quasi überall anschlussfähig ist. Bei Mareike Krügel, die in ihrem Roman zum Beispiel einer so im Grunde erst einmal ziemlich unscheinbaren Sache wie der schleswig-holsteinischen Landstraße eine flammende Liebeserklärung macht und unter anderem von deren „beruhigender Wirkung auf die menschliche Seele“ spricht, ist die geografische Verortung auch nicht unwichtig. Die Landschaft ist an der Oberfläche so spröde wie die Heldin; der Liebreiz gibt sich nicht sofort die Ehre.

Hang zum Dozieren

Allerdings hat Mareike Krügel auch da, wo es um Heimat geht, gelegentlich einen Hang zum Dozieren. „Denn das Meer ist niemals profan, langweilig und grau. In Wirklichkeit ist es das Einzige, das zu sehen sich lohnt in dieser Welt. Es rückt alles und jeden in die rechte Perspektive“, heißt es einmal.

Andererseits, so spricht Katharina nun mal – eine Frau, die im Alltag steht, aber dessen dunkle Unterströmungen kennt.

Insgesamt: überzeugendes und unterhaltsames Buch. Wünschen wir ihm viele Leser.

Die Autorin stellt ihren Roman am 5.9. im Literaturhaus vor. Beginn 19.30 Uhr, Moderation Christoph Bungartz (NDR)