Armut

3000 Obdachlose leben in Hamburg auf der Straße

Ein Obdachloser schläft in einer Fußgängerzone  auf dem Boden. Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen

Ein Obdachloser schläft in einer Fußgängerzone auf dem Boden. Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen

Foto: dpa

Immer mehr Menschen haben keine Wohnung. Das Winternotprogramm ist bereits überbelegt. Viele Obdachlose schlafen auch lieber draußen.

Hamburg.  Kalter Wind pfeift durch die Straßenschluchten, feuchter Nebel legt sich auf den Asphalt und lässt die Kleidung klamm werden. Es riecht aber auch nach gebrannten Mandeln, Lebkuchen und Glühwein, alles ist festlich geschmückt. Zwischen den Weihnachtsmarktständen und Einkaufsboutiquen nahe des Hamburger Hauptbahnhofs haben Chris (26), seine Verlobte Tatjana (18) und ihre Freunde ihr Lager in einem Hauseingang aufgeschlagen. Chris lebt seit zehn Jahren auf der Straße. „Ich hatte Stress mit den Eltern. Sie haben mich irgendwann einfach vor die Tür gesetzt. Dann bin ich auf der Straße geblieben, weil ich nicht ins Heim wollte“, erzählt der gebürtige Hamburger.

Zahl der Obdachlosen dramatisch gestiegen

Selten ist in Deutschland die Kluft zwischen arm und reich so sichtbar wie in den großen Innenstädten. Die Zahl an Obdachlosen ist in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Laut Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) in Berlin ist die Anzahl der Menschen, die bundesweit ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, seit 2012 von rund 26.000 um 50 Prozent auf circa 39.000 im Jahr 2014 gewachsen. Laut Geschäftsführer Thomas Specht liegen die wesentlichen Ursachen dafür „in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland, in Verbindung mit einer unzureichenden Armutsbekämpfung“.

Chris lebte kurzzeitig auch in einer Wohnung. Zurück auf die Straße ging der gelernte Berufskraftfahrer und Fachmann für Systemgastronomie freiwillig. „Ich hatte mich so sehr dran gewöhnt, dass ich dableiben wollte. Dann kam der Todesfall meiner Mutter dazu und mir war klar: jetzt gehe ich wieder auf die Straße.“ In Gebäuden fühle er sich mittlerweile eingeengt. Bei dem Erbetteln von Geld sind Chris und seine Freunde sowohl kreativ, als auch ehrlich. Vier Blechbüchsen, passend zur Jahreszeit mit festlicher Weihnachtsdeko geschmückt, sind mit jeweils einem Zweck verbunden: „Food“, „Bier“, „Drogen“ und „Platten Tiere“. So können die Spender selbst entscheiden, wofür ihr Geld verwendet werden soll. Die Freunde schlafen nachts vor dem Eingang eines großen Bekleidungshauses, räumen aber pünktlich vor Ladenöffnung ihr Lager und sind darauf bedacht, alles wieder sauber zu hinterlassen.

Auslastung bei über 100 Prozent

Das städtische Winternotprogramm nutzt Chris nicht, da er seinen Hund nicht mitnehmen darf. Das Tier für einen warmen Schlafplatz abgeben, kommt für ihn nicht infrage. „Ich bin immer bei meinem Hund. Wir machen alles zusammen“, erklärt Chris. Selbst wenn er wollte, könnte es derzeit schwierig werden, dort einen Schlafplatz zu bekommen. Laut Sozialbehörde liegt die Auslastung derzeit bei über 100 Prozent. „Wer keinen der 940 Schlafplätze ergattert, bekommt einen Sitzplatz angeboten. Abgewiesen wird aber keiner“, bestätigt auch Andrea Hniopek vom Caritasverband für Hamburg die Aussagen der Sozialbehörde. Sie schätzt die Zahl der Menschen, die in der Hansestadt „Platte machen“ auf 2000 bis 3000 Menschen.

Flaschensammeln in Ottensen

Einer von ihnen ist Frank (47). Der gebürtige Chemnitzer lebt seit Oktober 2012 in Hamburg auf der Straße. Jahrelang arbeitete er als Koch, verlor aber aufgrund von Alkoholproblemen und eines Burnouts seine Arbeitsstelle. „Außerdem bin ich ein Messi und habe meine Wohnung völlig vermüllt. Dann kam die Zwangsräumung“, erzählt er. Derzeit lebt er vom Flaschensammeln im Stadtteil Ottensen. Mit zwei großen Plastiktüten durchstreift er Tag für Tag die Straßen auf der Suche nach Pfand. Nachts sucht er sich einen möglichst sicheren Schlafplatz in einem geschützten Hauseingang. Oft werde er jedoch von dort vertrieben. „Viele andere hinterlassen alles dreckig, das fällt dann auch auf mich zurück“, sagt Frank. Mit Ralf (45) verbringt er gerade viel Zeit. Ralf lebt erst seit sechs Wochen auf der Straße. Er sei ein „Scheidungsopfer“, wie er selbst sagt. Der Mietvertrag der gemeinsamen Wohnung lief auf seine Ex-Frau. Aufgrund eines negativen Schufa-Eintrages konnte er sie nach der Trennung nicht übernehmen. Bei der Suche nach einer anderen Bleibe stand dieser ihm auch im Wege – trotz Dringlichkeitsbescheinigung vom Amt.

Der gebürtige Niedersachse lebt seit 22 Jahren in Hamburg. Seine zwei Kinder sind seit einigen Jahren in einer Wohngemeinschaft untergebracht. Vorher kamen sie ihren Vater alle zwei Wochen besuchen. „Jetzt habe ich noch Kontakt zu ihnen, aber ich will nicht, dass sie wissen, dass ich auf der Straße lebe“, erklärt Ralf. Bis vor drei Monaten arbeitete er noch täglich als Bäcker und Zeitungszusteller. Als er seine Wohnung verlor, war auch sein Job weg. „Ein Teufelskreis. Als Obdachloser ist man dritte Wahl“, findet er. Auch Frank und Ralf wollen nicht in den Notunterkünften der Stadt übernachten. Zu wenig Privatsphäre, außerdem schrecken sie Geschichten über zunehmende Gewalt und Drogenmissbrauch in den Einrichtungen ab. Gerade bei sinkenden Temperaturen sei das Leben auf der Straße aber „bescheiden“, sagt Frank.

Stimmung wird immer aggressiver

Beide fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Dass trotz Leerstand von Wohnungen und Bürogebäuden Menschen draußen schlafen müssen, verstehen sie nicht. „Es sind in letzter Zeit immer mehr Menschen, die auf der Straße leben und die Stimmung wird immer aggressiver“, erzählt Frank. Beide wollen so schnell wie möglich wieder in eine eigene Wohnung ziehen. „Ich werde nicht jünger und will jetzt versuchen wieder neu durchzustarten“, sagt Frank und nimmt einen großen Schluck aus seiner Bierflasche.