Fluglotsen in Hamburg

Überblick behalten – und mal ein Taxi für Rihanna bestellen

Arbeitsplatz mit Aussicht – in 54 Meter Höhe: Im Schichtdienst wachen die Mitarbeiter des Towers 24 Stunden am Tag über die Kontrollzone

Arbeitsplatz mit Aussicht – in 54 Meter Höhe: Im Schichtdienst wachen die Mitarbeiter des Towers 24 Stunden am Tag über die Kontrollzone

Foto: Andreas Laible / HA

Am Hamburger Airport ist jetzt in den Ferien besonders viel los. Die Fluglotsen im Tower sorgen für die Sicherheit. Ein Ortstermin.

Hamburg.  Wenn Richard Pfaff auflistet, welche Dinge mit Sicherheit gar nichts mit seinem Beruf zu tun haben, dann klingt es, als müsste er das nicht zum ersten Mal erklären. „Erstens: Wir sind nicht die mit den Fähnchen. Zweitens: Wir sind nicht die, die immer streiken. Und drittens stehen wir nie, aber auch wirklich nie, oben auf dem Tower-Dach und winken die Flugzeuge rein.“ Spätestens bei „drittens“ fangen auch Pfaffs Lotsen-Kollegen oben im Tower an zu schmunzeln. Scheint, als gebe es Erklärungsbedarf.

Pfaff ist einer von 36 Fluglotsen am Hamburger Flughafen. Im Schichtdienst wachen sie 24 Stunden pro Tag über die Kontrollzone. Dazu zählt alles bis zu einer Höhe von 800 Metern sowie innerhalb einer Entfernung von rund zehn nautischen Meilen, also rund 18,5 Kilometern – alles, was höher und weiter weg ist, regelt die Zentrale in Bremen, auch die Anflugreihenfolge.

Für Pfaff und seine Kollegen kommen pro Woche rund 2900 Flugbewegungen zusammen, im Sommer etwas mehr, im Winter etwas weniger. Dafür kann es im Winter durch Schnee und Glätte immer mal zu kleinen Herausforderungen kommen. Die Hauptaufgabe eines Lotsen fasst Pfaff in einem Satz zusammen: „Aufpassen, dass sich Flugzeuge in der Luft oder am Boden nicht zu nahe kommen.“ Was er etwas salopp ausdrückt, ist tatsächlich eine hochgradig verantwortungsvolle Aufgabe, die täglich über Menschenleben entscheidet. Das Auswahlverfahren der Deutschen Flugsicherung zählt zu den härtesten überhaupt. Von rund 4500 Bewerbern pro Jahr schaffen nur drei bis fünf Prozent das mehrtägige Auswahlverfahren. „Abiturnoten sind dabei aber irrelevant“, sagt Pfaff. Es komme vor allem auf kognitive Fähigkeiten an wie Konzentrationsfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen und Multitasking- und Teamfähigkeiten.

Über sein Gehalt möchte Pfaff nicht sprechen. Er sagt nur: „Es ist der Verantwortung entsprechend angemessen hoch.“ Andere Quellen sprechen von einem Einstiegsgehalt je nach Einsatzort zwischen 6100 und 8500 Euro brutto monatlich, plus Zulagen für Wochenenddienste und Nachtschichten. Arbeit im Schichtrhythmus, morgens, abends, nachts. Ein Traumjob?

Pfaff schmunzelt. Er sagt, dass er jetzt gerne irgendwas von Berufung erzählen würde, oder davon, wie er schon als Kind immer mit großen Augen am Flughafen stand und die Flugzeuge beobachtet hat. Davon, dass er jahrelang darauf hingearbeitet hat. Aber das wäre alles nicht wahr.

Im Grunde war es einfach Zufall. Eine Freundin, deren Vater Fluglotse war, hatte Pfaff auf die Idee gebracht. Und der Zivildienst neigte sich ohnehin gerade dem Ende zu. Also versuchte Pfaff es einfach und war im Auswahlverfahren dann plötzlich von lauter Leuten umgeben, die sich schon immer für die Luftfahrt interessiert hatten und sich entsprechend auskannten. Pfaff war ein Generalist unter lauter Spezialisten. Er erinnert sich: „Ich kannte nicht mal den Unterschied zwischen einem Airbus und einer Boeing.“ Geschafft hat er es dann trotzdem. Und inzwischen kann er mit Fachwörtern jonglieren – von Flugzeugtypen über ICAO-Codes bis zu Landebahnbezeichnungen.

Nichts geht ohne Fachwörter und Abkürzungen

Überhaupt geht im Tower nichts ohne Fachwörter und Abkürzungen. Das fängt schon bei den vier Arbeitsplätzen an. Von links nach rechts: PG, PL1, Co und PL2. PG ist der sogenannte „Ground Arbeitsplatz“, dort wird unter anderem die Freigabe zum Anlassen der Triebwerke erteilt. PL1 ist der erste Platzlotse, der die Starts und Landung freigibt und dafür sorgt, dass es auf den am Boden kreuzenden Bahnen keine Konflikte gibt und dass die Mindestabstände eingehalten werden. Der Co unterstützt den ersten Platzlotsen. Der zweite Platzlotse kümmert sich um kleine Sportflieger und Sightseeing-Flüge wie etwa zum Hafengeburtstag oder Marathon und Drohnenflüge.

Seit es Letztere für rund 30 Euro beim Discounter gibt, ist am Himmel oftmals mehr los als noch vor ein paar Jahren. „Die müssen sich in der Regel genauso anmelden, wenn sie in der Kontrollzone fliegen wollen wie die übrigen Verkehrsteilnehmer, das wissen nur leider viele nicht“, sagt Pfaff. Übrigens: Der überwiegende Teil aller Lotsen arbeitet nicht wie Pfaff im Tower. Rund 80 Prozent sind sogenannte Center-Lotsen, die in einer der vier deutschen Kontrollzentralen die Lufträume außerhalb der Flughäfen sichern.

Pro Schicht durchläuft jeder Fluglotse jede Position. Das rotierende System ergibt sich durch die Pflichtpausen alle zweieinhalb Stunden. Eine Schicht dauert 7,5 Stunden. Richard Pfaff hatte heute Frühdienst und sitzt seit 7.45 Uhr im Tower. Dort sieht es jedoch deutlich weniger nach Nasa aus, als man denken könnte. Natürlich gibt es ein paar Monitore, auf denen die aktuellen Flugplandaten einlaufen, Radarbildschirme und Fernrohre, mit denen die Lotsen zum Beispiel Vogelschwärme erkennen können oder, ob die Fahrwerke richtig ausgefahren sind.

Aber ansonsten ähnelt vieles auch einem normalen Büro: Schreibtische, Telefone, Kaffeetassen, an der Wand hängt noch schwarz-rot-goldene EM-Deko, Jacken hängen über den Stuhllehnen, hier und da wird geredet. Der größte Unterschied zu den meisten Büros dürfte wohl der Blick sein. Rundum-Verglasung auf 54 Metern Höhe und Licht von allen Seiten.

Auch mal ein Taxi für Rihanna bestellen

An seine erste Schicht im Tower kann sich Pfaff noch gut erinnern. „Der Wechsel vom Simulator in die reale Umgebung ist schon krass.“ Am Anfang läuft das wie beim Autoführerschein. „Da sitzt immer jemand daneben, der eingreifen kann. Und über die Routine wird die Aufregung dann langsam weniger.“ Als er dann das erste Mal nach Abschluss der zweijährigen Ausbildung eigenverantwortlich oben im Tower saß, war es keine große Umstellung mehr.

Ob er Angst hat, dass mal ein Fehler passiert? „Nein“, sagt Pfaff. „Das ist sehr, sehr unwahrscheinlich, auch, weil die Systeme und Kollegen ja Korrektive sind.“ Für den Fall, dass doch einmal etwas passiert, absolvieren Lotsen regelmäßig Notfalltrainings. „Und die haben nichts mit irgendwelchen Filmen zu tun, wo dann immer alle aufgeregt durcheinanderrennen.“ Das Gegenteil sei der Fall: „Im Notfall werden Checklisten abgearbeitet, da arbeiten dann alle sehr konzentriert.“

Auch, wenn der Beruf des Lotsen für Pfaff eher Zufall als Berufung war, ist er sehr damit zufrieden, dass es so gekommen ist. „Ich würde es wieder so machen.“ Wenn man erst mal die Volllizenz hat und auf seiner Position sitzt, kann man selbstständig arbeiten, und keiner nimmt einem die Verantwortung ab. „Außerdem nimmt man keine Arbeit mit nach Hause.“ Auch mit den Arbeitszeiten hat Pfaff kein Problem: „Wenn man gut organisiert ist, ist das kein Problem. Und wenn ich mal ein Wochenende arbeiten muss, kann ich ja dafür auch mal unter der Woche feiern gehen. Das ist in Hamburg ja zum Glück kein Problem.“

Sein lustigstes Erlebnis: „Einmal wurde ich per Funk aus dem Cockpit angewiesen, ein Taxi für Rihanna zu bestellen, die gleich landen würden. Wenn möglich das beste Hamburgs“, sagt Pfaff und lacht. Der Aufforderung ist er nachgekommen; ob es tatsächlich das beste Taxi war, weiß er nicht. Eigentlich gehört das auch zu den Dingen, die mit der Arbeit von Lotsen auf keinen Fall etwas zu tun haben.