Polizei

Wohin mit Hamburgs kriminellen Jugendlichen?

Das geschlossene Heim an der Feuerbergstraße war stark umstritten und bestand nur von 2003 bis 2008

Das geschlossene Heim an der Feuerbergstraße war stark umstritten und bestand nur von 2003 bis 2008

Foto: Reto Klar

Nach der Absage aus Bremen sucht der Senat nach einer neuen Unterbringungsmöglichkeit – innerhalb und außerhalb der Stadt.

Hamburg.  Acht Diebstähle, zwei Raubüberfälle, je drei Drogen- und Waffendelikte und jeweils eine Körperverletzung und eine Unterschlagung – insgesamt 18 Taten wurden dem Jugend­lichen vorgeworfen. Grund genug für das Familiengericht, die Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung zu genehmigen. Angekommen ist der Jugendliche dort aber nie – es gab schlicht keinen Platz. Das war vor einem Jahr, seinerzeit konnten vier von sechs Hamburger Jugendlichen, für die eine geschlossene Unterbringung angeordnet war, nicht untergebracht werden.

Kommentar: Hamburg braucht ein neues Heim

Aktuell sind es zwar „nur“ zwei, aber an dem Grundproblem hat sich nichts geändert: Hamburg verfügt seit der Schließung der geschlossenen Unterbringung in der Feuerbergstraße 2008 nicht mehr über ein Heim für junge Intensivstraftäter, und seit die Haasenburg-Heime in Brandenburg nach Missbrauchsvorwürfen geschlossen wurden, fällt es der Stadt auch noch schwerer, einen der rund 300 Plätze in anderen Bundesländern zu ergattern.

Intensivtäter

Eigentlich hätte das Problem längst gelöst sein sollen – in Gestalt einer gemeinsamen Einrichtung mit Bremen, die der frühere Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) noch auf den Weg gebracht hatte. Doch nach der Absage aus Bremen stellt sich in Hamburg nun von Neuem die Frage: Wohin mit den ganz schweren Fällen?

„Der Senat bedauert die Entscheidung Bremens sehr“, sagte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) kürzlich in der Bürgerschaft und stellte zumindest klar, dass sie eine geschlossene Unterbringung, auch wenn sie immer nur „Ultima Ratio“ sein könne, für unentbehrlich halte: „Wir glauben weiterhin, dass es einen geringen Anteil von jungen Menschen gibt, der nur über diese Form von pädagogischem Angebot erreichbar ist.“ Infrage kämen nicht nur Standorte in Hamburg, sondern weiterhin auch in angrenzenden Bundesländern – entsprechende Gespräche liefen nun.

Senatorin präferiert kleine Einrichtung

Zweierlei machte Leonhard deutlich: Erstens präferiert sie eine kleine Einrichtung mit rund fünf Plätzen, in der übers Jahr betrachtet zehn bis zwölf Jugendliche untergebracht werden können – eine Lehre aus der deutlich größeren Feuerbergstraße. Zweitens würde sie es vorziehen, wenn Hamburg Einfluss auf das pädagogische Konzept und die Kon­trolle der Einrichtung hätte – als Lehre aus den Vorgängen in den weit entfernten Haasenburg-Heimen.

Die Erwartung, dass die Senatorin im Familienausschuss der Bürgerschaft am Dienstagabend etwas konkreter werden würde, erfüllte sich jedoch nicht. Das sorgte für Kritik: „Nachdem mehrere SPD-Senatoren erfolglos versucht haben, die Unterbringung nach Bremen zu verlagern, sind wir nach vier Jahren wieder auf Stand null. Die Saumseligkeit der Senatorin ist unerträglich“, sagte Philipp Heißner, Familien- und Jugendexperte der CDU, die wie FDP und AfD auf ein geschlossenes Heim drängt.

Grüne sind hin- und hergerissen

„Hamburger Jugendliche, für die eine geschlossene Unterbringung bereits gerichtlich angeordnet ist, können schon seit Jahren nicht sachgerecht untergebracht werden.“ Es sei fahrlässig gewesen, sich auf den rot-grünen Senat in Bremen zu verlassen: „Dass sich wie in Bremen die ideologiegetriebenen grünen Bedenkenträger durchsetzen, darf sich in Hamburg nicht wiederholen.“

Tatsächlich sind die Hamburger Grünen etwas hin- und hergerissen. Einerseits haben sie geschlossene Heime immer abgelehnt und tun das auch weiterhin, andererseits fühlen sie sich dem Koalitionsvertrag mit der SPD verpflichtet, der die Schaffung einer solchen Einrichtung vorsieht. „Wir halten die geschlossene Unterbringung zwar nicht für zielführend“, sagt Anna Gallina, Parteivorsitzende und Familienexpertin in der Bürgerschaft. „Aber wir sehen uns in der Verantwortung, für alle Kinder ein Hilfsangebot zu schaffen, in dem sie sich bestmöglich entwickeln oder auch dauerhaft leben können.“ Auch bei den Grünen gibt es Stimmen, die so ein Heim dann lieber in Hamburg und unter Kontrolle der Stadt sähen.

Die Linkspartei lehnt die geschlossene Unterbringung ab: „Der Senat will Erwartungen erfüllen und betreibt daher Symbolpolitik“, glaubt Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus. „Er sollte den Mut haben zu sagen, dass es bessere pädagogische Konzepte gibt.“ Entscheidend sei, Zugang zu den Jugendlichen zu finden und sie so zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, anstatt sie wegzusperren.