Ridesharing

Neu in Hamburg: Gemeinsam mit fremden Menschen Taxi fahren

Der Chef von Hansataxi, Dirk Schütte, am Taxistand in der City

Der Chef von Hansataxi, Dirk Schütte, am Taxistand in der City

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Mitfahr-Taxi startet in Hamburg: Wer sich die Fahrt mit Fremden teilt, zahlt deutlich weniger. VW plant Shuttle-Service mit Chauffeur.

Hamburg.  Teilen statt besitzen ist im Trend, und wie groß die Bereitschaft dazu ist, kann man auf Hamburgs Straßen sehen. Ziemlich zuverlässig fährt spätestens nach ein paar Minuten ein Car-Sharing-Auto vorbei – meist von DriveNow oder Car2go. Die Autokonzerne, die hinter den Car-Sharing-Anbietern stehen, und andere Unternehmen, die Menschen an ihr Ziel bringen wollen, arbeiten längst an neuen Formen der geteilten Mobilität.

Nach geteilten Autos kommen geteilte spontane Autofahrten in der Stadt, nach Car-Sharing kommen Taxi- und Ridesharing. „In zehn bis 15 Jahren“ werde geteilte Mobilität „der Standard“ sein, sagte Hochbahn-Vorstandschef Henrik Falk unlängst dem Abendblatt. In Hamburg soll ein Teil der Verkehrszukunft schon in wenigen Monaten beginnen.

Angebot für MItfahr-Taxi ab Jahresmitte

Das Taxigewerbe, das am ehesten fürchten muss, von neuen Anbietern überrollt zu werden, setzt sich nun in Hamburg an die Spitze der Bewegung. Die Taxi-Genossenschaft Hansa-Taxi sei fest entschlossen, Taxi-Sharing in Hamburg einzuführen, sagt Dirk Schütte, der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft. Angepeilt ist, dass etwa ab Mitte dieses Jahres ein Hansa-Taxi-Kunde, der per Smartphone einen der 800 Wagen bestellt, entscheiden kann, ob er weitere Fahrgäste im Taxi akzeptiert – und gemeinsam mit ihnen insgesamt billiger fährt.

Die Software, die die verschiedenen Fahrgäste und das gemeinsame Taxi zusammenbringt, die Touren plant und Kosten berechnet, wird derzeit noch von dem Unternehmen entwickelt, das auch die von Hansa-Taxi genutzte Buchungs-App Taxi.eu geschrieben hat. myTaxi, die in Hamburg entwickelte Buchungs-App, ist nach eigenen Angaben schon weiter. Die Entwicklung einer ersten Version der App mit einer Sharing-Funktion sei abgeschlossen, Tests seien „vielversprechend gelaufen“, sagte myTaxi-Sprecher Stephan Keuchel dem Abendblatt. Einen konkreten Termin für die Einführung geteilter Fahrten in Hamburg gebe es zwar nicht, aber myTaxi habe das Ziel, der erste Anbieter zu sein. Umfragen zeigten, dass 90 Prozent der Kunden bereit seien, mit Unbekannten das Taxi zu teilen, wenn die Fahrt nur einige Minuten länger, aber billiger sei.

Neue Konkurrenz aus Berlin

Mit den neuen Angeboten wollen die Unternehmen zum einen neue Kunden gewinnen, die sich Taxifahrten nicht mehr leisten können oder wollen. Zum anderen muss sich die Branche neuer Konkurrenten wie Clever Shuttle erwehren.

„Vermutlich spätestens im Sommer“ werde das Berliner Start-up in Hamburg an den Start gehen, sagte Unternehmenssprecherin Nora Erdbeer dem Abendblatt. Die 2014 gegründete Firma, an der die Deutsche Bahn beteiligt ist, bietet geteilte Mietwagenfahrten mit kleinen Umwegen und unbekannten Mitfahrern bereits an. Nach eigenen Angaben ist sie der erste behördlich zugelassene sogenannte Ridesharing-Anbieter in Deutschland. Die Hamburger Verkehrsbehörde hat dem Unternehmen die Erprobung alternativer Verkehrsarten bereits für drei Jahre genehmigt. In München, Leipzig und Berlin sind insgesamt knapp drei Dutzend Clever Shuttle-Autos schon unterwegs – und sie sind billiger als ein Taxi.

Die Idee ist identisch: Ein Fahrgast bucht per App eine Fahrt vom aktuellen Standort zu seinem Ziel. Innerhalb kurzer Zeit erfährt er, wann der von einem Fahrer gesteuerte Clever Shuttle-Wagen eintrifft, wie viel die Fahrt kostet, welche Strecke geplant ist – und ob zwischendurch weitere Fahrgäste ein- und aussteigen, die in die gleiche Richtung wollen.

Bis zu 40 Prozent billiger

Nach dem Willen von Clever Shuttle passiert das möglichst oft, denn die Fahrt soll auch deshalb günstiger als eine Taxitour sein, weil sich die Mitfahrer die Kosten teilen. In den drei Teststädten hätten bei etwa 35 bis 40 Prozent der bislang insgesamt 43.000 Fahrten mehrere Gäste im Wagen gesessen, sagte Erdbeer. Bis zu 40 Prozent billiger als eine direkte Taxifahrt soll eine Shuttletour sein. „In den Teststädten nähern wir uns diesem Zielpreis, haben ihn aber noch nicht erreicht“, so die Firmensprecherin. Ein gutes Gewissen dürfen die Fahrgäste obendrein haben: Clever Shuttle setzt ausschließlich Elektroautos und Plug-in-Hybrid-Wagen ein. Die fest angestellten Fahrer müssen eine Lizenz zur Fahrgastbeförderung besitzen.

So will es auch Moia halten. Das im Dezember 2016 aus der Taufe gehobene Unternehmen gehört zu Volkswagen, in ihm sind die Mobilitätsdienstleistungen des Konzerns gebündelt – und es soll neue entwickeln. Anfang dieser Woche kündigte Moia-Chef Ole Harms an, binnen eines Jahres ebenfalls Shuttleservices auf die Beine zu stellen. Am Moia-Hauptsitz in Berlin – und in Hamburg, wo das Unternehmen bis Jahresende einen zweiten Standort aufbauen und 30 Mitarbeiter einstellen will. „Wir wollen unser Angebot als eine der ersten Städte in Hamburg starten“, sagte Harms dem „Weserkurier“. Die Standortwahl kommt nicht von ungefähr. Hamburg und VW haben 2016 eine Mobilitätspartnerschaft geschlossen. Der Konzern will Neuerungen im Straßenverkehr, wie selbstfahrende Pkw und Lastwagen, in der Hansestadt testen. Die Erprobung geteilter Fahrten in Zusammenarbeit mit der Hochbahn gehört ausdrücklich dazu.

Moia will Elektroautos einsetzen

Moia plant ebenfalls mit einer Elektroauto-Flotte und zertifizierten Fahrern und will auch Touren für Passagiere anbieten, die lieber unter sich bleiben. Einen genauen Starttermin gibt es noch nicht, derzeit werde die App noch zu Ende entwickelt, sagte ein Unternehmenssprecher dem Abendblatt. Nach den Vorstellungen von Moia-Chef Harms wird für die neuen Dienste in einer Großstadt eine vierstellige Zahl von Fahrern benötigt, die Preise sollen denen im öffentlichen Nahverkehr nahe kommen. Der Moia-Sprecher sagte, viele Details seien noch offen, aber angestrebt werde, die Services im ganzen Stadtgebiet und mindestens von 6 bis 24 Uhr anzubieten. Clever Shuttle bietet seinen Dienst in den drei Teststädten derzeit in einem Umkreis von einigen Kilometern um das Zentrum und abends ab 18 Uhr an. Wochentags bis 1 Uhr nachts, an Wochenenden bis 4 Uhr.

In Hamburg werde das Unternehmen absehbar ebenfalls in einem Teil des Stadtgebiets und mit zunächst sechs bis acht Autos während der nachfragestärksten Tageszeit starten, sagte die Clever Shuttle-Sprecherin. Das Ziel sei aber, den Service rund um die Uhr im gesamten Stadtgebiet anzubieten.