Rothenburgsort

Größter Schlag gegen die Fahrradmafia im Norden

180 Polizisten im Einsatz, um 1500 gestohlene Räder sicherzustellen. Gelände an der Billstraße soll Drehscheibe gewesen sein.

Hamburg.  Spektakulärer Coup für die Ermittlungsgruppe „Fahrrad“ der Hamburger Polizei: Die Beamten haben auf dem Gelände von Firmen an der Billstraße in Rothenburgsort mehr als 1500 Fahrräder sichergestellt. Ermittler gehen davon aus, dass ein großer Teil von ihnen aus Diebstählen stammt. Nur mithilfe des Technischen Hilfswerks konnten die Berge von Fahrrädern fortgeschafft werden. Polizeisprecher Timo Zill sprach von einem „einmaligen Erfolg“. Die Polizei, die mit 180 Beamten im Einsatz war, setzte allein 15 Lastwagen ein, um im Pendelverkehr die Räder zu einem angemieteten Lager in Groß Borstel zu bringen.

So erhalten Bestohlene ihr Rad zurück

Mehrere Monate hatten die Beamten der Ermittlungsgruppe auf diesen Tag hingearbeitet. Zuvor waren Hinweise von Dienststellen aus ganz Norddeutschland ausgewertet worden. Dadurch konnten zwei nebeneinander liegende Firmengelände an der Billstraße identifiziert werden, die bei der Polizei als die „Drehkreuze“ des Fahrraddiebstahls gelten. Im Visier der Ermittler: zwei Brüder aus Afghanistan sowie ein Landsmann. Gegen die 42- bis 44-Jährigen wird wegen gewerbsmäßiger Hehlerei ermittelt – es ist nicht das erste Verfahren. Bereits in der Vergangenheit wurde gegen sie ermittelt.

Bereits vor dem Einsatz war klar, dass man große Mengen Fahrräder sicherstellen wird. Das hätte die Asservatenkammer der Polizei überfordert. Deshalb wurde ein Lager angemietet. Zudem musste ein Tag gefunden werden, an dem die große Zahl der Polizisten – eine komplette Hundertschaft und Kripobeamte verschiedener Dienststellen – zur Verfügung stand.

Dienstagmorgen um 9 Uhr: Die Polizei fährt mit einem Großaufgebot an der Billstraße vor. Die Beamten springen aus den Mannschaftswagen und stürmen das Gelände. Gleichzeitig werden zwei Firmengelände an der nahen Großmannstraße, eine Wohnung in Hamburg und eine Wohnung in Essen durchsucht. An der Billstraße sehen sich die Polizisten mannshohen Halden von Fahrrädern gegenüber – von Mountainbikes über Damen- bis zu Kinderrädern.

Halden für Lenker oder Sättel

Es gibt eigene Halden für Lenker oder Sättel. Einige Fahrräder sind offenbar bereits für den Abtransport vorbereitet. Die Vorderräder sind abmontiert und mit Kabelbinder an den Rahmen befestigt. Andere Fahrräder sind auf dem Dach von Containern aufgeschichtet. THW-Helfer bauen ein Gerüst, damit sie abtransportiert werden können.

„In dieser Menge wurden in Hamburg noch nie Fahrräder sichergestellt“, sagt Polizeisprecher Timo Zill. Es ist auch die größte Aktion gegen organisierte Hehlerei in der Geschichte der Hamburger Polizei. Das Gros der Fahrräder, so glaubt die Polizei, stammt aus Hamburg. Es dürften aber auch zahlreiche Fahrräder dabei sein, die irgendwo in Norddeutschland gestohlen wurden.

Sind Sie schon einmal Opfer eines Fahrraddiebstahls geworden?

Einer der Betreiber der Firmen schaut der Durchsuchung zu. Er behauptet: „Ich habe die Fahrräder für 10 Euro das Stück gekauft und für 20 weiterverkauft.“ Sie stammten von Flohmärkten. Die Polizei glaubt das nicht. Sie geht davon aus, dass an der Billstraße der zentrale Anlaufpunkt für Fahrraddiebe aus ganz Norddeutschland war, die dort ihre Beute ablieferten. „Diese These untermauern bereits erlangte Erkenntnisse“, so Zill. Im Osten Hamburgs wurden auffällig oft Sprinter voll mit Fahrrädern gestoppt, die auf die Autobahn und weiter Richtung Osteuropa wollten. Auf den beiden Firmengrundstücken, auf denen auch Un­mengen von Waschmaschinen und Kühlgeräte stehen, hat man die Räder so gestapelt, dass die besseren Fahrräder nicht auf den ersten Blick zu sehen sind.

Wenige gut organisierte Täter

LKA-Chef Frank-Martin Heise macht sich vor Ort ein Bild. „Es hat sich gezeigt, dass es richtig war, trotz knapper personeller Ressourcen die Ermittlungsgruppe einzurichten“, sagt Heise. Die im Mai 2016 etablierte EG „Fahrrad“ ist ein kleineres Gegenstück zur Soko „Castle“, die zur Bekämpfung der Einbruchskriminalität gegründet wurde. „Wir gehen, wie beim Einbruch, auch beim Fahrraddiebstahl davon aus, dass wenige gut organisierte Täter für einen großen Teil der Taten verantwortlich sind“, sagt Zill. „Somit war der Ansatz die Ermittlungsgruppe zu gründen, genau der richtige Weg.“

Im vergangenen Jahr wurden allein in Hamburg 17.485 Fahrraddiebstähle angezeigt. Lediglich 3,9 Prozent der Taten – 690 Fälle – konnten aufgeklärt werden. In diesem Jahr dürfte das anders werden. In den kommenden Monaten wird versucht, die Fahrräder einzelnen Straftaten zuzuordnen. Erste Räder konnten bereits als gestohlen identifiziert werden.