Hamburg

Die ganze Kneipe ist ein Quiz – da rauchen die Köpfe

| Lesedauer: 8 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Blick in die Gaststätte Galopper des Jahres während des Kneipenquiz

Blick in die Gaststätte Galopper des Jahres während des Kneipenquiz

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

In Gaststätten wie dem "Galopper des Jahres" kann man neuerdings den Wissensdurst stillen. Spannung und Bierkonsum steigen.

Sternschanze.  Die Hauptstädte der deutschen Bundesländer? Nichts leichter als das! Allerdings gewinnt die Frage an Pfiff, wenn man oben auf der Empore steht, zwei Rivalen neben sich hat, in Sekundenschnelle abwechselnd reagieren muss, keine Doppelnennung haben darf – und mehr als 100 Augenpaare auf einen gerichtet sind.

Der Kandidat des Teams „Bratzes Freunde“ hat die stabilsten Nerven und besiegt die Mannschaft „Bierliebe“ in diesem Stechen knapp. Zur Belohnung gibt’s eine Runde Freibier für den Tisch. Doch schon startet Durchgang zwei. Im Minutentakt stellt Moderatorin Michaela knifflige Aufgaben. Jede Gruppe muss sich kurz intern abstimmen und die Lösung in die ausgeteilten Bögen eintragen. Ausgewertet wird in drei Durchgängen à 10 Fragen. Es kommt auf Grips, Tempo und Fantasie an. Weil originelle, nicht ganz korrekte Antworten einen „Humorpunkt“ bringen können.

Wo die Rebellen feierten

Zwar ist durchaus Ehrgeiz im Spiel, doch überwiegt der Spaß im „Galopper des Jahres“ bei Weitem. Wie könnte es in einem Lokal mit diesem Namen auch bierernst zugehen? Geschäftsführer Benjamin Poppitz, von allen „Benji“ genannt, kann sich freuen: Die ganze Kneipe ist ein Quiz und bis auf den letzten Platz besetzt. Einige stehen, andere müssen notgedrungen wieder gehen. Poppitz ist gelernter Hotelfachmann, war nach der Ausbildung im Elysée in aller Hotelwelt im Einsatz und arbeitet seit 2013 im Galopper des Jahres. Dort feierten jüngst übrigens die Rebellen der Handelskammerwahl ihren Triumph.

Auch in anderen Gaststätten der Hansestadt hat das Modell Kneipenquiz Hochkonjunktur. Neben dem Galopper des Jahres im Haus 73 abseits der Roten Flora, im Aalhaus in Altona oder im Molotow Club am Nobistor wird regelmäßig und öffentlich gewusst oder geraten. In den britischen und irischen Pubs geht’s oft in englischer Sprache zur Sache. Und auch in anderen Lokalitäten stehen solche Wettbewerbe auf dem Programm – allerdings meist ohne festen Monatstakt.

Unterhaltung gewünscht

„Was anfangs ein Nischenthema war, gewinnt immer mehr an Zuspruch“, weiß Nils Warkentin vom Molotow. „Die Leute wollen nicht nur trinken, sondern sich unterhalten lassen.“ Sein Club ist während solcher Spieleabende mit Teams zwischen drei und sechs Personen stets ausgebucht; und im Sommer sitzen die Besucher zudem im Garten oder auf der Außentreppe.

Im Aalhaus wurde das abendliche Quizvergnügen schon 2011 gestartet. Im Winter ist der Laden mit 140 Gästen immer rammelvoll; im Sommer mit zusätzlichem Außenbereich machen bis zu 200 Personen mit. Gemeinsam mit seinem Partner Darren Grundorf professionalisierte Tom Zimmermann die Idee des lustvollen Quizzens im Team. Mittlerweile gibt es Brettspiel, Buch und Veranstaltungen in Firmen, Museen und sogar im Radio. „Die Gäste finden es spannend, wenn Quiz und Kneipenatmosphäre im Einklang stehen“, sagt Zimmermann. Seinen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Musikhochschule hat er quittiert.

Drinks als Preise

Im Galopper des Jahres stieg der kreative Spaß erstmals kurz nach der Kneipengründung 2013. Die separaten Fußball-Quizrunden laufen in der dritten Saison. Das Kalkül: Das Lokal wird an einem sonst eher trägen Wochentag gut gefüllt. Der Wirt gibt ein paar Drinks als Preise aus. Die Gäste haben freien Eintritt, konsumieren jedoch. Umsatz und Spaß steigen. Kurz: Die Rechnung geht für beide Seiten auf.

Im Galopper des Jahres wird der Wissensdurst knapp drei Stunden auf kreative Art gelöscht. Dabei steht der Teamgedanke im Vordergrund. Es wird gelacht, geflachst, lautstark angespornt, applaudiert. Kellner Jorge & Kollegen haben alle Hände voll zu tun. Hinter der Theke zapft Barchefin Daggi Bierspezialitäten wie Krug-Urstoff, Wildwuchs-Fastmoker Pils, Spezial Rauchbier oder Zwickel. Industrieware zischt hier nicht aus dem Hahn.

Plötzlich kehrt Ruhe ein. Michaela Baetgen, Quizmasterin und Moderatorin in Personalunion, greift erneut zum Mikrofon. Ihre lockere und motivierte Art wird mit Beifall bedacht. Ein Naturtalent. Früher war die 34 Jahre alte Betriebswirtin, die im Organisationsmanagement einer namhaften Hamburger Privatbank arbeitet, selbst Gast beim Kneipenquiz. Seit 2013 denkt sie sich die Fragen aus und stellt diese dann vor Ort. Eigentlich macht sie dies im Duett mit Kollegin Eva, doch weilt die Kulturmanagerin gerade im Mutterschutz. Es handelt sich um ein Hobby, denn neben Freigetränken wird nur eine Aufwandsentschädigung gezahlt.

Kaum Fußball

„Meist kommen meine Fragen aus Bereichen, die mich selbst interessieren“, sagt Michaela Baetgen: Also kaum Fußball, viel Politik, ein bisschen Boulevard, etwas Kind. Die elf Monate alte Tochter lässt grüßen. Hamburg geht immer gut. Zudem soll bei der Proklamation des Siegers kurz vor 23 Uhr nicht unbedingt der Schlauste, sondern der Flinkste und Pfiffigste oben stehen und Gratisgetränke für sein Team absahnen.

Welche Farben haben die Ritter-Sport-Schokoladen? Welche Schauspielerinnen sind für den Oskar nominiert? Oder wie viele Zeichen darf ein Tweet auf Twitter maximal haben. Mit Fragen wie diesen kann das gemischte Publikum etwas anfangen. Frauen sind in der Mehrzahl, die meisten Teilnehmer zwischen 20 und 25 Jahre alt. Viele Studenten befinden sich darunter. Schummeln per Smartphone ist verpönt. Wer dennoch unterm Tisch heimlich linst und von Nachbarn ertappt wird, erntet Hohn und Spott. In einem solchen Fall sind die anderen angehalten aufzuspringen und laut „Stasi“ zu rufen. Dafür wird ein „Denunzianten-Punkt“ gutgeschrieben.

Stimmung, Bierkonsum und Spannung steigen. Michaela läutet die dritte und letzte Runde ein. Auch am Holztisch links vom Eingang ist Konzentration angesagt. Der Name des Teams passt prima: „Ratsherren mit Dame“. So und so. Tobias Bockholdt aus Wandsbek, Jan Kühn aus Dulsberg und Helge Asbahr aus Ohlsdorf, allesamt hauptberuflich im Dienste der Sozialbehörde, haben sich mit Claudia Ölke verbündet. Man kennt sich vom Studium und ist befreundet. Sie wohnt in Dulsberg, arbeitet im Rathaus Altona und hat freiwillig die Rolle der Schriftführerin übernommen. Nur wegen der akkurateren Handschrift? Oder weiß sie mehr?

Die Köpfe rauchen

Das herzerfrischend positive Quartett glaubt an sich selbst – und an den Kreativgeist am Tisch. Ja, wie heißen denn nun die beiden noch lebenden Beatles? Die Köpfe rauchen, die stilvoll im Kühler deponierte Weinflasche ist noch nicht leer, Zuversicht macht sich breit bei den Ratsherren mit Dame. Und tatsächlich: Höchstpunktzahl! Leider können vier weitere Teams ein solches Spitzenergebnis vorweisen. Auf also ins finale Stechen, im Galopper des Jahres offiziell „Sudden Death“ genannt. Auf Deutsch: Wer zuerst nicht weiter weiß, scheidet aus.

Die Mutter aller Fragen: Welche US-Bundesstaaten gibt es? Abwechselnd und blitzschnell müssen die Antworten gegeben werden. Was anfangs noch leicht ist, wird mit jeder Nennung problematischer. „Ratsherr“ Jan Kühn brilliert mit Wissen, schneller Reaktion und langem Atem. Sieg! Zum Lohn gibt’s vier Gin-Tonic aufs Haus. Das Quiz ist vorbei, der Abend keinesfalls.

Hier wird gespielt:

Aalhaus, Eggerstedtstraße 39, 22765 Hamburg (Altona),

www.aalhaus.de, nächste Termine: 9. März, 20. April, 18. Mai (Einlass ab 18 Uhr, Beginn Quiz 20 Uhr, keine Reservierungen)

Galopper des Jahres, Schulterblatt 73, 20357 Hamburg (Schanzenviertel), www.dreiundsiebzig.de, nächste Termine: 21. März, 18. April, 16. Mai (Einlass ab 17 Uhr, Beginn Quiz 20 Uhr, Reservierung möglich). Zudem regelmäßiges Fußball-Quiz (3. April, 15. Mai, 20 Uhr).

Molotow Music Club, Nobistor 14, 22767 Hamburg (St. Pauli),

www.molotowclub.com, nächste Termine: 8. März, 29. März, 5. April. (Einlass ab 19 Uhr, Beginn Quiz 20 Uhr).

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg