Abendblatt-Serie

„Mein Enkel heißt Xaver und trägt Lederhosen“

Hanno Hames in
Hamburgs Zentrum:
Der Syrer kam
nach dem Abitur
nach Deutschland,
besuchte einen
Deutschkursus
und studierte in
Hannover. Hames
ist Deutscher und
hält die doppelte
Staatsbürgerschaft
für kontraproduktiv

Hanno Hames in Hamburgs Zentrum: Der Syrer kam nach dem Abitur nach Deutschland, besuchte einen Deutschkursus und studierte in Hannover. Hames ist Deutscher und hält die doppelte Staatsbürgerschaft für kontraproduktiv

Foto: Matthias Iken / HA

Angekommen in Deutschland. Der Syrer Hanno Hames stieg bis zum Chef der Hamburger Wasserwerke auf.

Hamburg. Der gebürtige Syrer Hanno Hames (76) stand von 1991 bis 2004 an der Spitze der Hamburger Wasserwerke, die heute Hamburg Wasser heißen. Das Kind syrischer Christen wuchs in Damaskus auf, verließ Ende der 50er-Jahre seine Heimat, um in Deutschland zu studieren. Er blieb, machte Karriere und ist längst deutscher Staatsbürger. Ein Gespräch über die Lage in Syrien, den Wert der ­Assimilation und Lederhosen.

Herr Hames, Sie sind seit fast zwölf Jahren nicht mehr Chef der Wasserwerke, aber viele erinnern sich an Ihren Kampf gegen die Privatisierung des Unternehmens. Henning Voscherau nannte Sie den „Bannerträger der öffentlich verantworteten Wasserversorgung“ ...

Hames: Ja, das hat mir viele graue Haare eingebracht. Damals waren Privatisierungen ungeheuer populär – und alle schauten auf uns. Ich wusste, wenn Hamburg fällt, fallen alle übrigen Wasserversorger. Ich war damals Präsident des Deutschen Gas- und Wasserfaches. In dieser Funktion habe ich die Branche in Berlin und Brüssel vertreten. Meine Überzeugung war immer, dass die Wasserversorgung ein natürliches Monopol ist. Deshalb muss das Eigentum der Wasserversorgung städtisch sein und unter politischer Kontrolle bleiben.

Ihre Heimat ist heute Hamburg. Wie lange hat es gedauert, heimisch zu werden?

Hames: Ich kam direkt nach dem Abitur nach Deutschland, habe erst einen zweimonatigen Deutschkurs belegt, dann in Hannover studiert und später promoviert. Schon damals wollte ich in die deutsche Gesellschaft integriert werden. Das entsprach meiner Überzeugung, meiner kulturellen Vorstellung und meiner Disziplin. Ich habe dann die syrische Staatsangehörigkeit abgelegt. Auch das halte ich nur für konsequent. Die doppelte Staatsbürgerschaft kann nicht funktionieren. Sie ist kontraproduktiv und dient nicht der gesellschaftlichen Integration. Man kann nicht Diener zweier Herren sein, sondern muss wissen, wo man hingehört. Deshalb sind auch meine Kinder ausschließlich Deutsche.

Die Niedersachsen hatten mit David ­McAllister sogar einen Ministerpräsidenten, der Deutscher und Brite zugleich war.

Hames: Das kann man aber nicht vergleichen, das ist ein Sonderfall so wie „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Außerdem ist David McAllister unser Abgeordneter in der EU in Brüssel. Europäer verbindet eine sehr ähnliche Kultur. Schwieriger wird es, wenn unterschiedliche Kulturkreise aufeinanderprallen. Wir sehen das gerade bei vielen Türken, die als Deutsche vorrangig der Türkei und Erdogan zujubeln. Ich frage mich: Sind das jetzt Türken oder Deutsche?

Als Sie Karriere bei den Hamburger ­Wasserwerken machten, galten Sie als ­Ausländer noch als Exot ...

Hames: Ja, ein Exot war ich vorrangig in der Zeit an der Uni, wo kaum jemand Arabisch sprach. Einfach war es nicht für Ausländer – man musste immer besser, ­fleißiger, klüger sein. Das war nicht nur in der Studienzeit so, sondern auch – ­zumindest in den ersten Jahren – im ­Berufsleben.

Hat die Religion bei der Integration eine große Rolle gespielt?

Hames: Sie ist nicht unwichtig. Ich bin christlich erzogen worden. Man muss aber auch wissen: Die Moslems in Syrien waren früher viel liberaler, als wir heute Moslems in Deutschland wahrnehmen. In der Schule gab es gemischte Klassen mit Mädchen und Jungen beider Religionskreise. Wir haben gemeinsam Pfad­finderfahrten und Sport gemacht, zusammen gespielt. Mich macht es sehr traurig, wenn ich sehe, wie Kinder in der zweiten oder dritten Generation hier in Hamburg einen rückwärtsgewandten Islam leben. Das ist das Ergebnis einer falschen Integrationspolitik und der zunehmenden Naivität in der Gesellschaft.

Was ist schiefgelaufen?

Hames: Die Deutschen machen den Fehler, die Schuld immer zuerst bei sich zu suchen. Wenn die Integration nicht funktioniert, fragen sie zuerst, was haben wir falsch gemacht? Man muss aber die Zuwanderer in die Pflicht nehmen. Verständigung setzt eine gemeinsame Sprache und Spielregeln voraus – wenn die einen in Meter messen und die anderen in Inch, kann es nicht funktionieren. Wenn jemand nur Latein spricht und Sie antworten auf Chinesisch oder Japanisch, dann gibt es keine Verständigung. Wenn Sie die Regeln nicht klar definieren, bilden sich Parallelgesellschaften. Die Deutschen dürfen einfordern, dass ihre Regeln eingehalten werden. Weshalb sind die Menschen denn sonst in dieses Land gekommen und wollen hier bleiben?

Was halten Sie von dem Satz der Kanzlerin „Wir schaffen das“?

Hames: Ich schätze ihre humanitäre Einstellung sehr. Dennoch würde ich ihr dringend empfehlen, die harte Realität nicht nur zu erkennen, sondern auch zu benennen. Die aufgeklärte deutsche Gesellschaft hat Anspruch darauf, dies zu erfahren, um auch auf die Veränderungen vorbereitet zu sein. Wir sollten nicht ständig reagieren, sondern agieren. Was will sie schaffen? Mit welchen Mitteln, mit welcher Strategie? Waren wir vorbereitet? Ich ärgere mich maßlos, wenn ich das und die endlose populistische Interpretation dieser Aussage höre. Die Politik hat die exekutive Macht, sie muss gestalten, nicht nur in den Medien fordern. Es gibt zunehmend, trotz der guten humanitären Absichten, eine starke liberale Naivität. Sowohl im Interesse der deutschen Gesellschaft als auch für die Flüchtlinge müssen wir klare Erwartungen formulieren. Es wäre wünschenswert, auch die Sorgen und die Bedenken der übrigen europäischen Länder in der EU zu akzeptieren.

„Deutschland wird Deutschland bleiben“ lautet ein anderes Versprechen ...

Hames: In 20 Jahren nicht mehr. Sie werden diese liberale Gesellschaft mit der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Toleranz gegenüber Andersgläubigen und die deutsche Kultur nur schwer verteidigen können. Ich fürchte eher, dass diese Gesellschaft in viele kleinere Parallel­gesellschaften zerfallen wird. Wenn wir einen Blick auf Berlin-Neukölln werfen, ebenso Duisburg oder auch hier Harburg, um einige Beispiele zu nennen, wächst bei mir, auch bei vielen Freunden, der Pessimismus. Und wir haben es hier mit der zweiten Generation von Zuwanderern zu tun. Ich hoffe, ich habe unrecht. Ich wünsche mir, dass unsere Enkelkinder später nicht nur selten etwas über Goethe, Schiller, Beethoven, Bach, Mozart, um einige zu nennen, zu hören bekommen. Das heißt nicht, dass ich andere Kulturkreise ausschließen möchte und dafür nicht offen bin.

Was halten Sie von dem derzeit diskutierten Burkaverbot?

Hames: In jeder Gesellschaft gibt es gewisse Normen und Verhaltensweisen. Es ist zum Beispiel unvorstellbar, mit Bikini eine Kirche zu besuchen oder genauso mit Burka bei einer Passkontrolle oder vor einem Richter zu stehen. Ich kann die Kopftuchbedeckung aus religiösen Motiven uneingeschränkt akzeptieren, aber die Burka ist ein extremes Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit, wo es im Übrigen ein Vermummungsverbot gibt, und entspricht nicht unserer Gesellschaftsform.

Wie geht es in Ihrer alten Heimat weiter?

Hames: Ich weiß es nicht. Die ganze Region ist seit dem Irak-Krieg in Aufruhr, der Irak wurde mit einer großen historischen Lüge um 300 Jahre zurückgebombt. Wenn man ein Regime beseitigen möchte, sollte man aber einen Plan für die Zukunft haben. Warum stehen die Verantwort­lichen für diesen Feldzug eigentlich nicht in Den Haag vor Gericht? Heute gibt es in meiner alten Heimat 30.000 ausländische Kämpfer. Ausländische Staaten mit hierarchischen Strukturen und diktatorischen Verhältnissen wollten in Syrien „Demokratie“ einführen, ohne selbst das Wort buchstabieren zu können. Sie haben den „IS“ unterstützt. Der Westen hat das nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch unterstützt, um eigene strategische Interessen zu wahren. Religionsaspekte wurden missbraucht. Wer hat das Öl gekauft, wer hat Waffen und Munition geliefert, über welche Grenze wurde dies alles abgewickelt? Die Großmächte sahen die Möglichkeit, ihre strategischen Vorteile zu wahren. Es ist ein Drama, was dort passiert, und das syrische Volk ist das Opfer. Selbstverständlich bin ich für Demokratie, wo auch ­immer.

Hätten Sie sich jemals vorstellen können, dass Ihre alte Heimat Schauplatz eines so mörderischen Bürgerkriegs werden könnte?

Hames: Nein, früher nie. Aber nach dem Irak-Krieg war ich mir da nicht mehr so sicher. Selbstverständlich wünsche ich mir bessere demokratische Verhältnisse in Syrien, was im Übrigen auch der Syrer selbst anstrebt. Aber die europäischen Verhältnisse können nicht 1:1 dorthin übertragen werden. Der Bürgerkrieg wurde von ausländischen Mächten unter dem Missbrauch der Religion angezettelt und mit aller Härte weitergeführt. Das syrische Volk hat nichts mehr zu ­sagen.

Viele Syrer sind in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen. Das Bildungssystem gilt als vergleichsweise gut. Sind Sie zuversichtlich, dass die Integration gelingen wird?

Hames: Sie müssen immer betrachten, woher die Menschen kommen und mit welchem Ziel. Ich vermute, dass die meisten keine politischen Flüchtlinge sind. Früher war ein Studium in Deutschland für die allermeisten Syrer nur ein Traum, im vergangenen Herbst schien plötzlich alles möglich. Ich kann jeden Menschen verstehen, der hier sein Glück versucht. Ich weiß nur nicht, ob es von der deutschen Kanzlerin politisch so klug war, die Grenzen in dieser Form zu öffnen. Auch wenn das Bildungssystem in Syrien recht gut ist, haben nicht alle Flüchtlinge davon profitieren können. Ich bezweifle, dass wir auf dem deutschen Arbeitsmarkt Verwendung für so viele Niedrigqualifizierte, auch aus anderen Nationen, haben, die oft nicht einmal lesen und schreiben können. Das wird nur klappen, wenn wir konkrete Erwartungen und Bedingungen formulieren.

Sie sind ja ein Beispiel, dass es funktionieren kann.

Hames: Ich komme aus der Mittelschicht. Mein Vater hat jeden Cent gespart, damit seine Kinder zu einer guten Schule gehen und studieren konnten. Wir hatten den unbedingten Willen und Ehrgeiz, etwas zu erreichen, und waren bereit, uns anzupassen. Meine Geschwister und ich haben im Ausland studiert, in Frankreich, England, den USA und Deutschland. Die ­Kinder und Enkelkinder leben jeweils dort und haben ausschließlich die jeweilige Staatsangehörigkeit. Meine Geschwister leben in Syrien. Ich bin in Deutschland geblieben. Meinem Enkel merken Sie seinen syrischen Großvater nicht mehr an, der heißt Xaver und trägt Lederhosen.

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