Hamburger Hauptbahnhof

Der Gabenzaun ist weg – und keiner will es gewesen sein

| Lesedauer: 2 Minuten
Achim Leoni
Bürger hatten einen Zaun, der eigentlich Obdachlose vom Verweilen abhalten soll, zur Spendensammelstelle umfunktioniert. Jetzt wurden alle Schilder und Spenden entfernt

Bürger hatten einen Zaun, der eigentlich Obdachlose vom Verweilen abhalten soll, zur Spendensammelstelle umfunktioniert. Jetzt wurden alle Schilder und Spenden entfernt

Foto: Achim Leoni / HA

Bürger hatten einen Zaun gegen Obdachlose zur Sammelstelle für Bedürftige umgewidmet. Jetzt wurden alle Schilder und Spenden entfernt.

Hamburg.  Am Donnerstagmittag sieht der Zaun wieder so aus, wie ein Zaun eben aussieht: grau, kalt, hässlich. Nur ein paar Kabelbinder zeugen davon, dass hier, am südöstlichen Ausgang des Hamburger Hauptbahnhofes, noch am Mittwoch überall Schilder hingen und dazu kleine, aber gut gefüllte Tüten: Kleidung, Essen, Hygieneartikel, Hundefutter, Decken, Schlafsäcke. Allen möglichen Dinge eben, die Obdachlosen das Leben ein wenig erleichtern.

Viele Bürgerinnen und Bürger hatten auf die Initiative „Hamburger Gabenzaun am Hauptbahnhof“ reagiert und mit ihren Spenden den Zaun an der Ecke Kirchenallee/Steintordamm umgewidmet. Der war ursprünglich errichtet worden, um Obdachlose vom Verweilen abzuhalten. Dann wurde er zu einer sozialen Begegnungsstätte, einem Ort des Gebens und Nehmens. Auf Schildern wie „Gib, was du kannst, denn du schläfst heute in einem warmen Bett“ wurden die Bürger zum Spenden aufgerufen.

Sägezaun gegen Obdachlose wurde wieder entfernt

Vorbild für Hamburgs Gabenzaun war der „Soziale Zaun“ in Darmstadt: Er wurde im Januar vergangenen Jahres gegründet, um bedürftige Menschen auf unkomplizierte Weise zu unterstützen. Die südhessische Stadt hat die Hilfe in Tüten offiziell genehmigt.

Der Hamburger Gabenzaun hatte keinen behördlichen Segen, im Gegenteil: Die Zäune am Hauptbahnhof sind seit Jahren ein Politikum. Erst kürzlich wurde vor den Stufen der mobilen Polizeiwache ein Zaun mit der Form eines Sägeblatts platziert, um die Obdachlosen zu vertreiben. Das martialisch aussehende Zackengebilde wurde inzwischen wieder entfernt, ein Ersatz ist vorerst nicht vorgesehen.

Einwohnerverein monierte die Absperrung

Den metallenen Gabenzaun gibt es immer noch. Er wurde einer Mauer übergestülpt, auf der sich Obdachlose bevorzugt aufhielten und ihre Flaschen abstellten. Erst vergangene Woche hatte der Einwohnerverein St. Georg die Absperrung öffentlich gemacht, woraufhin sich das zuständige Bezirksamt Mitte zu der Klarstellung genötigt sah, dass sie bereits vor zehn Jahren angebracht worden sei. „Wir haben daraufhin den Text wieder von unserer Website gelöscht“, sagt der Vereinsvorsitzende Michael Joho.

Wer aber hat jetzt die Spenden und Schilder entfernt? „Von uns wurde das nicht angeordnet“, beteuert Bezirksamtssprecherin Sorina Weiland. Laut Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis wiederum fällt der Zaun nicht in den Zuständigkeitsbereich des Bahnhofsmanagements, sondern sei Angelegenheit des Bezirksamts. Und die Stadtreinigung bestreitet, dass der Gabenzaun dem neuen Reinigungskonzept für den Hauptbahnhof zum Opfer gefallen sein könnte. „Unsere Mitarbeiter sind für solche Dinge sensibilisiert“, sagt Sprecher Reinhard Fiedler.

Tatsache ist: Die Spenden sind weg. Der Zaun ist noch da. Ob damit alles wieder seine Ordnung hat, sei dahingestellt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg