Lesung

Geschichten aus dem Taxi: Literatur auf der Straße

Jochen Rausch am Montag im Nochtspeicher mit seinem Buch "Im Taxi"

Jochen Rausch am Montag im Nochtspeicher mit seinem Buch "Im Taxi"

Foto: Irene Jung / HA

Jochen Rausch hat aus den Anekdoten, die ihm Taxifahrer erzählt haben, ein Buch gemacht – und am Montag vorgestellt.

Hamburg. Wenn Jochen Rausch zu einem Fahrer ins Taxi steigt, fragt er: „Wie geht es Ihnen?“ Fast immer hört er dann eine Geschichte – komisch, tragisch, manchmal aberwitzig. Irgendwann hat der Autor, Musiker und Journalist begonnen, nachzufragen und sich Notizen zu machen - zum Glück: Sein Buch „Im Taxi“, das er am Montag im Nochtspeicher vorstellte, gibt Einblicke in überraschende Lebens- und Erfahrungswelten, die man im fahrenden Dienstleistungsgewerbe nicht vermutet hätte. Eingeladen hatten Tina Uebel und Friederike Moldenhauer in ihrer Lese-Reihe Yachtclub.

„Viele Fahrer stehen stundenlang am Warteplatz und sind froh, wenn sie sich unterhalten können“, sagt Rausch. Es sind Gespräche auf der Kurzstrecke. Manche Fahrer sprudeln fast über vor Mitteilungsdrang, andere kommen erst zögernd ins Erzählen. Einer schrieb abgeblich selber Gedichte, „so wie Bukowski, will aber keiner haben“. Ein anderer erzählte, dass seine Familie in Sarajevo erschossen wurde, als er und seine Frau Wasser holen wollten. Ein dritter berichtete von einer Fahrt mit Hund, einer „zitternden Fusselratte namens Bini“, die vor einer Villa von einem livrierten Diener in Empfang genommen wurde. Ein St.-Pauli-Fan nimmt Fahrgäste mit HSV-Schal gar nicht erst mit.

Kein Taxifahrer wollte Taxifahrer werden

„Früher sind viele Studenten eine Zeitlang Taxi gefahren“, sagt Rausch, „heute begegne ich hauptsächlich älteren, die eigentlich andere Lebenspläne hatten. Ich habe noch nie einen Taxifahrer getroffen, der Taxifahrer werden wollte.“ Einer war Frisör, einer Aktienhändler. Oft haben die Fahrer einen bewegten Migrationshintergrund wie etwa der Arzt aus Iran, der „lieber Taxifahrer in Deutschland als Arzt bei den Mullahs“ ist, aber immer noch einmal im Jahr mit dem Taxi 5000 Kilometer in die alte Heimat fährt. Rausch liest auf dem Sofa im Schein einer Fransenschirmlampe, das leider nur kleine Publikum hört gebannt und amüsiert zu. Im Taxi sitzen zwei Unbekannte zusammen wie in einer Raumkapsel und reden über unglückliche Ehen, Sorgen um die Kinder, die Freundin in Pattaya, über metaphysische Themen wie Freiheit, Verantwortung, Tod. „Vier Räder, ein Lenkrad, zwei Leute“ - das Setting für einen ganzen Kosmos.