Altona

Im Eisenstein gibt es Grünkohl-Pizza statt Schiffsschrauben

Michael Schlie ist seit
Langem der Chef im
Eisenstein in Ottensen

Michael Schlie ist seit Langem der Chef im Eisenstein in Ottensen

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Das Restaurant in Ottensen serviert mediterrane Küche in einer alten Fabrik. Dort fertigte man einst Antriebspropeller.

Ottensen war nicht immer so quirlig, jung und beliebt wie heute. Enge Straßen mit Hinterhofbebauung, ärmliche Wohnhäuser im Arbeiterviertel, Manufakturen und Fabriken. Eine war die Theodor Zeise GmbH, bis zu ihrem Konkurs 1979 der größte deutsche Hersteller von Schiffspropellern. Unter anderem der Supertanker „Tina Onassis“ wurde mit Zeise-Schrauben angetrieben. Nach dem Firmen-Aus verfiel das Gelände – bis 1988 das Restaurant Eisenstein eine Halle wieder zum Leben erweckte.

Die Industrie-Architektur ist ein wichtiges Merkmal des Lokals. Es wirkt trotz seiner Größe und der hohen Decken mit Oberlichtern sehr gemütlich. Die Ziegelwände haben ebenso Patina wie die Fabrikhallen-Fenster, der Marmorfußboden und die Art-dé­co-Lampen. Säulen im Raum und der Schlot, wo der Hochofen stand, komplettieren den Industrial Chic des Restaurants, der bei der Eröffnung vor fast drei Jahrzehnten noch gar nicht angesagt war.

Hommage an russischen Filmregisseur

Der Name ist eine Hommage an den Schöpfer von „Panzerkreuzer Potemkin“, den russischen Filmregisseur Sergei Eisenstein. Passt aber auch perfekt wegen der Schiffsschrauben-Fabrik und der benachbarten Zeise-Kinos.

Geschäftsführender Gesellschafter dieser „Kathedrale der Gastlichkeit“ ist Michael Schlie. In Eutin geboren und in Bremen aufgewachsen, kam er vor 30 Jahren zum Betriebswirtschaftsstudium nach Hamburg. „Ich habe immer nebenbei in der Gastronomie gearbeitet, so begann 1990 meine Karriere im Eisenstein“, sagt der 52-Jährige. Studentische Aushilfe, Restaurantleiter, Geschäftsführer, Gesellschafter – so verlief Schlies Karriere, der sein Studium dann ohne Diplomarbeit beendete und 2006 das Restaurant vom Gründer-Ehepaar übernahm.

Er versteht sich als ­Patron

Heute versteht er sich als ­Patron, gibt Weinempfehlungen, empfängt abends die Gäste, von denen er die meisten kennt. „Wir sind alle zusammen hier alt geworden. Wer früher als Kind mit seinen Eltern kam, besucht uns heute mit dem eigenen Nachwuchs.“ Nicht selten säßen drei Generationen beim Familienessen im Eisenstein zusammen. Aber auch Touristen aus Europa, den USA und Australien finden den Weg ins Restaurant, das in vielen Reiseführern gelistet wird und bei Hamburgs Kulturschaffenden gleichermaßen beliebt ist.

So kommen Sie hin

Gleich nach der Eröffnung bekam das Lokal einen Architekturpreis und den Kneipen-Oscar dafür, dass man Gastronomie etabliert hatte in einer alten Fabrikhalle, die kurz vor dem Abriss stand. „Wir sind ein lautes, buntes, quirliges und weltoffenes Restaurant“, sagt Michael Schlie. „Eine Institution in Hamburg.“ In der Tat, wenn auch die jahrelangen Bauarbeiten in der Nachbarschaft, Einbahnstraßenregelungen und die schlechte Parkplatzsituation das Geschäft immer mal berührt haben.

40 Beschäftigte kümmern sich um Küche und Service oder arbeiten hinter dem großen Bartresen. Mittags wirken die Holztische schlicht, während abends für „casual fine dining“ mit weißen Tischdecken, Gläsern und Servietten eleganter eingedeckt wird. Gesessen wird auf Holzstühlen. 100 Plätze gibt es im großen Gastraum, 40 im Wintergarten, 70 auf der Sommerterrasse. Alles erinnert sehr an ein französisches Bistro.

Karte wechselt regelmäßig

Dabei ist die Küche eher italienisch-mediterran. Die Karte wechselt regelmäßig und saisonal, ein Renner sind die geschmorte Ochsenbacke und das Tiroler Carpaccio. Dafür wird Rindfleisch aus der Hüfte mit Kräutern und Gewürzen eingerieben. Anschließend reift es vakuumiert zwei Wochen lang. Dünn aufgeschnitten kommt das Fleisch zusammen mit Pilzsalat, Parmesan, Wildkräutern und Limonenöl auf den Teller. Saftig, würzig und frisch.

Die meisten Gäste essen aber Pizza aus dem Holzbackofen, denn für dünnen, knusprigen Teig, ungewöhnlichen Belag und fantasievolle Namen ist das Restaurant berühmt. Dauerbrenner sind die „Blöde Ziege“ mit Rosmarin-Tomatensauce, Ziegenkäse und Speck oder „Helsinki“ mit hausgebeiztem Lachs, Dill, Crème fraîche, Zwiebel-Tomatensauce und Käse.

Pizza des Monats

Regelmäßig wird eine Pizza des Monats ausgewählt, zum Beispiel mit mariniertem Grünkohl, Parmesan, gerösteten Nüssen und Kabanossi. Sehr anders und sehr schmackhaft.

Es gibt außerdem einen regelmäßig wechselnden Mittagstisch und ein mehrgängiges Menü auf der Abendkarte. Sonntags wird ein üppiges Frühstücksbüfett aufgefahren. Die Zutaten kommen vor allem von Hamburger Händlern, Spezialitäten wie Parmaschinken, Salsiccia, Salami oder Bresaola aber auch direkt aus Italien.

Weinkarte verzeichnet mehr als 70 Positionen

Die Weinkarte verzeichnet mehr als 70 Positionen aus Deutschland, Europa und Übersee. Dabei ist auch ein Riesling Eisenstein exklusiv aus Deidesheim in der Pfalz. Die günstigste Flasche wird für 26 Euro am Tisch entkorkt, 0,2 Liter offen gibt es ab 6,50 Euro.

Michael Schlie bedauert es nicht, dass er Gastronom statt Betriebswirt geworden ist. Und er hat die Begeisterung bereits weitergegeben: „Mein Sohn Anton hilft hier regelmäßig aus und hat gerade eine Kochlehre im Hotel Vierjahreszeiten begonnen.“ Beste Voraussetzungen also, dass das Eisenstein in der Familie bleibt.

Restaurant Eisenstein Friedensallee 9

www.restaurant-eisenstein.de