Hamburg

Kneipenvorträge: Hat Salat auch Gefühle?

Julia Kehr forscht über Kommunikation
von Pflanzen

Julia Kehr forscht über Kommunikation von Pflanzen

Foto: Andreas Laible

Uni-Dozenten kommen bei „Wissen vom Fass" in 46 Bars. Julia Kehr etwa serviert wissenschaftliche Fakten über Pflanzen.

Hamburg.  Manchmal braucht man Stress. Guten Stress, richtigen Stress. Wer wüsste das besser als Julia Kehr, eine Art Stressspezialistin. Täglich setzt sie ihren Untersuchungsobjekten zu, gibt ihnen kein Wasser, lässt sie in der Hitze darben oder organisiert Pilzattacken. „Ja, ich bin richtig fies zu ihnen“, sagt Professorin Doktor Julia Kehr, Spezialgebiet: Molekulare Pflanzengenetik. Denn sie ärgert Grünzeug, um dessen Kommunikation zu verstehen. Alles im Namen der Wissenschaft, versteht sich. Da stellt sich natürlich die Frage: Hat Salat nicht auch Gefühle?

Die Wissenschaftlerin der Universität Hamburg wird morgen darüber Auskunft geben. Nicht im Hörsaal, nicht in einem dunklen Kellerlabor. Im EierCarl, einer soliden Kneipe direkt am Fischmarkt. Es gibt auch Bier, das gehört zum Konzept. Und dieses Konzept heißt „Wissen vom Fass“. Einmal im Jahr begibt sich Hamburgs Forschungselite dabei auf Kneipentour, um wissenschaftliche Themen in Bars zu verhandeln, Hamburg mit Erkenntnis fluten und auch die zu erhellen, die nur kurz an ihrem Bierchen nuckeln wollten.

Im vergangenen Jahr war die Premiere der originellen Vortragsreihe, organisiert von Uni und dem Desy-Forschungszentrum, ein Riesenerfolg. In diesem Jahr sind 46 Wissenschaftler zeitgleich ab 19 Uhr in 46 Bars unterwegs. Von Ottensen bis Winterhude, von Eimsbüttel bis Wilhelmsburg. Die Fragestellungen lauten: Wann übernehmen die Maschinen? Wie laut war der Urknall? Und warum ist Spinnensex tödlich?

Vorbild ist die Reihe „Science on Tap“ in Tel Aviv

Julia Kehr wird für ihren Vortrag Salat mitbringen. Und eine Mimose. An denen lässt sich ja besonders gut erkennen, wie empfindsam Pflanzen sein können. „Bei Zigarettenqualm etwa machen Mimosen komplett zu“, sagt Kehr. Grundsätzlich steht ihre 30-minütige, gleichermaßen unterhaltsame wie informative Präsentation unter dem Titel: „Alarm auf dem Salatteller?“ Wie nehmen Pflanzen ihre Umwelt wahr? Mögen sie gute Gespräche? Und merkt Salat, dass er gegessen wird? Esoterik-Quatsch soll es nicht werden, sagt die 46 Jahre alte Professorin. Stattdessen serviert sie knallharte wissenschaftliche Fakten.

Vorbild für „Wissen vom Fass“ ist die Reihe „Science on Tap“ in Tel Aviv. Das dortige Weizmann-Institut hat seine Wissenschaftler 2011 das erste Mal aufs Kneipenpublikum losgelassen und bezeichnet die Aktion heute als „beste Werbung, die wir je hatten“. Professor Doktor Jan Louis war es, der die Idee aus Israel nach Hamburg transferierte und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank als Schirmherrin gewinnen konnte. Als Vizepräsident für Forschung an der Uni will Louis den kulturellen Aspekt der Naturwissenschaften fördern. „Kultur ist nicht nur Schiller oder Goethe. Auch Atomphysik kann Kultur sein“, sagt Louis. Schwerpunkt bei allen Vorträgen ist die Naturwissenschaft.

Pflanzen schätzen das persönliche Gespräch

Bammel hat Julia Kehr nicht vor ihrer Präsentation. Sie hält dauernd Vorträge, bezeichnet sich durchaus als „Rampensau“. Dabei gab es Zeiten, da waren Bühnen oder Rednerpulte: Igitt! Da waren wissenschaftliche Vorträge genauso weit weg wie Dissertation und Habilitation. Da hat sie die Schnauze voll gehabt von der Uni und erst mal in einem Architekturbüro gearbeitet. Die akademische Karriere – die Professur, die Forschung, die Lehre – das habe sich ergeben. Heute fährt sie das volle Rampensau-Programm. Ihre Erwartung an die Kneipe? „Je voller, desto besser.“

Wie kommunizieren Pflanzen bei einem Raupenangriff? Welcher Pflanzenteil gibt den Befehl, Blätter oder Blüten zu bilden? Und wer sagt der Wurzel, dass weiter oben Phosphat gebraucht wird? „Wir untersuchen die grundlegenden Mechanismen der pflanzlichen Kommunikation“, sagt Julia Kehr. Es gibt bundesweit nur drei bis vier Arbeitsgruppen, die das können. Modellpflanzen sind Raps oder Mais, Anwendung finden ihre Forschungsergebnisse vor allem in der Landwirtschaft. „Da gibt es ein Interesse, Pflanzen resistenter zu machen oder auf den Klimawandel vorzubereiten.“

Julia Kehr wird am Donnerstag auch davon berichten, dass Pflanzen tatsächlich das persönliche Gespräch schätzen. Warum? Tja. Ist die Gefühlswelt eines Salatblatts vielleicht doch komplex? Darüber wird zu reden sein. Morgen im EierCarl.

Das Programm: www.wissenvomfass.de