Plastik-Müll

Erstes Geschäft in Hamburg verzichtet auf Verpackungen

Die Stückgut-Gründerinnen
Insa Dehne (l.) und Sonja Schelbach stehen in ihrem Geschäft in Ottensen. Die Produkte werden vor dem Bezahlen abgewogen

Die Stückgut-Gründerinnen Insa Dehne (l.) und Sonja Schelbach stehen in ihrem Geschäft in Ottensen. Die Produkte werden vor dem Bezahlen abgewogen

Foto: Roland Magunia / HA

Bei Stückgut kommt man komplett ohne Plastik- und Papierhüllen aus. Das Konzept ist einzigartig in Hamburg.

Hamburg.  Zur Beruhigung gibt es von der Barista Rebecca Schmidt mitten im Gespräch schnell aus der Pipette ein paar Bachblütentropfen – aber von Nervosität ist bei Insa Dehne einen Tag vor der Premiere eigentlich nichts zu spüren. Ruhig und klar strukturiert erzählt die Betriebswirtin von ihrem neuen Laden, den sie heute mit drei weiteren Geschäftspartnern eröffnet.

Stückgut heißt er und zeichnet sich durch zwei Dinge aus, die das Konzept einzigartig in Hamburg machen. Erstens fehlt etwas: Verpackungen. Zweitens müssen die Kunden etwas mitbringen: Baumwollbeutel, Gläser oder Plastikschüsseln zum Abfüllen und Transport der Einkäufe.

250 Produkte zum Start im Angebot

Auf Regalen stehen große Gläser mit Lakritzschnecken (1,39 Euro pro 100 Gramm), dunkler Ingwer-Schokolade (1,60 Euro) und Ananasringen (2,40 Euro). Ein paar Schritte weiter hängen Dutzende Kunststoffspender an der Wand. Gefüllt sind sie mit Zutaten fürs Müsli wie Haferflocken (0,23 Euro) und Hafercrunchy (0,82 Euro), Milchreis (0,50 Euro) und helle Penne (30 Cent). Mit Schaufeln oder durch Umlegen eines Hebels lassen sich die gewünschten Mengen abfüllen.

An der Kasse wird die Ware gewogen. „Wir bieten alles unverpackt an, ein Großteil unserer Produkte ist zudem vegan“, sagt Dehne. Für Milch und Joghurt, die in Pfandflaschen/-gläsern verkauft werden, und Eier gilt das natürlich nicht. Etwa 250 Produkte sind zum Start im Angebot. Zwar gibt es auch handgefertigte Seife (7,50 Euro/Stück), festes Shampoo (8,90 Euro) oder Öko-Abschminkpads (16 Euro), Schwerpunkt sind aber Lebensmittel. „Wir haben fast nur Bioprodukte, und zwar möglichst aus der Region“, sagt Mitgründerin Sonja Schelbach.

Im Dänemark-Urlaub hatte sie die Idee

Vor knapp drei Jahren hatte sie die Idee für Stückgut. Bei einem Dänemark-Urlaub traf Schelbach Marie Delaperrière, die als Pionierin der Verpackungsmüll-Vermeider gilt und kurz zuvor in Kiel ihren ersten Laden Unverpackt aufgemacht hatte. Schelbach war fasziniert von dem Konzept. In einem Abendblatt-Artikel über die Bewegung kam Christiane Bors zu Wort, die sich so ein Geschäft gut in Hamburg vorstellen konnte. Schelbach und Bors knüpften Kontakt, waren sich einig und suchten weitere Mitstreiter. Mit Dehne und Dominik Lorenzen war das Gründer-Quartett schließlich komplett.

Nach monatelanger Suche fand es das 70-Quadratmeter große Geschäft in der Straße Am Felde. Ottensen sei ein idealer Standort. „Hier leben Leute, die sich für Ernährung interessieren und ökologisches Bewusstsein haben“, sagt Dehne. Denn die Müllberge werden größer: 2014 fielen in Deutschland laut Umweltbundesamt 17,8 Millionen Tonnen Verpackungen an, rund drei Millionen davon sind aus Kunststoff.

Bereits seit knapp zwei Jahren verzichtet Sandra Neumeier in ihrem auf Veganes spezialisierten Geschäft Twelve Monkeys auf St. Pauli zum Teil auf Verpackungen – bei immerhin 80 Produkten. „Nach einem halben Jahr ist das gut angelaufen. Die Hälfte unserer Kunden, die täglich kommen, kauft mittlerweile verpackungsfrei ein“, sagt Neumeier. Ihre rund 2000 Artikel im Sortiment will sie vor allem plastikfrei anbieten, vieles verkauft sie daher in Gläsern. Die Erfahrungen mit den verpackungsfreien Waren seien positiv, allerdings kosten sie auch mehr Platz (im Lager, aber auch im Regal, weil große Behälter aufgestellt werden) und mehr Zeit, weil sie Kunden viel erklären sowie Regale und Behälter oft säubern muss.

Dehne und Schelbach sind darauf vorbereitet und viel Arbeit gewohnt. Seit November renovierten sie die Räume, in denen früher ein Antiquariat saß. In ihr Geschäft investierten die vier Gründer, die noch an einem Rabattsystem für Stammkunden arbeiten, rund 80.000 Euro, aus Eigenkapital, Bankkredit und Crowdfunding. Selbst bei der Inneneinrichtung versuchten sie übrigens, Müll zu vermeiden. „Fast das gesamte Mobiliar ist aus alten Gebrauchsgegenständen gebaut worden“, sagt Dehne.

Apfelkisten dienen als Regale

Apfelkisten dienen als Regale und Sitzgelegenheiten, Kabelrollen als Tische. Zum Konzept gehört auch ein Café im Shop. Schmidt wird neben Kaffee- und Teespezialitäten selbst gebackene Kuchen, Kekse und Quiches verkaufen. Alle Zutaten füllt sie bei Stückgut ab. Auch Müsli gibt es – die Gäste stellen es sich selbst aus den Spendern zusammen.

Stückgut, Am Felde 91, 22765 Hamburg, Öffnungszeiten heute und morgen 11 – 19 Uhr, übermorgen 11 – 16 Uhr. Ab nächster Woche: montags bis freitags 9.30 – 19 Uhr, sonnabends 9.30 – 16 Uhr.