Umweltschutz

Hamburgs erste Markthalle ohne Verpackungen

Mitte 2018 soll das
Projekt an den
Start gehen:
Andreas Achtziger
plant die Markthalle
ohne Verpackungen

Mitte 2018 soll das Projekt an den Start gehen: Andreas Achtziger plant die Markthalle ohne Verpackungen

Foto: Klaus Bodig / HA

Keine Schachteln, Tüten oder Kisten. Andreas Achtziger sucht zentralen Standort – und sammelt Geld im Internet.

Hamburg.  Wenn Andreas Achtziger früher im Supermarkt einkaufen war, hatte er nach dem Auspacken in der Küche einen vollen Kühlschrank – und einen Berg Müll. Von Milch bis Tomaten sind fast alle Produkte in Plastik eingeschweißt, werden in Schachteln, Kisten oder Tüten angeboten. „Muss nicht sein“, sagte sich der Hamburger IT-Berater und begann, seinen Lebensstil zu hinterfragen. Heute hat er beim Einkauf unterschiedliche Mehrwegboxen dabei, um Müsli, Mehl, Linsen oder Shampoo abzufüllen. Für Obst, Gemüse oder Brot nutzt er spezielle Netze, Getränke kauft er in Mehrwegflaschen. Zero Waste (Ohne Müll) heißt diese Bewegung. „Ich versuche alles, was es gibt, ohne Einwegverpackung zu bekommen“, sagt er.

Und weil das gar nicht so einfach ist, hat Achtziger eine Geschäftsidee entwickelt: Er will in Hamburg die erste verpackungsfreie Markthalle aufbauen. Appelhoff & Botterfatt nennt er das Projekt. Ähnlich wie auf einem Wochenmarkt sollen regionale Landwirte und Anbieter ihre Bio-Produkte dort verkaufen. Geplant ist zudem ein Supermarkt ohne Verpackung, dafür mit Mehrweghygieneschleusen an der Frischetheke und Waschmitteltankstelle. Und einem Gastroangebot. Vor allem aber mit langen Öffnungszeiten von montags bis sonnabends, die auch für Berufstätige passen. „Es soll am Ende ein Ort werden, der den Flair der Markthallen in Spanien oder Frankreich hat, das aber übertragen auf Zero-Waste-Einkauf“, sagt der 45-Jährige.

Erste Gespräche mit Banken

Die Investitionskosten kalkuliert Achtziger auf mehr als eine halbe Million Euro. Die ersten Gespräche mit Banken führt er bereits. Parallel hat der Initiator Ende Juni eine Crowdfunding- Kampagne gestartet. „Die Resonanz ist sehr positiv“, so ein erstes Fazit. „Aber es ist ein Weg der kleinen Schritte.“ Noch sind die eingezahlten Beiträge deutlich von der Finanzierungsschwelle von 50.000 Euro entfernt. Das Ende der Aktion ist auf den 17. August terminiert. „Ich mache aber auf jeden Fall weiter, auch wenn die Summe nicht zusammenkommt“, sagt Achtziger. Im Moment sucht er nach einem passenden Standort in zentraler Lage, am liebsten in Eimsbüttel, und einer Fläche von mindestens 1000 Quadratmetern.

Jeder Deutsche verursacht nach Angaben des Statistischen Bundesamts 455 Kilogramm Haushaltsmüll im Jahr, rechnerisch sind das 1,24 Kilogramm am Tag. Verpackungsfreies Einkaufen ist für immer mehr Menschen ein wichtiges Thema. Nach einer Studie des Umweltbundesamts fallen rund 17,8 Millionen Tonnen Verpackungen im Jahr an (2014). Etwa drei Millionen davon sind aus Kunststoff. 2014 eröffneten in Kiel und Berlin die ersten Geschäfte, die alle ihre Produkte ohne Verpackungen anbieten. Inzwischen gibt es fast in jeder größeren deutschen Stadt einen verpackungsfreien Laden, insgesamt etwa 50. Tendenz steigend.

In Hamburg werden bei Bio.Lose in Eimsbüttel und Twelve Monkeys auf St. Pauli sowie in einigen Bio-Supermärkten viele Lebensmittel ohne Verpackung verkauft. Seit Anfang des Jahres gibt es den Laden Stückgut, der komplett auf Einwegverpackungen verzichtet. In dem Geschäft nahe dem Einkaufszentrum Mercado in Ottensen lassen sich unter anderem Haferflocken, Trockenfrüchte oder Olivenöl aus Spender-Behältern zapfen.

Es gibt zudem Nudeln, Schokolade und Molkereiwaren. „Wir sind sehr zufrieden, das Konzept wird von den Kunden gut angenommen“, sagt Sonja Schelbach aus dem Gründerteam. Ein Zähler auf der Internetseite zeigt an, dass mehr als 33.000 Einwegverpackungen seit Ladeneröffnung eingespart wurden. Das Produktsortiment werde unter Berücksichtigung der Kundenwünsche laufend erweitert, so Schelbach. Inzwischen sind auch vermehrt Spülmittel, Shampoo und andere Drogeriewaren im Angebot.

Nachhaltiges Leben

Am 5. August eröffnet die erste verpackungsfreie Einkaufsmöglichkeit in den Walddörfern. Ohne Gedöns haben Maren Schöning und Peymaneh Nottbohm ihren Laden genannt. Weil die Wunschfläche in Volksdorf erst Anfang nächsten Jahres verfügbar ist, haben sich die Marketing-Expertin und die Controllerin mit Affinität zum nachhaltigen Leben entschlossen, im Tannhof in Lemsahl-Mellingstedt eine Art Pop-up-Store aufzuziehen.

„Wir glauben, dass in den Walddörfern das Bewusstsein und das Geld für den verpackungsfreien Einkauf vorhanden ist“, sagt Gründerin Schöning. Auf insgesamt 100 Quadratmetern bieten sie außer Frischfleisch, Wurst und Käse das komplette Sortiment an, mit dem Schwerpunkt auf regionalen Produkten. „Die Preise gleichen denen im Supermarkt“, sagt Schöning.

Von 2021 an soll sich die Halle selbst tragen

Andreas Achtziger will Mitte nächsten Jahres mit seiner verpackungsfreien Markthalle Appelhoff & Botterfatt starten. Der Name, erzählt der umtriebige Gründer, der auch schon als Schornsteinfeger und Industriekaufmann gearbeitet hat, sei ihm nachts eingefallen: mit der Assoziation an Äpfel, die direkt vom Baum gepflückt werden, und Butter aus dem Fass. Den geplanten Supermarkt will er selbst betreiben. Weitere Flächen sollen an regionale Erzeuger und Erzeugergemeinschaften vermietet oder verpachtet werden, die diese in einem Rotationsprinzip nutzen.

„Für die Kunden hat das den Vorteil, dass sie einen ständig wechselnden Pool von frischen, ökologischen und saisonalen Lebensmittel aus der Region vorfinden“, sagt der Markthallen-Initiator, der als Zukunftsvision zudem eine zentrale Kasse anpeilt. Auch Start-ups, Kleinunternehmer mit besonderen Produkten und kulturelle Angebote kann er sich in seiner Halle vorstellen. Eben eine „Markthalle für alle Sinne“. Wenn alles klappt wie geplant, hat Achtziger ausgerechnet, sollte sich seine Geschäftsidee Anfang 2021 selbst tragen. Dann, sagt er optimistisch, ist Zeit für einen zweiten Standort.