Organspende

Vorwürfe gegen UKE erschüttern Experten und Politik

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Die Staatsanwaltschaft ermittelt: Hat das UKE bei Transplantations-Patienten Daten manipuliert? Ein Operationsteam operiert einen Patienten (Archivbild)

Die Staatsanwaltschaft ermittelt: Hat das UKE bei Transplantations-Patienten Daten manipuliert? Ein Operationsteam operiert einen Patienten (Archivbild)

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Wurde bei Organtransplantationen manipuliert? Heftige Kritik von Patientenschützern – Gesundheitssenatorin alarmiert.

Hamburg. Die Vorwürfe gegen das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) wegen mutmaßlicher Verfehlungen bei Transplantations-Patienten haben in Hamburg, aber auch bundesweit für ein gewaltiges Echo gesorgt. Die verantwortliche Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zeigte sich „erschüttert“ mit Blick auf den Kontrollreport von Bundesärztekammer, Krankenkassen und Krankenhausgesellschaft (das Abendblatt berichtete).

Der Medizinische Vorstand der DSO, Dr. Axel Rahmel, sagte dem Abendblatt, erst seit den Skandalen von 2012 in Göttingen und anderswo sei das System der Organspende und Transplantation sicherer geworden. Die Hamburger Fälle stammen aus der Zeit 2010 bis 2012. Rahmel sagte, die Prüfung zeige, dass die Maßnahmen gegen Mauscheleien griffen. „Unsere Hoffnung ist, dass diese Tatsache das Vertrauen in das System der Organspende und Transplantation sogar stärken kann.“

Organspende: Patientendaten manipuliert?

Im UKE sollen Patientendaten manipuliert worden sein, um Schwerkranke auf einer Rangliste für eine Lungentransplantation weiter nach oben zu bringen. Die Situation von 14 Kranken soll dramatisiert worden sein. Es ist zum Beispiel von einer Sauerstoffsättigung bei potenziellen Transplantationspatienten die Rede, die zwischen 69 und 75 Prozent gelegen habe, „was über Wochen und Monate selbst bei Gesunden nicht mit dem Leben vereinbar ist“. So steht es in dem Bericht.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt außerdem wegen Aktenunterdrückung, weil das UKE und die mit ihr kooperierende LungenClinic Großhansdorf einen Teil der Krankenakten nicht hätten vorlegen können – was schon ein Verstoß gegen geltendes Recht wäre. Oberstaatsanwältin Nana Frombach sagte dem Abendblatt: „Wir haben weitere Informationen angefordert, um die vorliegenden Dokumente unter strafrechtlichen Gesichtspunkten bewerten zu können.“

UKE: Rangliste für Transplantationen nicht verändert

Die Klinik weist die Vorwürfe von sich und will weitere Belege beschaffen. In einer Stellungnahme des UKE heißt es, es gebe berechtigte Kritikpunkte. Man habe jedoch keine Anhaltspunkte dafür, dass die Rangliste von Patienten auf der Transplantationsliste verändert worden sei. Das UKE macht unterschiedliche Dokumentationssysteme in den beiden Krankenhäusern dafür verantwortlich, dass der Kommission möglicherweise Akten fehlen – im UKE elektronische Patientenakten, in Großhansdorf Papier.

„Das UKE kann zudem alle Transplantationsfälle von UKE-Patienten mit der elektronischen Patientenakte dokumentieren, was die Prüfungskommission beim ersten Besuch auch bestätigte.“ Das Krankenhaus legt Wert darauf, dass kein Patient Schaden genommen habe und es keine unrechtmäßige Transplantation gegeben habe. Auch seien die Dokumentationsmängel inzwischen behoben.

In zwei Fällen habe es Fehler bei den Daten gegeben. „In einem Fall ist es durch einen Übertragungsfehler – es wurde venöses statt arterielles Blutgas eingetragen – bei der LAS-Listung (Lung Allocation Score) zu einer Punktwertverschiebung gekommen. Dies hat jedoch nicht zu einer Organvergabe geführt; die Organvergabe fand nach einer späteren Listung statt, bei der der Übertragungsfehler bereits durch korrekte Daten aktualisiert worden war.“

Das Thema ist für Hamburg ganz besonders brisant. Nach den Transplantationsskandalen im Jahr 2012 in Göttingen, Regensburg, München und anderen Orten hatten sich gerade UKE-Ärzte für verschärfte Regelungen und mehr Transparenz ausgesprochen. Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) hatte darauf gedrängt, Ärzte bei Fehlverhalten noch drastischer zu bestrafen. Sie forderte außerdem, dass die Bonuszahlungen für Ärzte nicht mehr an die Zahl der Operationen geknüpft werden dürfen.

Hier lag oder liegt offenbar ein Anreiz für Fehlverhalten bei Transplantationen. Inzwischen dürfen nur ausgewiesene Zentren die aufwendigen Transplantationen machen. Es gibt bei der Beurteilung der Patienten ein Mehraugenprinzip. Verstöße können mit Gefängnisstrafen, aber auch mit der Schließung eines Transplantationszentrums und dem Entzug der ärztlichen Approbation bestraft werden. Eine Transplantation kann mehrere Hunderttausend Euro kosten.

Patientenschützer kritisieren Organspende-Verfahren

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte dem Abendblatt: „Manipulationen bei allen Organverteilungen waren über Jahrzehnte an der Tagesordnung. Von Nord nach Süd sind die meisten Verantwortlichen noch immer in Amt und Würden.“ Für Patienten seien die Vergabekriterien undurchsichtig, die Konkurrenz der Transplantationszentren habe sich verschärft. Brysch kritisierte: „Denn weniger Organspender bedeuten auch weniger Implantationen. Doch weder Bundesminister Hermann Gröhe noch die zuständigen Landesminister haben es geschafft, wenigstens die Zahl der Transplantationszentren zu halbieren.“

Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks: "Nehmen den Fall sehr ernst"

Jetzt erklärte die Hamburger Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks, ihre Behörde nehme den Prüfbericht „sehr ernst“. Sie spricht von „Dokumentationsmängeln“. Die Verantwortlichen seien vorgeladen worden. Ihre schriftlichen Erklärungen würden noch ausgewertet. Die Opposition in der Hamburger Bürgerschaft fordert rasch Klarheit über die Vorwürfe. Die FDP sieht Gesundheits- und Wissenschaftssenatorin „in der Pflicht“ zur schnellen Aufklärung und droht mit einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses in der Bürgerschaft, wie Gesundheitsexperte Wieland Schinnenburg sagte. „Es muss hier schnellstens Licht ins Dunkel gebracht werden. Nur so kann das Vertrauen der Patienten wiederhergestellt werden.“

CDU-Gesundheitssprecher Dennis Thering fürchtet einen weiteren Rückschlag für die Organspendenbereitschaft in ganz Deutschland. „Frau Prüfer-Storcks wird vor allem erklären müssen, warum die Unregelmäßigkeiten erst über vier Jahre später ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Diese Intransparenz erinnert an die fragwürdige Fehlerkultur der Gesundheitsbehörde im Rahmen des sogenannten ,Strahlenskandals‘, der Hamburg 2015 erschütterte.“

UKE-Verantwortliche sollen sich im Gesundheitsausschuss erklären, fordern die Linken. „Allein der Vorwurf bedeutet aber auch einen Riesenschaden für alle Patienten, die auf eine Organspende angewiesen sind, weil durch solche Skandale die Spendebereitschaft der Menschen weiter sinkt“, sagte der Linken-Abgeordnete Deniz Celik.

Gesundheitsausschuss eingeschaltet

Auch Grüne und SPD sprechen von Thematisierung der Vorwürfe schon im Gesundheitsausschuss der Bürgerschaft am 24. November. Grünen-Expertin Christiane Blömeke sprach von Aufklärung „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“. Für die SPD sagte Sylvia Wowretzko: „Das Vertrauen der Menschen in korrekte Verfahren bei der Organspende ist ein hohes Gut und darf nicht beschädigt werden. Nicht ohne Grund wurden deshalb die gesetzlichen Regelungen 2013 noch einmal verschärft. Es ist gut, dass die zuständigen Stellen hier in Hamburg diese Vorgänge jetzt sehr genau untersuchen werden. Wir werden uns vonseiten der Bürgerschaft am 24. November über den aktuellen Stand der Dinge berichten lassen.“

Mitarbeit: Christoph Heinemann

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