Hamburg

Scheitert der Test einer neuen HIV-Therapie am Geld?

Virenforscher Frank Buchholz (l.) aus Dresden mit den Hamburger Kollegen Ilona Hauber und Joachim Hauber

Virenforscher Frank Buchholz (l.) aus Dresden mit den Hamburger Kollegen Ilona Hauber und Joachim Hauber

Foto: Heinrich-Pette-Institut

Hamburger Forscher suchen seit einem Jahr Investoren für eine Studie. Das neue Verfahren könnte erstmals eine Heilung ermöglichen.

Hamburg.  Mit einer neuen Gen- und Zelltherapie wollen Hamburger Forscher es schaffen, HIV-Patienten zu heilen – aber auch ein Jahr nach der Veröffentlichung einer Laborstudie zu dem Verfahren suchen die Wissenschaftler immer noch Investoren für eine erste klinische Studie mit zehn Patienten. „Es kann nicht sein, dass dieses Thema versandet“, sagt der Hamburger Grünen-Politiker Farid Müller. Auf seine Initiative findet heute um 19.30 Uhr im Heinrich-Pette-Institut (Martinistraße 52) eine Infoveranstaltung statt.

Die Genschere

Sie richte sich insbesondere an Einrichtungen, die mit HIV zu tun haben, etwa die Aids­hilfe und Schwerpunktpraxen, und an Mäzene, sagt Müller. „Wir erhoffen uns Ideen zur Finanzierung der Studie und Hinweise auf Menschen, die sich engagieren könnten“, sagt Müller. Auf dem Podium sitzen wird auch Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne). Wer dabei sein möchte, wird um Anmeldung gebeten unter Tel. 32 87 32 87 oder Mail: nadine.buntrock @­gruene-fraktion-hamburg.de.

Keine Interessenten aus Hamburg

Dem Heinrich-Pette-Institut zufolge gibt es zwar Interessenten, die sich finanziell beteiligen würden, aber nicht aus Hamburg. Vor allem fehlt ein Hauptinvestor. Der federführende Forscher Joachim Hauber und seine Kollegen rechnen mit Kosten von zehn Millionen Euro für die Phase-1-Studie.

Den Wissenschaftlern sei „tatsächlich ein Durchbruch gelungen“, sagt Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aidshilfe. „Es ist sehr bedauerlich, dass ein so aussichtsreicher Ansatz es in Deutschland schwer hat, eine Finanzierung zu finden.“

Woran hapert es? Phase-1-Studien sind für Investoren riskant, da die Abbruchquote bei über 90 Prozent liegt. Hinzu kommt laut Forscher Joachim Hauber, dass die neue Gen- und Zell­therapie in der klinischen Erprobung deutlich teurer ist als die Entwicklung eines Medikaments. Denn im Gegensatz zur herkömmlichen Therapie besteht der Ansatz nicht darin, Pillen zu verabreichen. Vielmehr wollen die Forscher den Körper dazu bringen, die HI-Viren zu bekämpfen.

Zudem gibt es mehrere Ansätze, die HIV-Infektion zu heilen – auch andere Forscher suchen nach Geldgebern. Mit der Phase-1-Studie, die bis zu vier Jahre dauern könnte, wäre das Ziel ohnehin noch nicht erreicht. Daran anschließen müssten sich weitere klinische Studien mit einigen Hundert Patienten – was noch teurer wäre. Und: Wäre das Verfahren erfolgreich, könnte dies die eta­blierten HIV-Medikamente obsolet machen – ein möglicher Grund für die Zurückhaltung der Pharmaindustrie.

Zurzeit sind 37 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus infiziert; jährlich kommen zwei Millionen Ne­u- infektionen hinzu. Zwar wird die Infektion heute im Idealfall mit einer Kombination anti­retroviraler Medikamente behandelt, die das Virus in Schach halten und so den Ausbruch von Aids erheblich verzögern oder verhindern – ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den 80er-Jahren, als Ärzte weitestgehend hilflos zusehen mussten, wie die Infizierten irgendwann an den Folgen von Aids starben. Allerdings müssen Patienten die nunmehr verfüg­baren Pillen lebenslang schlucken. Nach längerer Zeit kommt es oft zu Nebenwirkungen. Ganz loswerden können die Betroffenen den Erreger bisher nicht.

Günstiger als lebenslange Behandlung

Die Wissenschaftler um Joachim Hauber hatten zusammen mit Dresdener Forschern eine 2007 vorgestellte sogenannte molekulare Schere so weiterentwickelt, dass sie das Erbgut des Virus aus infizierten menschlichen Zellen herausschneidet – allerdings in Versuchen an Mäusen, denen menschliche Zellen mit HI-Viren implantiert worden waren, sowie an Zellkulturen von HIV-positiven Patienten. Funktioniere dieses Verfahren nicht nur im Labor, sondern auch im menschlichen Organismus, ließe sich damit womöglich erstmals eine Heilung erzielen.

Würde keine Heilung erreicht, könnte die Therapie aber zumindest dazu führen, dass die behandelten Patienten keine weiteren Medikamente mehr einnehmen müssten, die die Virusvermehrung hemmen, sagt Joachim Hauber. Vorausgesetzt, die Therapie müsste je Patient nur einmal durchgeführt werden, wäre sie dem Forscher zufolge erheblich günstiger als eine lebenslange Behandlung mit HIV-Medikamenten.