Hamburg

Daten in Gefahr? Digitales Archiv verzögert sich um Jahre

Udo Schäfer, Leiter des Hamburger Staatsarchivs: "Wir sind spät dran"

Udo Schäfer, Leiter des Hamburger Staatsarchivs: "Wir sind spät dran"

Foto: Marcelo Hernandez

Eigentlich sollte das Projekt längst gestartet sein. Doch die Verhandlungen laufen zäh. Experten: "Viele Daten sind schon futsch."

Hamburg. Ein für das kulturelle Erbe der Stadt Hamburg und des gesamten Nordens wichtiges Projekt verzögert sich deutlich. Es geht um das Digitale Archiv Nord (DAN). Dahinter steckt das Vorhaben, dass die norddeutschen Bundesländer bei der Mammutaufgabe, alle wichtigen Papiererzeugnisse unser Zeit zu digitalisieren, kooperieren wollen, um Ressourcen zu sparen und Kräfte zu bündeln. Ursprünglich sollte das Kooperationsprojekt der Länder Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern bereits im vergangenen Jahr an den Start gegangen sein.

Doch daraus ist nichts geworden. Wie aus einer Kleinen Anfrage des FDP-Bürgerschaftsabgeordneten Jens P. Meyer hervorgeht, verzögert sich der Beginn des Regelbetriebs noch mindestens bis zum ersten Quartal 2018.

Papierarchive reichen nicht mehr aus

Worum es im Kern geht: Alle Behörden sind dazu verpflichtet, sämtliche Erzeugnisse dem Staatsarchiv zu übermitteln. Das können Pläne für einen neuen Fahrstuhl an einer U-Bahnstation sein, Straßenplanungen oder Unterlagen zur Elbphilharmonie. Die aus Sicht des Staatsarchivs wichtigen Unterlagen werden aufbewahrt, die übrigen vernichtet. Doch durch den digitalen Wandel werden klassische Papierarchive nicht mehr ausreichen. Da ein Großteil der Daten inzwischen elektronisch vorliegt, müssen sie digital archiviert werden – und zudem dauerhaft gepflegt und in neuere Formate umgewandelt werden, damit die Nachwelt die Daten auch lesen kann.

Hauptgrund für die Verzögerungen des DAN sind offenbar Verhandlungsprobleme zwischen Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Denn der Plan, dass Mecklenburg-Vorpommern die IT-Dienstleistung übernimmt, ist gescheitert. Jetzt muss noch einmal von vorne begonnen werden. „Bis Ende 2017 wird in einer öffentlichen Ausschreibung ein neuer IT-Dienstleister ermittelt, der den technischen Betrieb des gemeinsamen elektronischen Magazins übernehmen wird,“ heißt es. Inzwischen sind Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen nicht mehr sicher dabei, dafür aber Sachsen-Anhalt.

Viele Chancen, aber auch großer Abstimmungsbedarf

Enno Isermann, Sprecher der Hamburger Kulturbehörde, erklärt: „Neben den großen technischen, fachlichen und serviceorientierten Chancen, die eine Zusammenarbeit der Bundesländer bei dem Digitalen Archiv Nord bietet, bringt diese in der Anfangsphase auch einen erhöhten Abstimmungsbedarf mit sich. Zudem muss in einer öffentlichen Ausschreibung ein gemeinsamer IT-Dienstleister gefunden werden.“

Der Leiter des Hamburger Staatsarchivs, Udo Schäfer, hatte gegenüber dem Abendblatt bereits 2015 Sorgen geäußert, dass einige Daten bereits jetzt „futsch“ seien, wenn nicht zeitnah etwas passieren würde.

"Digitalisierung nicht verschlafen"

Kritik kommt von der FDP Hamburg: „Der rot-grüne Senat verschleppt die Digitalisierung des kulturellen Erbes unserer Stadt. Ursprünglich sollte das Digitale Archiv Nord (…) im Januar 2016 im Regelbetrieb starten. Nun verzögert sich die Inbetriebnahme um mindestens zwei Jahre“, so Jens P. Meyer, kulturpolitischer Sprecher der FDP-Bürgerschaftsfraktion. „Eine vor einem Jahr erfolgreich erprobte IT-Plattform wird nun sogar wieder aufgelöst. Diese Politik kostet nicht nur viel Geld, sondern ist auch rückständig.“ In Skandinavien arbeite man zudem bereits seit 1973 an elektronischen Magazinen. „Die FDP-Fraktion fordert endlich eine zukunftsgewandte Politik und zügige Etablierung des DAN. Deutschland und Hamburg dürfen die Digitalisierung nicht verschlafen.“