Unglück

Warum bricht ein Windrad wie ein Streichholz?

Ein knapp 100 Meter hohes Windrad ist am 03. Januar  in Neu Wulmstorf (Niedersachsen) auf dem Gelände einer früheren Deponie für Hausmüll umgestürzt

Ein knapp 100 Meter hohes Windrad ist am 03. Januar in Neu Wulmstorf (Niedersachsen) auf dem Gelände einer früheren Deponie für Hausmüll umgestürzt

Foto: Dr. Martin Mineur / dpa

In Neu Wulmstorf erleidet eine knapp 16 Jahre alte Anlage Mastbruch, wird komplett zerstört. Es ist nicht der erste Unfall dieser Art.

Neu Wulmstorf. Ein Spaziergänger an der ehemaligen Mülldeponie im niedersächsischen Neu Wulmstorf traute seinen Augen nicht: Am Dienstagvormittag gegen elf Uhr vernahm er einen lauten Knall und sah dann, wie der Turm eines knapp 100 Meter hohen Windrads nachgab und der Rotorkopf mitsamt seinen Flügeln zu Boden stürzte. Einen Tag später suchen Gutachter im Auftrag der Hamburger Stadtreinigung am Unfallort nach den Ursachen des Zusammenbruchs der Anlage. Ein solcher Unfall gilt allgemein als äußerst seltenes Ereignis, trat aber seit Mitte Dezember bundesweit gleich dreimal auf.

Die Ursachen für die Windkraft-Unglücke

Warum betreibt die Stadtreinigung Windräder?

Der havarierte Rotor war eine von drei Anlagen, die die Stadtreinigung auf ihrer stillgelegten Hausmülldeponie in Neu Wulmstorf betreibt. Das 2001 und 2002 errichtete Trio ist Teil eines „Energieparks“, in dem die Stadtreinigung Ökostrom produziert und somit den Standort nicht nur überwacht, sondern ihn auch weiterhin nutzt. Jede Windmühle hat eine – nach heutigen Maßstäben eher geringe – Leistung von 600 Kilowatt und hatte damals 1,6 Millionen D-Mark gekostet. 2012 kam das Trio in die Gewinnzone. „Wir hätten gerne länger als vier Jahre an der zerstörten Anlage verdient“, sagt André Möller, Sprecher der Stadtreinigung. Zusätzlich arbeiten im Energiepark zwei große Fotovoltaikanlagen und ein Blockheizkraftwerk, das mit Deponiegas gespeist wird.

Was genau ist in Neu Wulmstorf passiert?

Es wird noch Wochen, wenn nicht Monate, brauchen, um den Auslöser der Havarie zweifelsfrei zu ermitteln. Fest steht: Der 70 Meter hohe Turm ist in einer Höhe von etwa 20 Metern aus­einandergebrochen. Dort waren zwei Segmente miteinander verschraubt. Experten untersuchen, warum offenbar die Bolzen der Rohrverschraubung gerissen sind. Ein Gutachter und Techniker der Wartungsfirma seien vor Ort und suchten nach der Unfallursache, sagt Möller. „Die anderen beiden Anlagen haben wir vorläufig stillgelegt. Eine ist baugleich, die werden wir nicht so schnell wieder in Betrieb nehmen. Aber auch das andere, etwas kleinere Windrad wird wohl nicht mehr in dieser Woche ans Netz gehen.“

Gab es bereits Unfälle mit dem Anlagentyp?

Ja. Das Windrad D48-600 stammt vom Lübecker Hersteller DeWind. Er ist vom deutschen Markt verschwunden und nur noch in einem kleinen Maßstab in den USA aktiv. Der Bautyp wurde erstmals 1996 installiert. Die Neu Wulmstorfer Version hat eine Gesamthöhe von 94 Metern: Um die Nabe in 70 Meter Höhe rotieren 24 Meter lange Flügel. Eine baugleiche, im Jahr 2000 gebaute Anlage ist Mitte Dezember in Grischow (nördlich von Neubrandenburg) auf dieselbe Art zusammengebrochen. Auch hier sucht die Betreiberfirma Ökofair Energie noch nach den Ursachen. „Wir wissen, dass ein oder mehrere Bauteile versagt haben“, sagt Christian Herz, Geschäftsführer von Ökofair Energie. „Gutachter sind dabei, jede mögliche Ursache zu überprüfen. Nach den Trümmerteilen zu urteilen, können wir bislang nur ausschließen, dass sich ein Rotorblatt löste und dabei den Turm zerstörte.“ Bei beiden Unfällen wehte der Wind nicht übermäßig stark, allerdings gab es stärkere Böen. Die Windgeschwindigkeiten, die in Grischow zum Zeitpunkt der Havarie geherrscht hatten, reichten im Normalfall gerade aus, um das Windrad unter Volllast laufen zu lassen, sagt Christian Herz.

Ein dritter Unfall mit dem Anlagentyp ereignete sich vor gut zwei Jahren in Brandenburg. Auch dort war der Mast in der Mitte durchgebrochen. Herz: „Auch dort wird ein Bauteilversagen vermutet. Näheres kann ich noch nicht sagen, da wir noch keinen direkten Kontakt mit dem Betreiber aufgenommen haben.“

Wie sicher sind die bundesweit 26.560 Windräder?

Anlagen, die spektakulär zusammenbrechen, seien krasse Einzelfälle, sagt Wolfram Axthelm vom Bundesverband Windenergie (BWE). Abbrüche kommen demnach statistisch höchstens einmal im Jahr vor, wenngleich sie sich in den vergangenen Wochen häuften: Neben den Totalschäden in Neu Wulmstorf und Grischow knickte am 27. Dezember im sächsischen Windpark Sitten der Mast eines 95 Meter hohen Windrads um. Ursache für diesen Unfall war ein defektes Rotorblatt, das eine Kettenreaktion ausgelöst hatte. Häufiger treten dagegen Totalschäden nach Bränden auf. Axthelm: „Jährlich geraten im Schnitt fünf bis sechs Anlagen in Brand, durch Blitzschlag oder Unwetter.“ Es sei bereits untersucht worden, ob es eine einheitliche Brandursache gebe, die gezielt bekämpft werden könne, so Axthelm. Doch dies sei wohl nicht der Fall.

Dass es bei Windrädern zu Ermüdungsbrüchen oder anderen Unfällen durch das zunehmende Alter kommt, sei äußerst unwahrscheinlich, urteilt Holger Söker von der UL International GmbH, die in Deutschland Typprüfungen von Windenergieanlagen (WEA) vornimmt. „Alle Maschinen sind auf Lebenszeiten von 20 bis 25 Jahren ausgelegt. Sie sind so stabil berechnet, dass sie die ständige mechanische Belastung, etwa den Winddruck aus wechselnden Richtungen, dauerhaft aushalten.“ Allerdings könne es vorkommen, dass ein Mast bei extremer Überlastung einknicke, einem riesigen Strohhalm ähnlich.

Gibt es einen TÜV für Windenergieanlagen?

„Das Deutsche Institut für Bautechnik schreibt regelmäßige Prüfungen vor, ähnlich wie TÜV-Prüfungen bei Autos“, sagt Wolfram Axthelm. Generell werde alle zwei Jahre geprüft. Wenn der Betreiber einen Vollwartungsvertrag mit dem Hersteller der Anlage abgeschlossen hat, werde nur alle vier Jahre geprüft, so der BWE-Sprecher. Bei einem solchen Vertrag wartet der Hersteller seine Windräder und übernimmt das Risiko eines technischen Ausfalls. In der Regel werden WEA vierteljährlich gewartet, so Axthelm.

Wie viele Windräder drehen sich in Norddeutschland?

In den fünf nördlichen Bundesländern sind es insgesamt 11.238 Windmühlen (Stand Juni 2016, ausschließlich Anlagen an Land). 5783 rotieren in Niedersachsen, 3498 in Schleswig-Holstein und 1819 in Mecklenburg-Vorpommern. In den Stadtstaaten Hamburg und Bremen/Bremerhaven sind 53 beziehungsweise 85 Anlagen installiert. Vor den deutschen Küsten waren zum 30. Juni 2016 insgesamt 835 Windrotoren in Betrieb.