Hamburger Bank

Warum die Volksbank Negativzinsen erhebt

Reiner Brüggestrat, Chef der Hamburger Volksbank, in der Firmenzentrale in Hammerbrook

Reiner Brüggestrat, Chef der Hamburger Volksbank, in der Firmenzentrale in Hammerbrook

Foto: Michael Rauhe / HA

Vorstandssprecher Reiner Brüggestrat exklusiv im Abendblatt über neue Kunden, Boni trotz Fehlleistungen und hohe Immobilienpreise.

Hamburg.  Kurz vor Weihnachten hat die Hamburger Volksbank als erstes Geldinstitut aus der Hansestadt Negativzinsen auch für Privatkunden angekündigt – zumindest für die vermögenderen unter ihnen. Das Abendblatt sprach mit dem langjährigen Chef der Volksbank, Reiner Brüggestrat, über die Hintergründe dieser Entscheidung und die aktuellen Probleme der Branche. Zudem gibt Brüggestrat Privatkunden Tipps, wie sie in dem niedrigen Zinsumfeld ihr Geld anlegen sollten und ob sich der Kauf einer Immobilie bei den derzeit hohen Preisen in Hamburg und Umgebung überhaupt noch lohnt.

Kräftiges Wachstum, weniger Gewinn

Auf Ihrem Neujahrsempfang haben Sie einen Satz unseres Chefredakteurs Lars Haider zitiert: Wer führen will, muss fröhlich sein. Woher nehmen Sie angesichts des aktuellen Geschäftsumfelds für Banken denn die gute Laune?

Reiner Brüggestrat: Einerseits haben wir so viel Zuspruch wie noch nie. Wir haben knapp 8000 neue Kunden gewonnen, konnten den Einlagenbestand um gut zehn Prozent steigern, und die Kreditvergabe hat sogar um fast zwölf Prozent zugelegt. Auf der anderen Seite ist unser Betriebsergebnis ganz leicht gesunken. Schon dieser Gegensatz zeigt, dass wir uns tatsächlich in einem herausfordernden Umfeld bewegen. Damit sind unternehmerische Fähigkeiten gefragt, es wird also ganz bestimmt nicht langweilig – das finde ich erfreulich. Die Negativzinsen, unter denen alle Banken leiden, haben aber auch eine Signalwirkung. Kunden wie auch Mitarbeiter sehen: Es wird nicht mehr so weitergehen wie bisher.

Eine Konsequenz haben Sie ja bereits gezogen: Kunden, die mehr als 500.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto liegen haben, sollen einen Negativzins von 0,2 Prozent zahlen. Haben Sie Verständnis dafür, dass Strafzinsen für Privatkunden ein Reizthema sind?

Brüggestrat: Das verstehe ich vollkommen. Aber ich fühle mich ja selbst nicht weniger gereizt. Schließlich bildet wegen der Negativzinsen unser Betriebsergebnis unseren außerordentlichen Markterfolg immer weniger ab. Das treibt mich zur Weißglut. Insgesamt haben deutsche Banken im Jahr 2016 schon 1,5 Milliarden Euro an negativen Zinsen an die Europäische Zentralbank (EZB) gezahlt, was im Schnitt rund sechs Prozent ihrer Vorsteuer-Gewinne entspricht. Vor allem aber stellen die Negativzinsen grundlegende Prinzipien des Geschäftslebens auf den Kopf: Ich leihe Geld aus, aber anstatt das entlohnt zu bekommen, muss ich für die sichere Verwahrung sogar noch zahlen. Das ist eine perverse Situation, die es in 4000 Jahren Zinsgeschichte noch nicht gegeben hat. Wenn wir also selber Negativzinsen erheben, ist das nichts anderes als ein Akt der Selbstverteidigung.

Wie viele Privatkunden sind bei der Hamburger Volksbank betroffen?

Brüggestrat: Es sind deutlich weniger als 100. Mir geht es vor allem darum, die Privatkunden in der Breite vor Negativzinsen schützen zu können. Ich erwarte daraus auch keine wesentlichen Einnahmen. Denn meine Hoffnung ist, dass die Gelder aus dem Produkt Tagesgeldkonto, das seine Berechtigung längst verloren hat, in Anlageformen umgeschichtet werden, die für unsere Kunden auf längere Sicht viel sinnvoller sind. Weil das mit einer Beratungsleistung verbunden ist, erhalten wir dafür Provisionen – das wäre eine „Win-Win“-Situation.

Wie sollte ein Privatkunde aus Ihrer Sicht denn sein Geld in der aktuellen Niedrigzinsphase anlegen?

Brüggestrat: Idealerweise haben Privatanleger in der Zukunft ein Drittel Aktien, ein Drittel Immobilien und ein Drittel Geldvermögen.

Gerade in Hamburg sind Immobilien aber für viele Bürger praktisch unerschwinglich geworden.

Brüggestrat: Ja, innerhalb der Stadtgrenzen wird es für Normalverdiener schon recht schwierig, noch etwas zu finden. Allein im zurückliegenden Jahr sind die Preise hier um mindestens zehn Prozent weiter gestiegen. Aber man kann auch mit relativ kleinen Beträgen regelmäßig in Immobilienfonds investieren - die sind bei uns derzeit sehr gefragt.

Baut sich nicht angesichts der immensen Preissteigerungen inzwischen eine Immobilienblase auf?

Brüggestrat: Wir stoßen sicherlich allmählich an Preisgrenzen. Ich glaube allerdings nicht, dass es eine laut platzende Blase geben wird. Zwar sehe ich schon das Risiko eines Rückschlags um vielleicht zehn Prozent bei den Werten. Aber wenn jemand eine Immobilie selber nutzt oder langfristig in eine investiert hat, müsste er das verschmerzen können. Und die Auswirkungen auf unsere Bilanz wären begrenzt, weil die Eigenkapitalanteile bei den Immobilienkäufen immer höher werden.

Beim Blick auf die Provisionserträge der Hamburger Volksbank kann man den Eindruck gewinnen, dass die Wertpapierberater den Kunden trotz aller Bemühungen Aktieninvestments nicht wirklich schmackhaft machen konnten. Ist das so?

Brüggestrat: Es ist uns noch nicht gelungen, die Mentalität der Kunden zu verändern und Sparer zu Anlegern zu machen. Das zarte Pflänzchen der Aktienkultur, das im Jahr 2015 aufkeimte, lebt zwar, ist aber nicht so richtig gewachsen. An den Gedanken, dass der Wert eines Aktieninvestments zu einem bestimmten Stichtag auch mal um 15 Prozent gesunken sein kann, müssen sich die Deutschen offensichtlich erst gewöhnen. Sie sind im internationalen Vergleich recht wohlhabend, aber nur 14 Prozent von ihnen besitzen Aktien oder Fonds mit Aktienanteil. Da ist es kein Wunder, dass den Deutschen pro Jahr rund 30 Milliarden Euro an Geldvermögen durch die Nullzinspolitik der EZB verloren gehen.

Wie lautet Ihre Prognose für den deutschen Aktienmarkt in diesem Jahr?

Brüggestrat: Eine genaue Prognose möchte ich nicht abgeben. Die Kapitalmärkte sind stark von der Geldpolitik der EZB abhängig, es gibt eindeutig eine Rückschlagsgefahr. Ich halte aber die Bewertungen am Aktienmarkt für nicht übertrieben. Auf längere Sicht wird es sich lohnen, dort investiert zu sein.

Dennoch machen Sie sich über den „Rumpelkapitalismus“ Sorgen. Was genau läuft denn schief?

Brüggestrat: Lange Zeit hat der Dreiklang „Demokratie – Marktwirtschaft – Wohlstand“ hervorragend funktioniert. Doch zuletzt haben viele Menschen den Eindruck gewonnen, dass die Zahl derer, die zu den Gewinnern der Marktwirtschaft gehören, sehr klein geworden ist. Die zunehmende Ungleichheit führt zu Abstiegsängsten, die wiederum den Populismus in der Politik begünstigen. Hinzu kommen Vergütungsstrukturen, die nicht mehr nachvollziehbar sind. So musste die Deutsche Bank in den vergangenen Jahren Rückstellungen in zweistelliger Milliardenhöhe aufgrund von Fehlverhalten ihrer Manager bilden, im gleichen Zeitraum wurden aber Boni in ähnlicher Größenordnung ausgezahlt. Da passt irgendetwas nicht.

Zurück nach Hamburg: Wie wird 2017 für die Wirtschaft der Hansestadt?

Brüggestrat: Auch 2017 wird ein gutes Jahr für die Unternehmen der Stadt sein. Es ist schon bemerkenswert, wie die breit aufgestellte Hamburger Wirtschaft externe Schocks wegsteckt – und die zunehmende Bekanntheit durch die gerade eröffnete Elbphilharmonie kann dazu beitragen, kleinere Rückschläge abzupuffern. Auf längere Sicht aber muss die Hamburger Wirtschaft ihre Strukturen weiterentwickeln. Die Ausrichtung allein auf den Hafen ist langfristig nicht zukunftsorientiert. Hafenflächen sollten umgewandelt werden in Flächen für High-Tech-Branchen. Ich denke dabei an wissensorientierte Wirtschaftszweige wie „Life Science“ oder den 3-D-Druck.

Wie erklärt sich das hohe Kreditwachstum der Hamburger Volksbank im Jahr 2016?

Brüggestrat: Wir haben eindeutig Marktanteile gewonnen, denn insgesamt dürfte das Kreditvolumen in Hamburg stagniert haben. Zum Großteil handelt es sich um langfristige Darlehen für Investitionen von Firmenkunden in den Bereichen Wohnungs- und Gewerbebau.

Schließt auch die Hamburger Volksbank Filialen, so wie etliche Ihrer Wettbewerber dies bereits tun?

Brüggestrat: Im zurückliegenden Jahr hatten wir 38 Filialen. Unsere Zweigstelle auf Finkenwerder schließen wir derzeit. Die Kundenfrequenz dort wurde immer niedriger. Aber dafür erproben wir ein neues Konzept: Eine Mitarbeiterin wird weiter für die Kunden da sein, auch bei ihnen zu Hause. Wir müssen lernen, dass in Zeiten der Digitalisierung der Zusammenhang „mehr Filialen bedeuten mehr Kundennähe“ nicht mehr gilt. Es ist davon auszugehen, dass auch wir in zehn Jahren weniger Filialen haben werden als heute. Ähnliches gilt für die Zahl der Mitarbeiter. Sie ist im zurückliegenden Jahr bei rund 480 Personen konstant geblieben, wird tendenziell aber leicht abnehmen. Wir wollen weiter wachsen, werden aber Effizienzgewinne benötigen. Dazu genügt es, die natürliche Fluktuation zu nutzen.