Wilhelmsburg

Türkei-Referendum: Warum stimmten so viele mit Ja?

| Lesedauer: 4 Minuten
Edgar S. Hasse und Julia Adame y Castel
Im türkischen Konsulat in Hamburg haben die meisten Wähler für die Verfassungsänderung gestimmt

Im türkischen Konsulat in Hamburg haben die meisten Wähler für die Verfassungsänderung gestimmt

Foto: Michael Rauhe / HA

Autoritäres Regime in Ankara und Demokratie in Deutschland sind für viele Türken kein Widerspruch.

Hamburg.  In der türkischen Community gab es auch am zweiten Tag nach dem Verfassungs­referendum nur ein Gesprächsthema: der knappe Sieg von Staatschef Recep Tayyip Erdogan und die relativ hohe Zustimmung für ihn in Hamburg. Während insgesamt nach den bisherigen Auszählungen 51,4 Prozent für Erdogan und damit sein autoritäres Präsidialsystem stimmten, waren es in der Hansestadt 57 Prozent.

Auch rund um den Wilhelmsburger S-Bahnhof ist der Ausgang des Referendums ein Thema. Gerade steigen zwei Studenten aus der Bahn, einer von ihnen hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Der 22-Jährige sagt, er habe mit Ja gestimmt. „Erdogan hat der Türkei während seiner Amtszeit mehr Gutes gebracht als in den gesamten 30 Jahren zuvor. Endlich spricht man mal wieder über die Türkei“, sagt er und fügt hinzu, die Deutschen würden das Präsidialsystem mit dem Aufstieg Hitlers vergleichen.

Wahl von Emotionen geleitet

Aber in der Türkei laufe es anders. „In Deutschland funktionieren Koalitionen. SPD und CDU können zusammenarbeiten. In der Türkei geht das nicht. Die Türkei braucht einen Führer.“ Eine 19 Jahre alte Auszubildende mit türkischer Staatsbürgerschaft stellt sich zu den beiden Studenten. Sie trägt ein rosa Kopftuch und sagt, sie habe ebenfalls mit Ja gestimmt. „Jetzt wird es wieder bergauf gehen.“ Sie hoffe, besser als bisher in die deutsche Gesellschaft integriert zu werden.

Wie stark diese Wahl von Emotionen geleitet wurde, betonen türkischstämmige Politiker und Wissenschaftler der Universität Hamburg in ersten Analysen. Onur Inal vom Türkei-Europa-Zentrum der Uni begründet die relativ hohe Hamburger Zustimmung für die Verfassungsänderung mit der „emotionellen Bindung zwischen den in Hamburg lebenden Türken und Erdogan“. Aufgrund seiner Politik fühlten sie sich enger als früher mit der Türkei verbunden. So hätten die Auslands­türken erst durch ihn das Wahlrecht bekommen. „Er hat ihnen das Bewusstsein und das Gefühl gegeben, dass sie zum Heimatland Türkei gehören.“

So umstritten ist das Türkei-Referendum:

Manipulationsvorwurf: So umstritten ist das Türkei-Referendum
Manipulationsvorwurf: So umstritten ist das Türkei-Referendum

Die Wahl am Sonntag hatte immerhin 50,54 Prozent der wahlberechtigten Türken in Hamburg mobilisiert. Rund 84.800 gaben ihre Stimme ab. Neben den Emotionen spielte auch die „Sehnsucht nach einem starken Mann“ eine Rolle, sagt die Linken-Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft, Cansu Özdemir – nach einem Mann, der alles selbst entscheide, religiöse, nationalistische und konservative Werte vertrete.

Hart geht die kurdische Politikerin mit den Hamburger Erdogan-Anhängern ins Gericht, wenn sie sagt: „Es ist schon feige, sich für Repressionen und Dikatur in der Türkei auszusprechen und hier Grundrechte zu genießen.“ Ob es nach dem Referendum zu einer Zuspitzung des Konflikts mit den Kurden komme, könne sie nicht vorher­sagen. „Ein wichtiger Schritt wäre es aber, wenn die Bundesregierung ihre Waffenexporte in die Türkei stoppt.“

Spannungen zwischen Türkei und Deutschland

Die Türkische Gemeinde in Hamburg hat unterdessen ihr Nein zur Einführung­ des Präsidialsystems be­kräftigt. Dirk Tröndle ist ihr Geschäfts­führer, für ihn war die Abstimmung eine „politische Stimmungs- und Standortbestimmung“. De facto sei das Referendum zu einer Persönlichkeitswahl für oder gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan geworden. Tröndle, der von den 1990er-Jahren bis 2014 in der Türkei gelebt und gearbeitet hat, hegt grundsätzliche Zweifel am Sinn von Volksabstimmungen. „Die dafür notwendige Sachkenntnis kann doch nicht von jedem Wahlberechtigten abverlangt werden.“

Ein weiteres Motiv für das Ja der Hamburger Türken sind nach Ansicht des Wissenschaftlers Onur Inal die Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland gewesen. So sei die Entscheidung zugunsten von Erdogan gefallen. „Außerdem muss man erwähnen, dass Erdogan-nahe Vereine und Unterstützer besser organisiert und finanziert waren“, sagte Onur Inal. Zwar steht momentan der Vorwurf der Wahlmanipulation im Raum.

Erdogans Referendum: hier weitere Reaktionen

Aber der türkischstämmige Arzt Mustafa Yoldas von der Hamburger Schura blickt nach vorn: „Das Referendum in der Türkei ist vorbei. Beide Seiten müssen nun verbal abrüsten und den Scherben­haufen der letzten Wochen aus dem Weg räumen.“ Die Türkeistämmigen in Europa dürften durch den Konflikt nicht weiter aufgerieben werden. Die Türkische Gemeinde will in der „aufgeheizten Debatte“ Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellen. Die EU-Beitrittsverhandlungen dürften nicht abgebrochen werden. Deutschland sei in der Pflicht für einen konstruktiven Dialog , heißt es in einer Erklärung.

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