Jugendkriminalität

Die Hamburger Crash Kids – Tod auf der Überholspur

| Lesedauer: 6 Minuten
Bettina Mittelacher
Bergedorfer Straße in Lohbrügge: Mit diesem Opel rasten die Autoknacker Dennis und Sven vor 25 Jahren gegen einen Bau. Sven (13) kam ums Leben.

Bergedorfer Straße in Lohbrügge: Mit diesem Opel rasten die Autoknacker Dennis und Sven vor 25 Jahren gegen einen Bau. Sven (13) kam ums Leben.

Foto: ullstein bild

Vor 25 Jahren baute Autoknacker Dennis (13) einen Unfall, bei dem ein Mitfahrer starb. Doch das konnte die jungen Männer nicht stoppen.

Hamburg. Sie führen sich auf, als wäre das Leben ein Rummelplatz. Ein Stück Achterbahn, eine Runde Autoscooter – und das Ganze möglichst bei Vollgas. Entscheidend ist der Geschwindigkeitsrausch, das Adrenalin, das Verbotene. Stets mit dem Auto auf der Überholspur bleiben, und alles ohne Rücksicht auf Verluste. Und plötzlich fühlt sich das Kind wie ein Actionheld.

Dabei ist überhaupt nichts Großartiges an dem Verhalten, das eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen in den 90er-Jahren am Hamburger Hauptbahnhof zu einer Autoknackerszene zusammenschweißt. Vielmehr ist ihr Verhalten gekennzeichnet von Verantwortungslosigkeit, Ignorieren von Gesetzen und Werten sowie Gefährlichkeit. „Crash-Kids“ werden die Zwölf- bis 16-Jährigen genannt, die mit Vorliebe Fahrzeuge aufbrechen und sich genüsslich dem überschnellen Autofahren hingeben. Es ist eine Szene, in der ein ­15-Jähriger stolz Visitenkarten mit der Berufsbezeichnung „Autoknacker“ verteilt. Und wo eine Jugendliche schlicht sagt: „Andere spielen Fußball, wir klauen Autos.“

Hat keiner die tödliche Gefahr erkannt?

Hat keiner von ihnen das enorme Risiko erkannt? Die tödliche Gefahr? Am 21. Juli 1992 fordert eine halsbrecherische Autofahrt ein erstes Todesopfer in der Hamburger Szene. Zwei 13-Jährige heizen mit einem gestohlenen Opel durch Lohbrügge, der Fahrer verliert schließlich die Kontrolle über den 100-PS-Wagen und rast gegen einen Zaun. Den Beifahrer entdeckten Polizeibeamte später unter dem Wrack. Für ihn kommt jede Hilfe zu spät. Dennis, der Junge, der am Steuer gesessen hat, wird beim Aufprall in ein Gebüsch geschleudert und trägt Verletzungen am Arm davon. „Von uns fährt keiner mehr mit ihm“, sagt ein Mädchen aus der Szene nach dem Unfall über den 13-Jährigen. „Der ist doch wahnsinnig, nimmt keinerlei Rücksicht, wenn Leute bei ihm im Auto sitzen.“

Crash-Kid Dennis: Er hat es zu trauriger Berühmtheit gebracht. Wohl kaum ein anderer Jugendlicher oder Erwachsener aus der Szene ist so oft negativ aufgefallen. Einer, der immer wieder Gesetze überschritten hat, der immer wieder als Autoknacker und mit rasendem Tempo auffiel, der sich Verfolgungsjagden mit der Polizei lieferte, der als Jugendlicher zu erzieherischen Zwecken ins Ausland geschickt wurde und später, als Erwachsener, mehrfach im Gefängnis landete.

Allein in Deutschland klaute er 1000 Autos

Allein in Deutschland soll Dennis über die Jahre mehr als 1000 Autos geknackt haben. Aufmerksamkeit, sagen damals Pädagogen, sei das, was die Jugendlichen antreibt. In ihrer Kindheit ohne besondere Zuwendung aufgewachsen und überwiegend allein gelassen, hätten sie durch den Nervenkitzel bei ihren Rasereien und das große Interesse unter anderem in den Medien das Gefühl, ein Star zu sein. Wenn es nicht gelinge, sie davon zu überzeugen, dass sie eben keine Helden sind und endlich ein verantwortungsvolles Leben führen müssten, drohe ihnen immer mehr soziale Ausgrenzung – und schließlich ein Leben im Gefängnis.

Genau so ist es mit Dennis gewesen. Er hat mehrere Jahre in Haft verbracht. Der heute 38-Jährige begann seine unrühmliche Karriere im Alter von zwölf Jahren. „Aus Spaß“ fuhr er damals auf dem Hof eines Autohändlers mehrere Wagen zu Schrott. Nicht lange danach rammte er bei einer Verfolgungsjagd mit einem gestohlenen Wagen ein Polizeiauto. Die Jugendbehörde brachte ihn in der geschlossenen Psychiatrie des Universitätsklinikums Eppendorf unter. Dort blieb er aber nicht lange. Wenig später verursachte er den Unfall, bei dem der jugendliche Beifahrer starb.

Erlebnispädagogik brachte nichts

In den 90er-Jahren schien es als Königsweg, jugendliche Straftäter durch behutsames Eingreifen des Staates aus der Kriminalität herauszuführen. Die damalige Jugendsenatorin Rosemarie Raab (SPD) pries das Konzept „Menschen statt Mauern“. Damals wurde auf erlebnispädagogische Reisen gesetzt, etwa Segeltörns oder Aufenthalte in entlegenen Camps wie beispielsweise im finnischen Kuttula, wo die Delinquenten Regeln des straffreien Zusammenlebens lernen sollten. Dennis floh immer wieder aus solchen Einrichtungen. Einzig in Kuttula blieb er zweieinhalb Jahre. Dann allerdings wurde er nach Hamburg zurückgeholt – weil es den Verdacht gab, die Jugendlichen würden zu hart rangenommen. Kaum wieder in der Hansestadt, verfiel der nun 15-Jährige in sein altes Verhaltensmuster: Autoaufbrüche, Crashfahrten ...

Als ein Haftbefehl drohte, wurde Dennis von der Jugendbehörde erneut nach Finnland geschickt, kam dann wieder zurück nach Hamburg. Später wurde er verurteilt: Er erhielt eine Bewährungsstrafe von 20 Monaten, kam nun in ein Jugendheim nach Polen. Auch dort brach er Autos auf und nutzte sie für Crash-Fahrten. Dafür wurde Dennis in Polen zu vier Jahren Haft verurteilt.

Ist der 38-Jährige einsichtig geworden?

Er habe den Eindruck, sagte der mittlerweile Erwachsene einst in einem Interview, „dass die Behörden schon lange mal hätten sagen sollen: Du kannst uns mal!“ Doch auch die Jahre in Haft konnten Dennis nicht nachhaltig beeindrucken: Nicht lange nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, im Jahr 2005, wurde er erneut straffällig, bekam jetzt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. Wenige Monate nach seiner Freilassung im Januar 2007 klaute der Autonarr einen VW-Bus und kistenweise Leergut aus einem Getränkemarkt. Bei der Flucht vor der Polizei fuhr er den Bulli nahezu zu Schrott.

Dafür wurde der 28-Jährige schließlich zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zudem verhängte das Gericht eine Führerscheinsperre von fünf Jahren. An der Sicherungsverwahrung ist Dennis gerade eben noch einmal vorbeigeschrammt. „Es ist die allerletzte Chance, die Ihnen bleibt“, sagte der Vorsitzende Richter damals. „Wir hoffen, dass in der Haft Ihre Einsicht wächst.“ Dennis könne froh sein, dass nicht noch Menschen zu Tode gekommen sind. „Man hat das schon oft von mir gehört. Es ist wieder passiert. Aber das tut mir sehr leid“, hat Dennis gesagt. Das kannte man bisher so nicht von ihm: die Reue. Vielleicht hat Dennis diese lange Haft, die er voll verbüßt hat, beeindruckt. In den vergangenen Jahren fiel er lediglich mit geringfügigeren Straftaten auf – zuletzt, 2016, weil er ohne Fahrschein fuhr. Mit der Bahn.

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