Hamburger IT-Firma

Nur einer der drei Jimdo-Gründer bleibt

Matthias Henze ist der letzte der drei Jimdo-Gründer,
der an der Spitze des Hamburger Internet-Unternehmens
steht

Matthias Henze ist der letzte der drei Jimdo-Gründer, der an der Spitze des Hamburger Internet-Unternehmens steht

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Beim Hamburger Internet-Unternehmen mussten zuerst 70 Beschäftigte gehen. Jetzt nehmen zwei Chefs eine unbefristete Auszeit.

Hamburg.  Das Jimdo-Logo leuchtet grün-blau im Eingangsbereich. Um die Ecke sitzt ein Kunde vor einem der sogenannten Support-Computer und lässt sich bei der Gestaltung seines Webauftritts helfen. Hinter einer Glaswand räumt das Küchenpersonal nach dem Ansturm der Mittagsgäste im Firmenrestaurant „Chez Sam“ auf. In den fünf Stockwerken darüber sitzen lauter junge Menschen vor ihren Monitoren. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass das millionenschwere Hamburger Internet-Unternehmen Jimdo sich derzeit in der wohl größten Umbauphase seiner fast zehnjährigen Geschichte befindet.

Der erste Paukenschlag kam Ende Oktober, als die Macher des Webseitenbaukastens bekannt gaben, jeder vierte Mitarbeiter müsse das Unternehmen verlassen. Mittlerweile hat es 70 Beschäftigte weniger. Was bisher nicht bekannt war: Zwei der drei Jimdo-Gründer haben sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, sagte Geschäftsführer Matthias Henze jetzt dem Abendblatt. Offizieller Wortlaut: „Fridtjof Detzner und Christian Springub sind im Sabbatical.“ Ob die Auszeit endet, ist offen.

„Beide sind weiter Gesellschafter“

„Sie wollten einen Schritt zurückgehen. Wann sie wieder eine aktive Rolle übernehmen, ist noch nicht geplant“, sagt Henze. An den Eigentumsverhältnissen ändere sich nichts. „Beide sind weiter Gesellschafter und gehörten dem Board of Directors (Verwaltungsrat, d. Redaktion) an.“ Dort sitzt auch der erfahrene amerikanische Software-Manager Neil Bainton, der als neuer Chief Operating Officer seit August für die Produktentwicklung verantwortlich ist.

Matthias Henze sitzt auf einem der bunten Sitzwürfel im Erdgeschoss der ehemaligen Margarine-Fabrik im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld. Blaue Sweat­jacke, Jeans, Turnschuhe, ein müder Zug um die Augen. „2016 war ein erfolgreiches Jahr“, sagt der 39-jährige Betriebswirt, der jetzt als Einziger aus dem Gründer-Trio an der Jimdo-Spitze übrig geblieben ist.

Keine finanziellen Gründe

Die Umstrukturierung der GmbH habe keine finanziellen Gründe, betont er, ohne konkrete Zahlen zu nennen. „Wir haben viele Ideen, wie wir das Kreieren von Webseiten noch einfacher und besser machen können“, sagt Henze. Das Innovationstempo müsse gefördert, das Unternehmen effektiver und schneller werden. „Wir sind zu schnell gewachsen. Mehr Leute heißt nicht mehr Geschwindigkeit.“ Allein in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres waren 70 Mitarbeiter neu dazugekommen.

Inzwischen liegt die Zahl der Beschäftigten in den Jimdo-Büros in Hamburg, San Francisco und Tokio wieder bei 170. Die Kündigungen bezeichnet der Mitgründer als „proaktive Maßnahme“. Es sei seine Entscheidung gewesen, die das Board of Directors mitgegangen sei. Betroffen waren alle Bereiche. Man habe sich bemüht, die Entlassungen sozialverträglich abzuwickeln. Es seien Abfindungen oberhalb des Standards gezahlt worden.

Jetzt gehe es darum, „funktionierende Managementstrukturen aufzubauen“, sagt Henze und übt Selbstkritik. „Es war eine Fehleinschätzung, dass Hierarchien grundsätzlich etwas Schlechtes sind. Es kommt auf die Führung an.“ Ist das ein Prozess des Gesundschrumpfens? Henze, vom Typ eher der Analytiker, überlegt einen Moment. „Eher von Erwachsenwerden.“

Feelgood-Managerin bleibt

Das könnte man fast im Wortsinn verstehen. Die Schulfreunde Christian Springub und Fridtjof Detzner, inzwischen beide Anfang 30, hatten schon als Schüler auf dem Bauernhof von Detzners Familie bei Cuxhaven angefangen, an ihrer Idee für ein Baukastensystem zu basteln, aus dem sich mit ein paar Klicks eine Webseite bauen lässt. 2007 gründeten sie gemeinsam mit Henze, der in Kiel und im schwedischen Göteborg Betriebswirtschaftslehre studiert hatte, das Start-up Jimdo.

Die Basisversion des Baukastensystems ist umsonst, Extras können kostenpflichtig zugebucht werden. Die Idee kam an, aus der kleinen Software-Schmiede wurde ein international erfolgreiches Unternehmen mit einem geschätzten Wert im dreistelligen Millionenbereich. Inzwischen, das ist eine der wenigen veröffentlichten Unternehmenszahlen, wurden 20 Millionen Webseiten mit Jimdo gebaut.

Viele Selbstständige unter den Kunden

Zu den Kunden gehören viele Selbstständige, Kreative, Kleinstfirmen – Gründer mit einer Idee, die sie verwirklichen möchten. So wie das Hamburger Unternehmen Paulibird, das aus Skateboards Schmuck herstellt, Yogastudios oder Produzenten von Wolle. „Unsere Mission ist es, diese Menschen bei der Gestaltung des wichtigsten Präsentationsplatzes, den sie im Netz haben, zu unterstützen“, sagt Henze.

Um das zu verwirklichen, hatten die Jimdo-Gründer 2015 zum zweiten Mal einen kapitalkräftigen Teilhaber ins Unternehmen geholt. 25 Millionen Euro kamen vom US-Investor Spectrum Equity, dessen Vertreter auch im Board of Directors sitzen. Nach Informationen von Brancheninsidern hält das Unternehmer ein Viertel der Anteile. „Das“, betont Henze, „hat aber nichts mit den aktuellen Veränderungen zu tun.“

Bald ein ganz normales Unternehmen?

Ist das einstige Start-up auf dem Weg, ein ganz normales Unternehmen zu werden? „Die Art, wie wir über Arbeit nachdenken, hat sich nicht geändert“, sagt Henze. Auch weiterhin gelte, dass die Mitarbeiter sich ihre Kräfte einteilen und sich an ihrem Platz als effektiv wahrnehmen sollen. Die gelebte Firmenkultur mit eigener Kita, Entspannungsräumen, Plüschsofas, Aquarium und hippem Firmenrestaurant, die Jimdo immer wieder positive Schlagzeilen beschert hatte, werde bleiben.

Genau wie die für das Wohlbefinden der Beschäftigten zuständige sogenannte Feelgood-Managerin. Das Unternehmen war eines der ersten, die sich diesen Posten gönnte. Im Moment ist die Managerin in Elternzeit, ihre Rückkehr sei fest geplant. „Aber wir denken über einen anderen Namen nach“, sagt Henze.