Gute Tat

Hilfsbereiter Flüchtling rettet Hamburger aus der Misere

Finder Montaser Soliman, Flüchtling aus Iserbrook, mit  Michael Solbisky (v.l.), dem er das  Portemonnaie zurückbrachte

Finder Montaser Soliman, Flüchtling aus Iserbrook, mit Michael Solbisky (v.l.), dem er das Portemonnaie zurückbrachte

Foto: Marcelo Hernandez

Montaser Soliman findet ein Portemonnaie, macht den Besitzer unter großem Aufwand ausfindig – und wird reich belohnt.

Hamburg. In der Einzimmerwohnung, die Montaser Soliman mit seiner Frau Farah teilt, herrscht beste Stimmung. Michael Solbisky staunt über die riesige Obstschale, die das Ehepaar aufgetischt hat. Lachend reibt er sich die Hände: „Das sieht ja viel zu gesund aus.“ Solbisky ist es wichtig, dass „die Geschichte“ in die Zeitung kommt und von vielen gelesen wird. „Es wird so viel Schlechtes über Flüchtlinge erzählt“, sagt der Hoteldirektor ernst, „hier gibt’s auch mal was Gutes zu berichten.“

Vor rund zwei Wochen hatte Solbisky sein Portemonnaie in der S-Bahn verloren. Stundenlanges Suchen brachte nichts, schließlich ließ er seine Karten sperren und gab die Sache verloren.

Er wollte den Verlierer auftreiben

Doch die Geldbörse landete bei einem ehrlichen Finder, und obwohl Montaser Soliman fast kein Deutsch spricht, war für ihn klar: Er wollte den Verlierer auftreiben und ihm das Fundstück zurückgeben.

Der 27-jährige Palästinenser, der wie seine Familie aus Aleppo nach Deutschland flüchtete, rief eine Telefonnummer an, die er auf einer von Solbiskys dienstlichen Visitenkarten fand. Nur höchst mühsam konnte er in Erfahrung bringen, dass der langjährige Direktor des Travemünder Rosenhofs mittlerweile den Job gewechselt hatte und vorwiegend in Düsseldorf arbeitet.

Doch Soliman gab nicht auf. „Meine Religion sagt mir, dass ich ehrlich sein soll“, erläutert er, „deshalb war es für mich undenkbar, das Portemonnaie selbst zu behalten.“

Er sagte immer wieder das Wort "Ehre"

Weil er keine weitere Telefonnummer fand, schrieb er mithilfe seines Bruders Ahmad, der in Leipzig studiert, einen Brief an Michael Solbisky, der in Lemsahl-Mellingstedt wohnt. Wiederum mit Unterstützung Ahmads vereinbarten die beiden ein Treffen am Hauptbahnhof, bei dem Michael Solbisky die Geldbörse zurückbekam. Finderlohn wollte Montaser Soliman aber partout nicht annehmen. „Er wurde fast ärgerlich“, erinnert sich Solbisky, und sagte immer wieder das Wort Ehre.

Trotzdem gab es für den ehrlichen Finder doch noch eine Belohnung. Denn Michael Solbisky, der sich im Laufe seines langen Berufslebens gute Menschenkenntnis zugelegt hat, war vom Auftreten der Brüder überzeugt. „Die beiden sind sympathisch und ehrlich“, sagt Solbisky, „etwas ganz Besonderes.“

Arbeit als Einstieg

Um dem mittellosen Flüchtling zu helfen, nutzte er seine Kontakte und vermittelte ihm einen Job in einer Rosenhof-Gärtnerei. Die Arbeit ist als Einstieg gedacht, denn Montaser Soliman will unbedingt Pharmazie studieren. In Kursen lernt er jetzt erst mal Deutsch – verstehen kann er schon eine ganze Menge.

Zwei Wochen später sieht Michael Solbisky seinen Eindruck bestätigt. Mit Ehefrau Nannett ist er der Einladung der Solimans gefolgt, die ihren Gästen neben den vielen Obstsorten auch arabische Süßigkeiten und Saft anbieten. Solimans Bruder Ahmad, der erst knapp zwei Jahre in Deutschland lebt und die Sprache schon fließend spricht, übersetzt für die beiden Ehepaare. Dass er zu diesem Treffen extra aus Leipzig angereist ist – Ehrensache.

Demnächst Gegeneinladung

Die Zerstörung von Aleppo ist eines der Themen, und Farah berichtet, wie beengt ihre Familie in einer Wilhelmsburger Flüchtlingsunterkunft haust. Die Solbiskys sind sichtlich bewegt, treffen aber mit ihrer freundlichen, offenen Art genau den richtigen Ton. Demnächst werden sie sich mit einer Gegeneinladung revanchieren – auch das ist eben „Ehrensache“.

Für ein Foto drückt Michael Solbisky den viel schmächtigeren Montaser und sagt: „Dieser junge Mann hat mir einen Haufen Ärger erspart.“ Und was die Zukunftspläne des ehrlichen Finders betrifft, ist er zuversichtlich: „Wenn Soliman sich vornimmt, Pharmazie zu studieren, dann schafft er das auch. Da bin ich mir ganz sicher.“