Schanzen- und Karoviertel

Wut hier, Angst da – wie G20 die Szeneviertel empört

G20-Gipfel kurz erklärt

Wer kommt? Was wird besprochen? Wieso so viel Protest und wogegen eigentlich? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum G20-Gipfel am 7. und 8. Juli in Hamburg.

Video: abendblatt.tv
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Während Linksextreme der Roten Flora ihre Proteste planen, sind Anwohner und Geschäftsleute im Schanzen- und Karoviertel in Sorge.

Hamburg.  "You’re not welcome“ – Ihr seid nicht willkommen. So steht es auf einem T-Shirt im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäfts an der Marktstraße im Karoviertel. Darunter die Konterfeis des russischen Präsidenten Wladimir Putin, des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und des US-Präsidenten Donald Trump. Ein Motiv, das die Stimmung auf St. Pauli und im Schanzenviertel sehr gut wiederzugeben scheint. „G20 du Opfer“ oder „G20 – geh wo du wohnst“ heißt es auf Plakaten in den Fenstern vieler Geschäfte. „Nein, wir haben kein Verständnis“ steht auf dem Spruchband eines Wohnhauses an der Schanzenstraße.

Tatsächlich trifft man auf den Straßen zwischen Reeperbahn und Roter Flora am Schulterblatt niemanden, der dem G20-Gipfel am 7. und 8. Juli in den nahe gelegenen Messehallen etwas Positives abgewinnen kann. Im Gegenteil. „Wut und Empörung sind derzeit auf einem sehr hohen Level“, sagt Peter Haß von der Buchhandlung am Schulterblatt. „Ich möchte fast sagen, wie seit den 80er-Jahren nicht mehr.“

Menschen empfinden G20-Austragungsort als Provokation

Damals kämpfte man im Schanzenviertel gegen eifrige Investoren, die den ehemaligen Prachtbau Flora durch ein Musical-Theater ersetzen wollten. Diesmal steht ihnen in wenigen Tagen die Elite der Staats- und Regierungschefs aus aller Welt gegenüber, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu ebenjenem Gebäude, das seit nunmehr 25 Jahren als autonomes Zentrum verteidigt wird, ihr Gipfeltreffen abhalten wollen.

Für Menschen wie Peter Haß ist allein die Wahl des Austragungsorts eine Provokation. Ausgerechnet das links-alternative Schanzen- bzw. Karoviertel, ausgerechnet die Messehallen, ausgerechnet dort, „wo im Sommer 2015 mehrere Tausend Flüchtlinge vorübergehend Schutz fanden, sollen nun diejenigen tagen, die mit ihrer Politik maßgebliche Verantwortung für die Krisen und Kriege tragen, vor denen Menschen damals flohen und immer noch fliehen“, wie es auf einem Flugblatt steht.

Ein Polizei rät: Wer kann, solle die Sternschanze besser meiden

Wie groß der Unmut über die G20, den bevorstehenden Gipfel und die damit verbundenen Auswirkungen ist, spürt man auch bei einer Stadtteilversammlung im Millerntor-Stadion wenige Wochen vor dem Gipfel. Trotz der sommerlichen Temperaturen ist der Ballsaal im Obergeschoss der Südtribüne an diesem Tag bis auf den letzten Platz gefüllt. Während die Streitkultur in dem Quartier sonst als besonders ausgeprägt gilt, herrscht unter den Anwohnern Einigkeit. „Wir lehnen den Gipfel und den mit ihm verbundenen Ausnahmezustand ab“, heißt es in der Abschlusserklärung. „Wir leben, wohnen und arbeiten hier – wir bleiben auf der Straße, ob der Gipfel kommt oder nicht. Wir werden gemeinsam zeigen, dass eine andere Welt als die der G20 möglich ist.“

Zeigen wollen sie das bei den vielen Protestaktionen, die seit Monaten akribisch vorbereitet werden. Vom Protest-Fußball-Turnier am Millerntor über eine Nachttanzdemo am Hafen bis hin zum „hedonistischen Massencornern“, bei dem öffentliche Plätze in der Stadt besetzt werden sollen – stillschweigend will man den Gipfel vor der eigenen Haustür nicht so einfach hinnehmen.

Die Polizei rechnet daher mit dem Schlimmsten. Seit Wochen informieren die Beamten die Anwohner über mögliche Einschränkungen und Gefahren am G20-Wochenende. Es stünde, so heißt es, der „größte Polizeieinsatz in der Hamburger Geschichte“ bevor. Fahrräder sollten besser in den Häusern angeschlossen werden, so die Empfehlung eines Beamten. Wer kann, solle den Stadtteil besser meiden. Eltern, deren Kinder die Ganztagsgrundschule Sternschanze nahe dem Tagungsort besuchen, können selbst entscheiden, ob sie ihr Kind zur Schule schicken oder nicht. Eine Regelung, die vom Elternrat begrüßt wird. Unwohl ist den Eltern jedoch: „Es herrscht das Gefühl einer allgemeinen Verunsicherung, da niemand sagen kann, was auf uns zukommt.“

So genau weiß man das auch bei den Sicherheitsbehörden nicht. Dort blickt man vor allem nervös auf die von Autonomen initiierte Demonstration unter dem Motto „Welcome to hell“ am Donnerstag, 6. Juli, dem Vorabend des G20-Gipfels. Die Polizei erwartet bis zu 8000 gewaltbereite Linksextremisten aus ganz Europa. Die Veranstalter versprechen einen „der größten schwarzen Blöcke, die es je gegeben hat“.

Unter Gastronomen Sympathien für den Protest

Anmelder Andreas Blechschmidt, Aktivist der Roten Flora, versucht zu beruhigen und ruft die Anwohner dazu auf, sich von dem Gerede über „angebliche Gewaltorgien“ nicht einschüchtern zu lassen. „Das ist natürlich kein Spaziergang der katholischen Pfadfinderjugend“, sagte Blechschmidt bei der Stadtteilversammlung vor wenigen Tagen und fügte hinzu: „Wir haben es in der Vergangenheit nie getan und werden auch diesmal den Stadtteil nicht in Schutt und Asche legen.“ Auch Flora-Anwalt Andreas Beuth betonte, dass man nicht die Auseinandersetzung mit der Polizei suchen werde. Aber er sagte auch: „Wenn wir angegriffen werden, dann werden wir uns natürlich auch zur Wehr setzen mit Mitteln, die wir uns selbst suchen.“

Unter den Gastronomen und Gewerbetreibenden im Viertel hegt man durchaus Sympathien für den Protest. Viele fürchten sich jedoch vor gewaltsamen Auseinandersetzungen, die sich rund um das Messegelände ereignen könnten. „Das werden nicht unbedingt die Hamburger sein, die hier Stress machen, aber bei den vielen Demonstranten von außerhalb weiß man nie, was passiert“, sagt Dörte Wichmann, Inhaberin von Karo Köter an der Marktstraße. Auch sie spürt den Unmut über den Gipfel, der nur wenige Meter entfernt stattfinden soll, in ihrer Nachbarschaft. „Keiner hier hat Bock auf G20.“

Aggressionen herauslassen – das können bei ihr zumindest die Hunde: Passend zum bevorstehenden Gipfel gibt es bei Karo Köter Donald Trump und Wladimir Putin als Hundespielzeugpuppen zu kaufen, an denen sich die Vierbeiner kräftig abarbeiten können. „Es ist total verrückt. Selbst wer keinen Hund hat, kauft diese Puppen“, sagt Wichmann. Die ersten 30 Exemplare waren nach wenigen Tagen bereits ausverkauft. Die nächste Lieferung sei schon auf dem Weg. Eine Verkaufsidee, über die manche ihrer benachbarten Händlerkollegen nicht lachen können. Bereits jetzt liegen die Nerven anscheinend blank. „Mir steht’s bis hier“, raunzt die Inhaberin einer Modeboutique gegenüber.

Wie viele andere überlegt auch sie, ihr Geschäft zu schließen und die Scheiben zu verbarrikadieren. „Die überwiegend kleinen Einzelhändler haben keine Alternative zur Ladenschließung“, sagt Rainer Burmester vom Spielzeugladen Die Druckerei an der Schanzenstraße. Selbst wenn es friedlich bleibe: „Schon die ständig in der Luft kreisenden Hubschrauber und die ständigen Polizeisirenen auf den Straßen vergraulen die letzten Kunden, die sich noch trauen würden.“ Dabei sei das Schanzenviertel doch in einem großen Maße abhängig vom Tourismus, insbesondere an den Wochenenden.

OSZE-Gipfel war für viele schon schlimm genug

Der OSZE-Gipfel im vergangenen Dezember, so erzählen viele, sei schon schlimm genug gewesen. Dieser habe jedoch im Winter stattgefunden, einer Zeit, in der sowieso weniger Menschen unterwegs seien. „Der G20-Gipfel fällt auf ein Wochenende mitten in der Hochsaison, uns droht ein Ausfall von vielen Tausend Euro“, sagt Marita Stolze von SternChance. Die Räume des Kulturvereins mit angeschlossenem Café liegen mitten in der sogenannten Sicherheitszone 2, zwischen Fernsehturm und Wasserturm.

In diesem Bereich „dürfen sich nur Anwohner, deren Besucher, ortsansässige Gewerbetreibende oder Personen mit einem berechtigten Interesse aufhalten“, wie es in einer Infobroschüre der Polizei Hamburg heißt. Letzteres ist bei den Kontroll- und Durchlassstellen nachzuweisen. Ein normaler Geschäftsbetrieb ist unter diesen Umständen unmöglich. Viele Veranstaltungen wie Hochzeiten habe man absagen müssen, klagt Stolze. Das Café bleibt von Mittwoch bis Montag geschlossen. „Den Ausfall bezahlt uns keiner.“

Vor G20-Gipfel: Hamburg stellt Sammelstelle für Gefangene vor
Hamburg stellt Sammelstelle für G20-Gefangene vor

Viele andere Gastronomen im Schanzenviertel machen Anfang Juli freiwillig die Schotten dicht. In der Bullerei, dem Restaurant von Fernsehkoch Tim Mälzer, hat man sich für einen spontanen Betriebsausflug entschieden. Gemeinsam mit den rund 100 Mitarbeitern geht es in zwei Bussen hinaus aus der Stadt. „Angesichts der aufgeheizten Stimmung können wir uns nicht vorstellen, hier abends bei einem Filetsteak und einem Weißwein zu sitzen“, sagt Patrick Rüther, neben Mälzer einer der Geschäftsführer. Von Freitag bis Sonntag bleibt die Küche in der Bullerei kalt.

Auch Restaurants wie das Gefundene Fressen von Rapper Samy Deluxe oder die Braugaststätte Altes Mädchen bleiben für zwei bis drei Tage geschlossen. In der benachbarten Ratsherrn-Brauerei wurden Führungen durch die Werkhallen abgesagt. Die Bierproduktion soll jedoch auch am 7. und 8. Juli normal weitergehen.

Der Inhaber von Erika’s Eck hofft auf Gäste beider Lager

Auf St. Pauli fallen ebenfalls zahlreiche Reeperbahn-Rundgänge wie die beliebten Kult-Kieztouren von Olivia Jones aus. Viele Kneipen, Clubs und Bordelle sollen zwar vorerst geöffnet bleiben – mit dem großen Besucheransturm rechnet zu G20 jedoch niemand. „Der Kiez hat nichts davon“, ist der Türsteher eines Striplokals an der Großen Freiheit überzeugt. Dass der Gipfel wenigstens eine Chance für die Stadt sein könnte, um zukünftig mehr Touristen aus dem Ausland nach Hamburg und damit auch nach St. Pauli zu locken, glaubt Quartiersmanagerin Julia Staron nicht: „Wir wären schon froh, wenn Hamburg sein friedlich-tolerantes Image in diesen Tagen nicht verliert.“

Normalität, das erhofft sich auch Wirt Stefan Wilms. Die legendären Öffnungszeiten von Erika’s Eck, das nur für eine Pause von drei Stunden täglich geschlossen bleibt, sollen auch zum G20-Gipfel nicht verändert werden. „Was kommt, das kommt“, sagt Wilms und zuckt mit den Schultern. Auch wenn die übliche Kundschaft wohl wegbleiben werde, rechnet der Inhaber mit vielen Gästen. „Das kennen wir noch aus wilden Flora-Zeiten“, sagt Wilms und schmunzelt. „Hinten saßen die Demonstranten, vorne die Polizisten. Gekloppt wurde sich draußen, hier drin ist Ruhe.“ Bei Erika sei schließlich jeder willkommen. Ob das auch für Trump, Putin und Erdogan gilt?