Hamburg

Schulsenator Rabe: „Das Abitur darf nicht leichter werden"

| Lesedauer: 12 Minuten
Insa Gall und Peter Ulrich Meyer
Ties Rabe, seit 2011 Schulsenator, im Rathaus. Der Sozialdemokrat war früher selbst Lehrer

Ties Rabe, seit 2011 Schulsenator, im Rathaus. Der Sozialdemokrat war früher selbst Lehrer

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Ties Rabe will klare Standards und mehr Vergleichbarkeit beim höchsten Schulabschluss. Überprüfung der Profiloberstufe.

Hamburg.  Was ist das Hamburger Abitur wert? Im exklusiven Abendblatt-Interview erläutert Schulsenator Ties Rabe seine Sicht der Dinge. Er will an der Qualität arbeiten und wünscht sich eine größere Vergleichbarkeit der bundesweiten Abschlüsse. Wenn das Niveau stimme, habe er nichts dagegen, dass 70 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, sagt der SPD-Politiker.

In Hamburg machen 55,5 Prozent eines Jahrgangs Abitur. Früher war es rund ein Drittel. Ist das Abitur – bundesweit – im Laufe der Jahrzehnte einfacher geworden?

Ties Rabe: Das weiß niemand, weil es keine empirischen Untersuchungen dazu gibt. Diese wurden erst um 2000 eingeführt. Seither ist der Leistungsstand der deutschen Schüler eher besser geworden. Viel ist auch Folklore, nach dem Motto: Früher war alles schwerer. Schon Sokrates hat sich über die mangelnden Leistungen der Jugend beschwert. Das war im fünften Jahrhundert vor Christus.

Aber fast jeder Vierte macht heute ein Abitur mit einer 1 vor dem Komma. Woran liegt das?

Ties Rabe: Der Anteil der Einsernoten trübt den Blick. Der Abiturnotendurchschnitt hat sich insgesamt, seit wir ihn messen, nur leicht verbessert. Offensichtlich gibt es also auch mehr schlechte Noten. Vermutlich nimmt die Zahl der leistungsstarken Kinder zu, zugleich aber auch die der leistungsschwachen.

Noch mal nachgefragt: Mehr als 55 Prozent Abiturienten, jeder Vierte mit einem Einser-Abitur – das legt doch nahe, dass das Abitur leichter ist als früher.

Ties Rabe: Mir ist wichtig, dass das Abitur nicht leichter wird. Darum setze ich mich dafür ein, dass klare Anforderungen – gern auch bundesweit – vereinbart werden, um das Abitur präzise zu beschreiben. Es ist schließlich der höchste Schulabschluss, da wollen wir die Hürden nicht absenken.

Ich wünsche mir zweitens ein Abitur, das sich bundesweit sehr ähnlich ist. Die Schwierigkeitsanforderungen müssen in ganz Deutschland gleich sein. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit und der Glaubwürdigkeit. Mir macht nicht die Zahl der Abiturienten Sorgen, sondern wie wir es schaffen, klare Maßstäbe für das Abitur zu verankern.

Inwiefern macht Ihnen das Sorgen?

Ties Rabe: Klare Maßstäbe zu entwickeln ist schwieriger, als man denkt. Für eine einzelne Mathematikklausur ist das noch möglich. Ins Abitur fließen aber zu zwei Dritteln auch die Leistungen in der Oberstufe ein. Diese Noten müssen stärker als bisher einheitlichen Normen entsprechen, und das zu erreichen ist schon deutlich schwieriger. Schritt für Schritt müssen wir dazu kommen, die Vorzensuren der Leistungen in der Oberstufe bundesweit nach einheitlicheren Maßstäben zu bewerten.

Wie kann das gelingen?

Ties Rabe: Ich hoffe, dass die einheitlicheren Abiturprüfungen auch auf den vorangehenden Unterricht normierend wirken, weil sich der Unterricht an diesen späteren Abituranforderungen orientieren muss. Deswegen wird sich Schritt für Schritt eine Ähnlichkeit in Bezug auf das Leistungsniveau entwickeln. Aber das dauert.

Wir müssen zudem daran arbeiten, die Anforderungen für die Zulassung zum Abitur und die Einbringung von Kursleistungen in den Bundesländern zu vereinheitlichen. Es wird zu Recht angeprangert, dass es hier große Unterschiede gibt. Früher hat die Kultusministerkonferenz den Ländern einen breiten Spielraum gelassen. Wir haben angefangen, den zu verengen, aber da wäre mehr wünschenswert.

Wie vergleichbar ist das Abitur 2017?

Ties Rabe: Das ist eine Frage der Perspektive. Wir standen vor einem vollkommen leeren Glas. Jetzt ist es schon ordentlich mit Wasser befüllt, aber da geht auch noch mehr. Lange gab es praktisch keine Vergleichbarkeit zwischen den Abituranforderungen, da sind wir ein großes Stück weitergekommen. Dass die Schüler in einigen Ländern am selben Tag die Abi­prüfung schreiben und viele von ihnen sogar dieselben Aufgaben lösen müssen, das hätte vor ein paar Jahren niemand erwartet. Wir sollten unser Ziel aber höherstecken.

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hat die Bemühungen als „reine Schaufensterpolitik“ bezeichnet.

Ties Rabe: Auch Herr Kraus wird nicht bestreiten können, dass es mittlerweile erhebliche Ähnlichkeiten in den Prüfungsaufgaben gibt. Ich finde, wir sind ein gutes Stück vorangekommen, und verstehe die Kritik aus zwei Gründen nicht: Es gibt wohl kein Bundesland, in dem nicht mindestens eine von drei oder vier obligatorischen Abituraufgaben aus dem Aufgabenpool käme. Hamburg nimmt sogar alle Matheaufgaben aus dem bundesweiten Pool.

Die Kritiker sind zudem unredlich, wenn sie so tun, als könne man das Abitur bundesweit vollständig angleichen. Das wäre nur möglich, wenn wir die Kursnoten der Schüler aus der Oberstufe künftig gar nicht mehr in die Abiturnote einfließen ließen. Ich fände das falsch. Man kann nicht die gesamte Schülerleistung einer zweijährigen Oberstufe fokussieren auf die vier Stunden einer Abschlussarbeit. Aber um das Abitur vergleichbarer zu machen, sollten wir uns Mühe geben, in der laufenden Kursarbeit ähnliche Bewertungsmaßstäbe anzuwenden.

Das Beispiel eines fiktiven Schülers illus­triert, wie unterschiedlich die Abinoten berechnet werden. Mit derselben Leistung würde er in einigen Bundesländern eine 2,3 machen, in anderen eine 1,7 und andernorts wäre er gar nicht zum Abi zugelassen worden.

Ties Rabe: Dieser Fall ist vor eineinhalb Jahren bekannt geworden. Wir haben ihn damals geprüft, und er stimmt. Verantwortlich dafür sind die schon angesprochenen Prüfungsordnungen der Bundesländer, die – man muss es klar sagen – noch sehr unterschiedlich sind. Ich wünsche mir, dass sich die Länder in dieser Sache stärker aufeinander zubewegen. In der Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz, die ich initiiert hatte, sind wir ein Stück vorangekommen, aber ich wünsche mir weitere Schritte.

Welche konkret?

Ties Rabe: Das müssen die Bundesländer unter­einander vereinbaren. In der Arbeitsgruppe haben wir erst einmal identifiziert, welche Unterschiede es gibt. Eine Einigung ist auch deshalb schwierig, weil wir zwei unterschiedliche Oberstufenkonzepte haben – das alte System aus Grund- und Leistungskursen einerseits und die Profiloberstufe mit drei Kernfächern andererseits.

Diese Dualität ist ärgerlich, denn sie behindert eine klare Normierung der Bewertungsmaßstäbe. Dazu müssen sich die Bundesländer aufeinander zubewegen. Ich sage offen: Ich wäre sogar bereit, Hamburgs jetzige Struktur zugunsten einer bundeseinheitlichen Lösung zur Disposition zu stellen, wenn dadurch der Weg frei gemacht würde für eine deutliche Annäherung aller Bundesländer auf ein neues, einheitliches Modell.

Manche machen die neuen Bildungspläne nach dem PISA-Schock 2001 für die höhere Zahl der Abiturienten verantwortlich.

Ties Rabe: Nach allem, was ich weiß, halte ich das für Unsinn. Bildungspläne sind selten die alleinige Ursache für eine Verbesserung oder Verschlechterung des Lernniveaus. Die neuen Bildungspläne mögen nicht der Weisheit letzter Schluss sein, aber die schwachen Schülerleistungen, die beim ersten PISA-Test zutage traten, basierten nicht auf diesen neuen, sondern auf den alten Bildungsplänen.

Ich persönlich glaube nicht, dass Bildungspläne überhaupt sehr großen Einfluss haben auf das Anspruchsniveau, das Lehrer in ihrem Unterricht und bei der Bewertung von Schülerleistungen anlegen. Richtig ist: Wegen des schwachen Abschneidens damals bei PISA­ wurden die Bildungspläne geändert und orientieren sich jetzt stärker an den Kompetenzen der Schüler. Die kompetenzorientierten Bildungspläne sind allerdings oft unkonkret. Hier wünsche ich mir eine größere Präzision.

60 Prozent oder irgendwann vielleicht sogar 70 Prozent – brauchen wir tatsächlich so viele Abiturienten?

Ties Rabe: Vieles spricht dafür: Die Zukunft und der Wohlstand unseres Landes wird gesichert durch viele kluge Köpfe. Im internationalen Vergleich liegen wir mit unserer Abiturquote im Mittelfeld. In der heutigen Berufswelt wird es zudem schwerer, Berufe zu finden, die man mit Haupt- und Realschulabschluss ein ganzes Leben lang ausfüllen kann. Einige Kritiker tun so, als sei der Anteil kluger Menschen von der Natur her auf vielleicht 25–30 Prozent begrenzt. Und so wird dann behauptet: Wenn die Zahl der Abiturienten steigt, muss das Abitur leichter geworden sein. Dahinter steht ein seltsames Menschenbild. Ich glaube, dass man bei guter Förderung auch mehr Talente entdecken und fördern kann.

Bei den Olympischen Spielen haben wir erlebt, dass England mehr Medaillen gewonnen hat als das 20-mal so große China. Hier wird deutlich, dass ein Land bei guter Förderung auch mehr junge Menschen zu Spitzenleistung führen kann. Und was für den Sport gilt, gilt auch für die Bildung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass gute Schule, auch längere Schule und besser organisierte Schule, zu höheren Leistungen führt.

Ist das Abitur dann weniger Wert?

Ties Rabe: Die Frage ist, was den Wert des Abiturs ausmacht. Ist ein bestimmter Bildungsstand gemeint? Dann entscheidet nicht die Zahl der Abiturienten, sondern allein die Frage, ob der Bildungsstand erreicht wurde. Oder geht es um Abgrenzung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen? Dann ist der Bildungsanspruch egal. Für mich ist das Abitur das Versprechen auf einen hohen Bildungsstandard. Und wenn der eingehalten wird, dann bin ich auch nicht unglücklich, wenn sogar 70 Prozent das Abitur machen.

Aber die gymnasiale Ausbildung will auf das Hochschulstudium vorbereiten. Warum braucht ein Friseur Abitur?

Ties Rabe: Wir brauchen nicht für jeden Beruf das Abitur. Und das ist auch gut so. Aber die Berufswelt stellt immer höhere Ansprüche. Von den zehn am meisten in Hamburg gewählten Ausbildungsberufen sind neun aus dem kaufmännischen Sektor. Darunter sind sechs, bei denen man schon ein sehr guter Realschüler sein muss, um den Stoff in der Berufsschule und die Anforderungen des Berufs zu schaffen.

Hamburg hat die höchste Abiturientenquote deutschlandweit. Brauchen auch wir noch mehr Abiturienten?

Ties Rabe: Einige Bundesländer müssen daran arbeiten, dass dort mehr Schüler die Chance haben, das Abitur zu machen. Andere Länder müssen daran arbeiten, dass diejenigen, die das Abitur erreicht haben, auch die Qualitätsstandards erfüllen. Hamburg gehört sicher nicht zur ersten Gruppe.

Also geht es mindestens hier um die Frage des Niveaus?

Ties Rabe: Dass das Hamburger Abitur vermutlich schon seit längerer Zeit eine Aufgabe in der Qualität hat, will ich nicht bestreiten. Schon zu meiner Schulzeit in den 70er-Jahren in Schleswig-Holstein wurde nicht immer freundlich über das Hamburger Abitur geredet. Wir müssen uns aber auch fragen, was Schüler heute können sollen. Ich glaube zwar, dass heutige Abiturienten in der Rechtschreibung, in der schriftlichen Darstellung, in der Prozent- und Bruchrechnung, im Dreisatz usw. nicht an das Niveau heranreichen, das frühere Abiturienten hatten.

Ich glaube aber auch, dass heutige Abiturienten in Englisch, in allen weiteren Fremdsprachen und vor allem in Präsentations-, Diskussions- und Kommunikationsfähigkeiten die Abiturienten meiner Zeit weit überflügeln. Das, was in meiner Schulzeit in Englisch im Abitur geleistet wurde, wird heute schon in der zehnten Klasse erreicht. Zu Recht wird das Abitur an der einen Stelle gescholten, zu Unrecht aber das Gesamtniveau. Die Anforderungen haben sich verändert. Die Crux des deutschen Abiturs ist: Wir haben uns ein Stück weit von dem entfernt, was Eltern für die klassische Bildung halten. Wir lesen zum Beispiel nicht mehr so viele Bücher. Und wir müssen deshalb diskutieren, ob wir das Pendel nicht zu weit in Richtung Präsentation und Kreativität haben ausschlagen lassen und dabei die Basiskompetenzen vernachlässigt haben. Ich bin ein Fan von Basiskompetenzen.

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