Hamburg

Kann dieser Mann Erdogan die Stirn bieten?

| Lesedauer: 10 Minuten
Christoph Heinemann und Juliane Kmieciak
Ditib-Landeschef
Sedat Simsek auf dem Hof der Zentrale in Hamm. Die Regierung in Ankara verlangt von dem studierten Physiker Nationaltreue – die Stadt Hamburg will nach den jüngsten Skandalen Reformen

Ditib-Landeschef Sedat Simsek auf dem Hof der Zentrale in Hamm. Die Regierung in Ankara verlangt von dem studierten Physiker Nationaltreue – die Stadt Hamburg will nach den jüngsten Skandalen Reformen

Foto: Michael Rauhe / HA

Bei der muslimischen Religionsgemeinschaft Ditib tobt ein Machtkampf. Landeschef Sedat Simsek gerät dabei zwischen die Fronten.

Hamburg. Noch kein Skandal an diesem Tag, deshalb holt Sedat Simsek erst einmal Tee. Er schlurft im gedrungenen Gang eines Kellners die Treppe hinunter und kommt mit drei Gedecken zurück, mintgrünes Hemd, herabschlaffendes Jackett, leises „Kommen Sie“, kein Lächeln.

„Willkommen bei Ditib“, sagt Sedat Simsek, er überragt kaum seinen Schreibtisch.

Willkommen bei dem Mann, der den Landesverband Nord der derzeit berüchtigten muslimischen Religions­gemeinschaft aus einem Hinterhof in Hamm leitet. Dem Mann, von dem einige sagen, ausgerechnet er könne Recep Tayyip Erdogan die Stirn bieten.

Sein Islam sei liberal und weltoffen

Er werde offen sein, sagt Simsek, es gibt viel zu besprechen. Ditib in der Öffentlichkeit, das war zuletzt: Spionagevorwürfe, weihnachtsfeindliche Karikaturen, verachtende Facebook-Posts, eine Moschee im Visier der Verfassungsschützer. Die Debatte darüber, ob Hamburg die Ditib nicht hochkant aus dem Staatsvertrag werfen müsse.

Das Büro von Sedat Simsek, das sind: fleckige Wände und volle Regale, deutsche Plakate für Jugendarbeit, ein Rhetorikbuch, ein Ständer mit Fähnchen von Deutschland, der EU, der Türkei und Ditib. Ein Hausherr, der mitgenommen aussieht und sagt, sein Islam sei doch liberal und weltoffen. „Die Zukunft von Ditib liegt in der Anbindung an die deutsche Gesellschaft, nicht woanders. Dafür trete ich ein.“

Was will Ditib wirklich?

Da passt etwas nicht zusammen. Was will Ditib wirklich? Unter der Oberfläche ist ein Kampf zwischen Mitgliedern, Imamen, Reformern und Regimehörigen darum im Gange, ob man sich dem Druck aus der Türkei entgegenstellen oder fügen soll. Für Hamburg hängt vom Ausgang ab, ob die Religionsgemeinschaft mit ihren 35 Moscheen in Hamburg und Schleswig-Holstein Freund oder Feind der Demokratie ist.

Sedat Simsek ist der Mann zwischen den Fronten. In Ankara wird erwartet, dass sich Simsek und seine Kollegen nationaltreu verhalten. Eine hochrangige Beamtin der Stadt Hamburg sagt, Sedat Simsek sei ein guter Partner, aber er müsse liefern: „Wir erwarten, dass sich Ditib zum Positiven ändert.“ Sedat Simsek soll aus Hamburg heraus Reformen vorantreiben. Ob er das schaffen kann, weiß er wahrscheinlich selber nicht.

Familie des Chefs leidet selbst unter Verboten

Bislang ist alles irgendwie über ihn gekommen, zumindest erzählt es Sedat Simsek so. Der Ditib-Landesvorsitzende lebt seit frühester Kindheit in Hamburg. „Warum ich gläubig bin, weiß ich nicht. Aus meiner Familie kommt das jedenfalls nicht“, sagt Simsek. Trotzdem engagierte er sich bei Ditib, erst in Jugendgruppen, später im Verband. Der Glaube gebe ihm eine Erfüllung, sagt Simsek, aber er kann das nicht in Worte kleiden.

Da spricht kein Geistlicher, sondern ein studierter Physiker. Jahrelang beobachtete er bei Desy in Bahrenfeld Elementarteilchen. „Im Islam sind Wissenschaftler, Mathematiker, Physiker und Astronomen oft auch große Theologen gewesen“, sagt Simsek. 2009 wurde der Familienvater gefragt, ob er sich vorstellen könne, ehrenamtlicher Vorsitzender von Ditib zu sein. Simsek sagte zu: „Ich will mich für eine Gesellschaft engagieren, in der Menschen vorurteilsfrei miteinander leben.“ Das sei das Wesen des Islam. Um die Machtverhältnisse bei Ditib wusste er genau Bescheid.

Entscheidungen werden in Köln getroffen

Die wichtigen Entscheidungen bei Ditib werden in Köln getroffen, dort hat sie ihren Hauptsitz. Dort dominieren Attachés, fromme Beamte aus Ankara, sagen Ditib-Kenner. Die Attachés sind die Chefs der Imame in den Moscheen. Simsek warf seinen alten Job hin und wurde hauptamtlicher Koordinator für ein Jugendprojekt der Ditib in Hamburg, Basisarbeit, Menschen helfen. Die Aufgabenteilung war klar und passte. Damals.

Die Veränderung kam erst langsam und später drastisch, heißt es von Mitgliedern, die lieber anonym bleiben wollen. Ankara wollte mehr, schickte neue Anforderungen. „Die Attachés werden für zwei, drei Jahre nach Deutschland entsandt. In dieser Zeit wollen sie möglichst viel bewegen“, sagt ein Insider. Möglicherweise auch Spionage, um die eigene Regierung zu beeindrucken – mit Imamen als Erfüllungsgehilfen.

Verlängerter Arm der Regierung

In Deutschland wurde Ditib immer mehr zum verlängerten Arm der Regierung, in der Türkei trafen die Umwälzungen auch Familienmitglieder von Türken, die hier in Deutschland leben. Nach Abendblatt-Informationen wurden auch mehrere Dutzend Familienmit­glieder von Sedat Simsek in der Türkei mit Berufsverboten belegt, darunter zwei Ärzte. Simsek will das weder bestätigen noch dementieren.

Manchmal scheint es, als ob Simsek die Praktiken der türkischen Regierung wie ein Naturgesetz nimmt, das man nicht ändern kann. Konkret wird er nie, sagt nur: „Einige Geschehnisse sind nicht akzeptabel.“

Der Versuch, alles zu parieren

Derzeit gibt es viele dieser Geschehnisse. Auf der anderen Seite des Flurs hat ein Attaché sein Büro. Aus dem Umfeld von Ditib heißt es, die guten Tage wären die, an denen sie sich nicht treffen. Hallo und Tschüs. Mehr ist da nicht länger. Darauf angesprochen, sagt Simsek nur: „Wir schätzen die theologische Bedeutung unseres Attachés. Wir sind selbstverständlich um diplomatische Beziehungen bemüht.“

Sedat Simsek versucht allein, alles zu parieren, was auf ihn einprasselt. Es ist nicht so, dass er jede Aufregung nachvollziehen kann. Dass der Verfassungsschutz etwa nun die Muradiye-Moschee in Wilhelmsburg überprüft, sei nicht ganz fair: Die Moschee habe junge, radikale Muslime nicht zum Freitagsgebet eingeladen, sondern diese hätten plötzlich vor der Tür gestanden. „Die Moschee hat versucht, diese Leute wieder in ein normales Umfeld zu bringen“, sagt Simsek.

Mutmaßliche Spionage

Vom schweren Vorwurf der mutmaßlichen Spionage durch Imame der Ditib will Simsek aus der Zeitung beim Frühstück erfahren haben. „Für Hamburg kann ich ausschließen, dass es solche Praktiken gab“, sagt er. Er kann das nur deshalb bestimmt sagen, da er noch Verbündete und Quellen hat, über die er nicht spricht. Nur so viel: „Es gibt ganz unterschiedliche Strömungen bei Ditib, im Konsulat und bei Diyanet“, der türkischen Religionsbehörde. Sedat Simsek wägt seine Worte ab. Dass es keine Versuche gegeben hat, Imame auch in Hamburg zur Spionage anzuweisen, sagt er nicht ausdrücklich.

Im Rathaus haben sie ihn in den vergangenen Wochen eingeladen, ihn befragt, auch abgeklopft, ob Sedat Simsek die Ditib noch im Griff hat. Das Urteil: eher nicht, aber Simsek sei ein glaubwürdiger Demokrat, ein Reformer. „Wir leiden ein bisschen mit ihm“, sagt ein Beamter. Man neige dazu, Sedat Simsek zu unterschätzen, vielleicht täten das auch die Attachés. Selbst bei der CDU, die die Kündigung des Staatsvertrags fordert, wird Simsek nicht als Teil des Problems gesehen. Der Unterschied ist: Sie glauben nicht an ihn.

Attachés der Türkei klammern sich an Macht

Simsek hat einen Plan, über den er nicht sprechen will. Klar ist, dass Neuwahlen im Ditib-Bundesverband anstehen. Dabei geht es um viel. Es heißt, dass die Reformer einen Umsturz planen, die Attachés per Satzung aus dem Vorstand ausschließen wollen. Und eigentlich hätten die Wahlen schon vor zehn Monaten stattfinden sollen. „Wir hoffen, dass es nun bald so weit kommt“, sagt Simsek. Wie er zu den Reformen steht? „Ich kann nur sagen, dass ich es für wichtig halte, dass Ditib in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Wenn dafür Reformen nötig sind, dann würde ich diese unterstützen.“

Es heißt, dass es viele Unterstützer gibt für die Neuregelungen, selbst bei einzelnen Attachés. Aber es gleiche alles einem Maskenball, die Loyalitäten und Absichten sind schwer zu erkennen – und es spielen mehr Akteure als nur Ditib eine Rolle. So lehnten etwa die Konsulate Spionage ab; gleichzeitig erwiesen sie der türkischen Regierung gern Gefälligkeiten. Der Senat hält sich zurück, aber das kann sich rasch ändern. Wenn der Staatsvertrag gekündigt würde, wäre dies für die Reformer ein Schlag.

Bund hat Förderungen gekappt

Nach dem ersten Treffen geht Simsek über Tage nicht an sein Telefon, ruft nicht mehr zurück, beantwortet keine Mails mehr. Der „Zeit“ hatte er ein schriftliches Interview gegeben und gesagt, er sehe Auftritte von türkischen Politikern in Deutschland kritisch. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu ist an der Konsulatsresidenz an der Alster aufgetreten, Sedat Simsek blieb zu Hause. Ihn interessiere das nicht.

Als dann doch noch ein Treffen klappt, sagt Simsek, dass er nicht mehr über Politik sprechen möchte. Ob man noch etwas zur Jugendarbeit wissen wolle, fragt er. Nach den Skandalen hat der Bund aber im Januar alle Förderungen gekappt, auch Simsek bekommt in seinem Hauptamt kein Gehalt mehr.

Widersacher wollten ihn anschwärzen

Nach Abendblatt-Informationen sind seine Aussagen zu den Wahlkampfauftritten nicht gut angekommen. Es heißt, Widersacher seien zum Bundesvorstand gefahren, um ihn dort anzuschwärzen. Es wurde die Frage gestellt, ob Simsek als Ditib-Vorsitzender tragbar sei. Das zweite Treffen in Simseks Büro ist kurz, danach ist er zu einem intensiven Gespräch bei Innensenator Andy Grote (SPD) gebeten. Tee gibt es nicht mehr. Auf dem Tisch steht Wasser.

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