Razzia in Rothenburgsort

Gestohlene Räder aus Hamburg werden nach Afrika verschoben

Die Polizei hat extra diese Halle angemietet, um die Fahrräder unterzubringen

Die Polizei hat extra diese Halle angemietet, um die Fahrräder unterzubringen

Foto: Andre Zand-Vakili

In Niendorf katalogisiert die Kripo in zwei Hallen die 1500 gestohlenen Fahrräder. Polizei bietet Besichtigungstermine an.

Hamburg. Nach der Sicherstellung von 1500 Fahrrädern auf dem Gelände zweier Firmen in Rothenburgsort beginnt für die fünf Beamten der Ermittlungsgruppe „Fahrrad“ jetzt die Sisyphusarbeit. Sie müssen nicht nur möglichst viele der Fahrräder einzelnen Straftaten zuordnen. Die Beamten wollen auch die genauen Vertriebswege der Hehler und die Geldflüsse ermitteln. Nach bisherigen Erkenntnissen werden die Räder nicht nur nach Ost- und Südosteuropa, sondern auch nach Afrika verschoben.

Jedes Fahrrad katalogisiert

Es ist eine riesige, ehemalige Sporthalle in Niendorf, in der in langen Reihen die sichergestellten Fahrräder stehen. Dazwischen sind Gänge frei gehalten. Die Ermittler müssen nicht nur jedes Fahrrad katalogisieren. Es ist auch geplant, direkt am Ort Führungen für die Diebstahlsopfer durchzuführen, die dann auf der 5000 Quadratmeter großen Lagerfläche nach ihrem Fahrrad Ausschau halten können. Die Polizei hat die Hoffnung, dass so möglichst viele Räder von den Eigentümern identifiziert werden. „Es ist auch geplant, Fotos der Fahrräder ins Internet zu stellen“, sagt Polizeisprecher Ulf Wundrack. Bislang konnten 120 der Fahrräder durch die Rahmennummer als gestohlen identifiziert werden.

Polizei will die Vertriebswege stoppen

Für die Ermittler der EG „Fahrrad“ sind auch die „Vertriebswege“ der Täter von größtem Interesse. An der Billstraße, dort wo die Räder sichergestellt wurden, waren es vor allem Einzeltäter oder kleine Gruppen von Tätern, die, so die Erkenntnisse der Polizei, die gestohlenen Fahrräder verkauften. In vielen Fällen handelt es sich um Beschaffungskriminalität von Drogensüchtigen, die zwischen zehn und 50 Euro für ein Fahrrad bekommen. Professionelle Täter, die mit Kleintransportern durch die Stadt fahren, dürften nach Erkenntnissen der Ermittler um die 100 Euro für ein gutes Fahrrad bekommen haben. Der Verkaufspreis für ein gutes Fahrrad, das im Laden mehr als 1000 Euro kostet, liegt laut Erfahrung der Polizisten bei 200 bis 300 Euro. Dann sind es aber schon fast nagelneue Räder, von denen auch einige bei der Aktion an der Billstraße sichergestellt wurden.

Velos bis nach Afrika

In Hamburg ist Fahrraddiebstahl längst ein Massendelikt geworden. „Wir wollen an die Hehler ran, um so die Absatzwege zu schließen“, sagt Frank Fürst, Leiter der Ermittlungsgruppe „Fahrrad“. Die beiden Firmengelände an der Billstraße waren zwei von mehreren „Big Points“ in Hamburg. Durch Observationen weiß die Polizei, dass dort ein reger Verkehr stattfand. Oft waren es Lieferwagen mit osteuropäischen Kennzeichen, die vorfuhren. Aber auch per Schiff sollen Fahrräder, dann in großen Mengen, verschoben werden. Zielort ist, so glaubt Fürst, Afrika.

Der Nachweis wird schwierig. Die Beschuldigten schweigen. Jetzt sind Spezialisten der Polizei am Zug. Buchprüfer werden sich die Unterlagen vornehmen. Bei Anschlussdurchsuchungen am Tag nach der Aktion an der Billstraße konnten einige davon sichergestellt werden. Der Weg des Geldes soll Aufschluss über die Abnehmer geben. Dass Transaktionen offiziell über die Bücher gelaufen sind, glauben die Ermittler nicht. Dennoch hoffen sie, in den Unterlagen Ansätze für weitere Ermittlungen zu finden.

Eimsbüttel ist die Hochburg

Woher die gestohlenen Fahrräder stammen, ist der Kriminalstatistik zu entnehmen. Hamburg und Berlin liegen da ganz vorn – mit je über 800 Fahrraddiebstählen je 100.000 Einwohner. In Hamburg ist Eimsbüttel besonders betroffen: 1132 Räder wurden allein in dem Stadtteil gestohlen. Auf Platz zwei liegt Winterhude. Dort wurden im vergangenen Jahr 802 Fahrraddiebstähle angezeigt. Auf Platz drei folgt Ottensen mit 620. Zum Vergleich: Im gesamten Bezirk Harburg gab es 665 Taten.

Insgesamt kamen in Hamburg 2016 mindestens 17.485 Fahrräder weg. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. „Bei uns sind viele E-Mails von Bestohlenen eingegangen, die bislang den Diebstahl ihres Fahrrades gar nicht angezeigt hatten“, sagt Fürst. Weil die Chance, ein gestohlenes Fahrrad zurückzubekommen, als gering gilt, gehen viele Opfer gar nicht erst zur Polizei. Oft sind es auch alte, klapperige Räder, die gestohlen werden. Das sieht man an den an der Billstraße sichergestellten Fahrrädern. Die Masse ist in einem schlechten Zustand.

3,9 Prozent Aufklärungsquote

Die Aufklärungsquote lag im vergangenen Jahr beim Fahrraddiebstahl bei lediglich 3,9 Prozent. Das liegt laut Ermittlern an den „spurenarmen“ Tatorten. Wird ein Fahrraddieb nicht auf frischer Tat ertappt, ist die Chance, ihn zu ermitteln, sehr gering. Deshalb ist für die Polizei auch der Ansatz, gegen die Hehler vorzugehen, so wichtig: Gibt es keine Abnehmer, macht auch der Diebstahl keinen Sinn. Dafür aber wird es weitere Erfolge wie den in Rothenburgs­ort geben müssen.