Immobilien

Platz für Familien – und das mitten in Altona

An der Harkortstraße wächst das neue Viertel bereits in die Höhe. Die Vermarktung der Wohnungen hat begonnen, die Nachfrage ist groß

An der Harkortstraße wächst das neue Viertel bereits in die Höhe. Die Vermarktung der Wohnungen hat begonnen, die Nachfrage ist groß

Foto: Michael Rauhe / HA

Das Abendblatt stellt die Hamburger Neubaugebiete vor. Heute Teil 4: Neue Mitte Altona.

Hamburg.  Als der Hamburger Architekt André Poitiers sich erste Gedanken zu diesem neuen, riesigen Wohngebiet mitten in Altona machen wollte, nahm er keinen Bleistift – sondern ein Flugzeug. Mit einer Cessna überflog der Planer mit Pilotenlizenz immer wieder die Stadtteile Altona-Nord und Ottensen, die direkt an das alte Bahngelände dort angrenzen. Er wollte die „Körnung“ dieses Areals erfassen, wie er es nennt. Und die besteht vor allem aus gründerzeit­lichen Blöcken, fünf bis sieben Geschosse hoch.

So ähnlich entwarf Poitiers dann auch sein städtebauliches Konzept für die beiden Bauabschnitte eines Gebiets, das nach der HafenCity unter der Bezeichnung „Neue Mitte Altona“ als zweitgrößtes Stadtentwicklungsprojekt Hamburgs gilt. Insgesamt gut 3600 Wohnungen sollen hier gebaut werden. 2010 hatte Poitiers mit seiner Vorstellung den städtebaulichen Wettbewerb bereits gewonnen.

Insgesamt entstehen hier 3600 Wohnungen

Es folgten lange Verhandlungen der Stadt mit Immobilienunternehmen, die sich die Grundstücke für den ersten Abschnitt schnell gesichert hatten. Über den Bau von Kitas, einer Schule, einen Park und um die Kosten der Erschließung ging es dabei. Möglichst „barrierefrei“ sollten die Gebäude zudem werden. Ein Konzept für ein verkehrsarmes Wohnen mit wenigen Autos wurde zudem verlangt.

All das zahlten die Eigentümer, dafür wurde aus dem ehemaligen Güterbahngelände nun Bauland – was durchaus eine Wertsteigerung von vielleicht 300 Euro pro Quadratmeter auf geschätzt weit über 1000 Euro zur Folge hatte. 2014 feierte der Senat den ersten symbolischen Spatenstich, seit 2016 wird an den ersten Blöcken nun gebaut: zunächst im ersten Abschnitt der Neuen Mitte, wo 1600 Wohnungen geplant sind. Der zweite Abschnitt mit noch einmal 1900 Wohnungen jenseits der sogenannten Quietschkurve der Bahngleise kann erst angegangen werden, wenn wie geplant der Altonaer Fernbahnhof 2023 zur heutigen S-Bahn-Station Diebsteich verlagert ist und die teils maroden Gleisanlagen abgeräumt werden.

Kritiker bemängeln, die Bebauung werde zu eng

Wie aber der erste Abschnitt der Neuen Mitte aussehen wird, zeigt sich seit den vielen Architektenwettbewerben schon jetzt deutlich. Es sind tatsächlich Blöcke mit Innenhöfen geworden, wie man sie auch im nahen Ottensen kennt, sie sind aber eben nicht gründerzeitlich, sondern zeigen sich als moderne Architektur, die von Kritikern schon einmal als kastenartig empfunden wird. Ziemlich dicht stehen die „Kästen“ dort nun zusammen.

Es drängt sich leicht der Eindruck auf, dass die Investoren im Handel mit der Stadt auch viel Baumasse herausgeschlagen haben. „Gebe ich dir einen Park, gibst du mir mehr Quadratmeter“ – so ähnlich kann man sich das wohl vorstellen. Selbst aus dem Bauamt Altona gab es Kritik: zu eng, zu wenig Sonne, murrte der frühere Bau­dezernent des Bezirks. Sein Nachfolger Johannes Gerdelmann ist da entspannter, er war aber zuvor auch für die Stadtentwicklungsbehörde eine Art Chefplaner für die Neue Mitte. „Bisschen eng, vielleicht“ , räumt er ein. Das aber werde mit „hoher architektonischer Qualität“ wettgemacht.

Enorme Nachfrage

Wie auch immer: Wer sich mit Verkäufern der dort aktiven Immobilien­firmen unterhält, schaut in zufriedene Gesichter. Eine enorme Nachfrage zeichne sich bereits jetzt ab, heißt es dann. Der typische Interessent wolle urban und zentral wohnen und möglichst auf ein Auto verzichten können. Viele Kunden wohnten bereits in der Nähe und wollen sich nun, wo sich Nachwuchs ankündigt, vergrößern – ohne aufs Land ziehen zu müssen.

Das aber hat seinen Preis: Frei finanzierte Mietwohnungen kosten im ersten Abschnitt zwischen 16 und 18 Euro kalt pro Quadratmeter, erfährt man erstaunt. Im Umland liegt die aktuelle Schamgrenze der Vermieter gerade einmal bei 10 Euro. Und Eigentumswohnungen werden in der Neuen Mitte mit Quadratmeterpreisen zwischen 5200 bis 6000 Euro gehandelt, heißt es. Auch das sind Preise, die locker dem Doppelten dessen entsprechen, was man im Umland zahlen müsste.

Kein Besserverdiener-Getto

Dennoch wird die Neue Mitte kein Besserverdiener-Getto: Wie überall hat der Senat hier seine Drittelmix-Forderung durchgesetzt: Ein Drittel der Wohnungen werden deshalb Sozialwohnungen sein. Und daher bauen auch Wohnungsgenossenschaften wie die Altoba und die städtische Saga in der Neuen Mitte. Zwischen 6,40 und 8,80 Euro kostet da dann die Kaltmiete. Und es gibt trotz langer Wartelisten bei den Wohnungsgenossenschaft die Chance, dass man auch als Neumitglied eine solche Wohnung noch bekommt, sagt Altoba-Sprecherin Silke Kok. In Neubaugebieten komme man „erfahrungsgemäß“ besser zum Zuge.

Dennoch: Zwischen den Mietpreisen für Sozialwohnungen und normalen Mietwohnungen klafft hier offenkundig ein großer Spalt. Bezieher mittlerer Einkommen könnten da außen vor bleiben. Daher ruht nun auch die Hoffnung auf den zweiten Bauabschnitt der Neuen Mitte. „Wir brauchen mehr kleine Baugemeinschaften und mehr Angebote im mittleren Preissegmet“, fordert der Stadtplanungsexperte der Altonaer Grünen, Christian Trede. Eine Forderung, die nicht unerfüllbar ist. Diesmal muss die Stadt nicht verhandeln oder Zugeständnisse machen: Für knapp 40 Millionen Euro hat sie der Bahn das Gelände bereits selbst abgekauft.