Notfälle

Vorwurf: Hamburger Feuerwehr verschwendet viel Geld

Der Leiter der Hamburger Feuerwehr, Oberbranddirektor Klaus Maurer, sieht sich scharfer Kritik von Wohlfahrtsverbänden und Ersatzkassen ausgesetzt

Der Leiter der Hamburger Feuerwehr, Oberbranddirektor Klaus Maurer, sieht sich scharfer Kritik von Wohlfahrtsverbänden und Ersatzkassen ausgesetzt

Foto: picture alliance

Kassen zahlten 20 Millionen Euro für Fortbildung zu Sanitätern – aber diese dürfen ihr Wissen nicht anwenden.

Hamburg.  Ein Notruf trifft ein – und alles soll optimal laufen. Der nächste Rettungswagen wird disponiert. Die Sanitäter helfen dem Patienten schnell und umfassend. Das ist der Anspruch der Feuerwehr, denn im Ernstfall zählt jede Minute – doch nach Wohlfahrtsorganisationen werfen nun auch Krankenkassen und eine Gewerkschaft der Feuerwehrführung vor, ihre Patienten zu gefährden.

„Die derzeitige Praxis der Feuerwehr im Rettungsdienst geht mutmaßlich zulasten der Patienten, aber auch allgemein zulasten der Beitragszahler“, sagte Kathrin Herbst, Landesvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen (Vdek), dem Abendblatt. So gebe es täglich Fälle, in denen Patienten eben nicht die schnellstmögliche Hilfe bekämen. Schlimmer noch: Die Sanitäter könnten in vielen Fällen besser helfen, aber dürften nicht – wegen der Bedenken in der Führung des Rettungsdienstes.

Rettungsassistenten werden fortgebildet

Die Feuerwehr weigere sich, eine neue Regelung konsequent umzusetzen. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2014 werden Rettungsassistenten zu sogenannten Notfallsanitätern fortgebildet, erlernen etwa fortgeschrittenes Wissen über Schmerzmittel und Wiederbelebung. Die Ersatzkassen haben dafür in Hamburg bislang 20 Millionen Euro aus Beitragsgeldern aufgewendet – 420 Notfallsanitäter sind inzwischen geschult und einsatzbereit.

Von der Feuerwehr heißt es, man setze die Vorgaben des Bundes um – durch das neue Gesetz ändere sich aber nichts an der Aufgabenteilung zwischen Sanitätern und Notarzt. „Wir befinden uns in einem fortlaufenden Prozess, in dem mit Augenmaß über die Freigabe von Kompetenzen und Medikamenten für den Einsatz von Notfallsanitätern entschieden wird“, sagt Feuerwehrsprecher Jan Ole Unger. Die Entscheidung liegt bei der ärztlichen Leitung.

Notfallsanitäter

Laut Betroffenen und Krankenkassen traut die Führung ihren eigenen Sanitätern dagegen viel zu wenig zu. „Es sind grundlegende Dinge verboten“, sagt Daniel Dahlke vom Berufsverband der Feuerwehrleute in Hamburg. Wenn ein Patient seine Schmerzen nicht genau beschreiben kann, würden etwa mitunter zunächst nur Sanitäter ohne Notarzt zum Einsatzort disponiert. „Sie dürfen aber keinerlei Schmerzmittel verabreichen“, sagt Dahlke. Keine stärkere Arznei (etwa Ketamine), nicht einmal einfaches Ibuprofen. „Bis der nachalarmierte Notarzt etwa zwölf Minuten später eintrifft, dürfen die Kollegen dann nicht helfen, obwohl sie es könnten. Der Patient muss das dann irgendwie aushalten“, sagt Daniel Dahlke.

Die Kritiker der Feuerwehr argumentieren, dass sich in solchen Fällen der Notarzt – und damit mehrere Hundert Euro Kosten für die Beitragszahler – komplett sparen ließen. „Dass die Notfallsanitäter ihr Wissen nicht anwenden dürfen, ist ein unhaltbarer Zustand“, sagt Kathrin Herbst vom Vdek. Dabei habe die Feuerwehr darauf bestanden, die teure Fortbildung nahezu verpflichtend zu machen.

In Feuerwehrkreisen heißt es, man wolle die Notfallsanitäter mit den strengen Regeln davor schützen, Fehler im Umgang mit Patienten zu machen: „Es gibt in einigen Fällen Nebenwirkungen und andere Faktoren zu berücksichtigen. Das muss einem Notarzt vorbehalten sein.“ Tatsächlich ist die Dichte der Fachmediziner in Hamburg hoch, die Notärzte in etwa 95 Prozent der Fälle innerhalb der Zielmarke von maximal zwölf Minuten nach der Alarmierung vor Ort. Die Feuerwehr betont zudem, dass bei Lebensgefahr bereits die Notfallsanitäter eigenverantwortlich alle Maßnahmen ergreifen können, um Leben zu retten. Sie sollen bereits in rund acht Minuten nach der ersten Alarmierung beim Patienten sein.

In der Praxis nützen diese Befugnisse zum Teil aber nichts, so Daniel Dahlke vom Berufsverband: „Die nötigen Medikamente sind überhaupt nicht im Rettungswagen, da die Sanitäter sie im Normalfall nicht anwenden dürften.“ Das betreffe etwa den Blutverdünner Aspisol, der zur Erstbehandlung von Herzinfarkten sogar vorgeschrieben sei – wie auch ein Medikament, das bei einem Lungenödem lebensrettend sein kann. Wenn sich solche ernsten Erkrankungen erst am Einsatzort feststellen ließen, müsse auch in diesen Fällen mehrere Minuten gewartet werden. „Eine lange Zeit bei einem Notfall“, so Dahlke. Von der Feuerwehr heißt es wiederum, in der Regel seien die Sanitäter in dieser Zeit ohnehin mit anderen Erste-Hilfe-Maßnahmen beschäftigt.

Rettungswagen übersehen?

Bislang zeige die Feuerwehr „kaum Bereitschaft, berechtigte Kritik anzunehmen“, sagt die Vdek-Chefin Kathrin Herbst. Die Krankenkassen schließen sich dem Vorwurf von Wohlfahrtsorganisationen an, nach dem die Feuerwehr regelmäßig besser postierte Rettungswagen anderer Träger nicht zu den Patienten disponiere (Abendblatt berichtete exklusiv). Im Gegenzug lasse sich die Feuerwehr neue Rettungswagen aus Beitragsgeldern bezahlen. Auch damit würden Millionen Euro verschwendet.

Feuerwehrchef Klaus Maurer bezeichnete diesen Vorwurf als „unwahr“. Es heißt, die Fähigkeiten der Notfallsanitäter würden künftig stärker genutzt werden – einige Medikamente sind bereits freigegeben. Schon die Anwesenheit der besser geschulten Retter schaffe „eine beruhigende Atmosphäre, die sich stabilisierend auf den Patientenzustand auswirkt“. Daniel Dahlke vom Berufsverband sieht dagegen die Gefahr, dass seine Kollegen ihre Fähigkeiten mit der Zeit verlernten. „Wissen ist gut, aber Anwendung deutlich besser.“