Ernst-Deutsch-Theater

„Bunbury“– Oscar Wildes Schmarren gnadenlos inszeniert

Szene aus einer "verkünstelten Gesellschaft": Bunbury oder "Ernst sein ist alles" in einer Hamburger Inszenierung

Szene aus einer "verkünstelten Gesellschaft": Bunbury oder "Ernst sein ist alles" in einer Hamburger Inszenierung

Foto: Andreas Laible

"Ernst sein ist alles“ im Ernst-Deutsch-Theater: Eine kluge und böse Sicht auf ein Stück, das weit über den Boulevard hinausweist.

Hamburg. Oscar Wildes „Bunbury oder Ernst sein ist alles“ ist, das muss man einfach mal sagen, ein ziemlicher Schmarren. Da ist Algernon, so schlitzohriger wie mittelloser Bonvivant in London, der seinen gesellschaftlichen Pflichten in der Stadt entflieht, indem er einen kranken Freund namens Bunbury auf dem Land erfindet. Auf dem Land derweil lebt John, der Zerstreuung in der Stadt sucht und zu diesem Zweck einen Bruder erfindet, Ernst, einen Tunichtgut, den er angeblich auf den rechten Pfad führen möchte.

John verliebt sich in Algernons Nichte Gwendolen, Algernon in Johns Mündel Cecily, die Tarnungen drohen aufzufliegen, außerdem entblättern sich nach und nach ungeahnte Verwandtschaftsverhältnisse, und beide Frauen sind, warum auch immer, davon besessen, sich in Männer namens Ernst zu verlieben. Schlicht: ein großer Schmarren. Den man tunlichst nicht zu (Achtung, Wortspiel!) ernst nehmen sollte.

Verkünstelte Gesellschaft

Der österreichische Regisseur Anatol Preissler entscheidet sich am Ernst Deutsch Theater für einen originellen Zugriff – und nimmt Wildes Vorlage vollkommen ernst. Preissler zeigt eine Gesellschaft, die bis ins kleinste Detail verkünstelt ist: die Natur aus knallgrünem Plastik, die Gefühle unterkühlt, die Gemüter durchironisiert. Algernon macht Gwendolen einen Antrag und ruft begeistert aus: „Sie lieben mich!“ Und sie, vollkommen emotionslos: „Leidenschaftlich!“ So geht es zu in einer Welt, in der die Coolness alle Lebensbereiche so stark durchdrungen hat, dass man bereit ist, sein Herz zu verschenken, nur weil das Gegenüber einen bestimmten Vornamen trägt.

Das ist klug beobachtet, nutzt jede Gelegenheit zum Bonmot und ist in der Ausstattung Karel Spanhaks (eine schlichte, ihren künstlichen Charakter betonende Bühne) und Marrit van der Burgt (historisierende Kostüme mit Ausreißern in die Exzentrik) perfekt gespiegelt.

Die Hauptrollen allerdings halten nicht zu 100 Prozent mit diesem geschickten Regiekonzept mit. Felix Lohrengel als John und Patrick Abozen als Algernon sind einfach zu nette Typen als dass man ihnen die glatten Oberflächlichkeitsjünger abnehmen würde. „Ignoranz, das ist eine köstliche, exotische Frucht!“ gibt Algernons Tante Lady Bracknell (ein Vergnügen: Jens Wawrczeck) einmal die Richtung vor, aber in die echte, böse Ignoranz folgen ihr die beiden Normalos an keiner Stelle.

Versteckte Sehnsüchte

Was leider auch das die Handlung in Gang setzende Versteckspiel ein wenig müßig daherkommen lässt: Weswegen müssen John und Algernon aus ihrem Alltag hin und wieder ausbrechen? Dass hier versteckte Sehnsüchte und Begierden befriedigt werden wollen, bleibt Behauptung, der düstere Schatten, der sich bei Wilde immer wieder über die Komödie legt, ist in Preisslers Inszenierung weitgehend verschwunden.

Dafür sind die Frauenrollen aufgewertet. Christina Arndt als Gwendolen und Dagmar Bernhard als Cecily sind keine Püppchen, sondern selbstbewusste, heutige Frauen, die ihre Claims mit ironischer Erotik und derber Unmittelbarkeit abstecken, mal im vor Bösartigkeit triefenden Zickenduell, mal in halb homoerotischer, halb traditionelle Geschlechterrollen ad absurdum führender Frauensolidarität. Kurz vor dem Höhepunkt beschmeißen sich die Männer im Hintergrund mit Teekuchen, während die Frauen eine traumwandlerisch zerdehnte Version des Songs „Wanted Man“ der US-Alternative-Rock-Band The Last Internationale an der Rampe spielen. Das zeigt recht klar, wer hier die interessanteren Figuren sind.

Ist das wirklich lustig?

Wobei der Musikeinsatz nicht immer so glücklich daherkommt wie hier. Oft doppeln die meist zu Halbplayback vollständig ausgespielten Songs das Gezeigte nur, was den Komödienrhythmus zerhackt. Allerdings macht es sich Preissler auch nicht leicht: Es gibt keine Hits, sondern mal mehr, mal weniger obskure Songs von Nick Cave bis zu den Doors, die einerseits den Humorfluss stören, andererseits innehalten lassen: Ist das wirklich lustig, worüber wir da lachen?

Gnadenlose Sicht

Das Problem, dass Wildes Sprachwitz im Deutschen teilweise verloren geht, kann auch die Neuübersetzung durch Maria Harpner und Regisseur Preissler nicht lösen, dennoch: Dieser „Bunbury“ ist eine kluge, böse, unter der gefälligen Oberfläche überraschend gnadenlose Sicht auf ein Stück, das zwar weiterhin ein Schmarren bleibt, in seiner Raffinesse aber weit über den Boulevard hinausweist. „Wo stehen Sie politisch?“ fragt Lady Bracknell John aus. Der windet sich: „Nirgends, fürchte ich.“ Und sie: „Wunderbar! Dann zählen Sie zu den Konservativen!“ Großes Gelächter im Publikum.

Bunbury Ernst Deutsch Theater (U Mundsburg), bis 7. Januar, Karten: T. 22 70 14 20.
Exklusiv für Abendblatt-Leser gibt es am 12.12., 18.30 Uhr, eine „2 für 1“-Sondervorstellung inkl. Einführung und Meet&Greet mit Patrick Abozen. 39,-/36,- für je zwei Personen unter T. 30 30 98 98 oder in der Abendblatt-Geschäftstelle, Großer Burstah 18-32