St. Pauli

Ein Foto-Band über St. Pauli, der ohne Klischees auskommt

Abbildungen zum Bildband "Sofortbild Hamburg" von Frank Egel, erschienen im Junius Verlag

Abbildungen zum Bildband "Sofortbild Hamburg" von Frank Egel, erschienen im Junius Verlag

Foto: Junius Verlag/Frank Egel

In seinem Buch „Sofortbild Hamburg“ versammelt Frank Egel seine besten Stadtteil-Aufnahmen vom Kiez.

Hamburg.  Manche Fotografen müssen lange Streifzüge unternehmen, um ungewöhnliche, witzige oder tiefsinnige Motive zu finden. Frank Egel muss nur aus seiner Haustür auf die Reeperbahn treten und findet in St. Pauli ein ganzes Universum davon.

Vor fünf Jahren startete er seine Fotoserie „cAtCh oF tHe dAy“ auf den Internet-Plattformen Tumblr.com und Instagram: täglich ein Sofortbild von Straßenszenen, Orten und (manchmal) Menschen aus der Stadt, zu 90 Prozent fotografiert auf St. Pauli in seiner ganzen Wildheit und Veränderung. Jetzt hat er im Junius Verlag ein Best-of daraus veröffentlicht: „Sofortbild Hamburg“.

Wie ein Lieblingsplüschtier am Ende der Kindheit

Ein St.-Pauli-Bildband mit den üblichen Fotos von Junggesellenabschieden, Bordsteinschwalben und Touristen in allen Rauschzuständen ist das Buch nicht. Im Mittelpunkt stehen hier nicht Menschen, sondern Momentaufnahmen vom Leben eines Stadtteils, der aussieht wie ein Lieblingsplüschtier am Ende der Kindheit: viel benutzt und abgenutzt, ramponiert und fast totgeliebt.

in Outdoor-Aschenbecher mit dem Schild „Bitte leise rauchen“. Ein Schild „Leider Neueröffnung!“ in einem Schaufenster in der Kleinen Freiheit. An der Wand eines Sex-Clubs tanzt eine gezeichnete Nackttänzerin scheinbar um die Stange des Hinweises „EC-Automat“. Auf einer Herrentoilette sehnt sich ein Matrosenstrichmännchen nach einem Schiff, jeder Bauzaun und Sicherungskasten quillt über von Stickern, Grafitti und Kommentaren, in Wohnzimmerfenstern prangen aussagestarke Dekos (Stinkefinger) – der Stadtteil hat ein enormes Mitteilungsbedürfnis.

Berauscht vom Stadtteil

„Der Umgestaltungsdrang rund um die Reeperbahn ist ein derartiges Massenphänomen, dass manchmal kaum auseinanderzuhalten ist, was Zufall des Alltags ist und was bewusst gestaltet wurde“, schreibt der Künstler und Stadtteilaktivist Christoph Schäfer im Vorwort des Buchs.

Frank Egel, 47, arbeitet als People-Fotograf für Lifestyle-, Mode- und Musikzeitschriften und lebt seit 25 Jahren auf St. Pauli. Er weiß, dass man sich als Fotograf an dem Stadtteil berauschen kann. Die Umwelt, die Architekten, Hausmeister, Fahrstuhldesigner oder Sparkassenfilialleiter herstellen, wird auf St. Pauli sofort mit überklebt, überschrieben, übersprüht. Nicht immer sind die Kommentare komisch, sondern oft giftig, ablehnend, künstlerisch. Umso schwieriger war die tägliche Auswahl für „Catch of the day“.

„Für das Internet-Logbuch habe ich vor allem Bilder vom Tagesgeschehen und Statements in der Nachbarschaft ausgewählt, also das, was die Leute im Stadtteil umtreibt“, sagt Egel. „Für das Buch mussten wir unter 5000 Bildern 180 Fotos aussuchen, das war schon ein längerer Prozess.“ In die Auswahl gekommen sind neben Schnappschüssen von Straßenszenen auch fast poetische Bilder von Lichtreflexen nach einem Regen, von Kindern in Hinterhöfen oder einfach kleine, stille Beobachtungen wie die einsame Gitarre am Eingang zur Sparkasse – der Straßenmusiker ist wohl gerade was essen gegangen.

Alle erzählen eine kleine Geschichte

Aus der scheinbar beliebigen Auswahl ergibt sich ein erstaunlich stimmiges Bild der DNA von St. Pauli, wo es noch „Raum für das Unperfekte“ gibt, so Kamiel Klaasse, einer der Architekten für den Neubau des Esso-Areals. Aber auch in Eimsbüttel oder am Hauptbahnhof entdeckte Frank Egel Keimzellen urbaner Unperfektheit und Mitteilungslust. Aufgemotzte Läden neben Kneipenkaschemmen, verdreckte Kacheln neben neuen Glasfronten, teure Cocktailbars neben Sperrmüll. Und alle erzählen eine kleine Geschichte – bis morgen wieder alles ganz anders aussieht. Frank Egel bleibt dran.

Frank Egel: „Sofortbild Hamburg“. Junius Verlag, 144 Seiten mit rund 150 Farbfotos, 19,90 Euro. Erhältlich unter anderem in der Abendblatt-
Geschäftsstelle, Großer Burstah 18-32