Der rote Faden

Josef Reppenhorst: Mehr Leben für die letzten Tage

Josef Reppenhorst
in seinem Büro von
Hamburg Leuchtfeuer

Josef Reppenhorst in seinem Büro von Hamburg Leuchtfeuer

Foto: Michael Rauhe / HA

Der Sprecher der Organisation Hamburg Leuchtfeuer, hat als Sohn einer Großfamilie früh gelernt, dass das Sterben dazugehört.

Hamburg. Das Hospiz von Hamburg Leuchtfeuer liegt ein bisschen versteckt hinter dem ehemaligen Israelitischen Krankenhaus in einer Nebenstraße von St. Pauli. Mitten im Grünen, an einer Allee mit Kopflinden. Die Lage ist fast symbolisch: Das Hospiz ist ein Rückzugsort - und zugleich mitten in einem der quirligsten Stadtteile Hamburgs.

„Es ist ein Haus, in dem auch viel gelacht wird“, sagt Josef Reppenhorst. „Denn tiefe Gefühle wie Schmerz, Traurigkeit und große Freude liegen sehr dicht nebeneinander. Wir haben oft das Bild, Hospize seien nur traurige Orte zum Sterben. Es sind aber Orte, wo intensiv gelebt wird. Das Besondere ist, dass es eben die letzte Phase des Lebens ist.“

Reppenhorst ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von Hamburg Leuchtfeuer, und sein Büro gegenüber dem Hospiz liegt in einem Gebäude, das vor 130 Jahren dem Anfang des Lebens diente: der Geburtsstation des alten Israelitischen Krankenhauses. Salomon Heine, der Onkel von Heinrich, hatte die Klinik 1841 zur Erinnerung an seine verstorbene Frau Betty gestiftet. Sie nannte sich „Institut zur Aufnahme, Verpflegung und Heilung Israelitischer Kranker jedweden Alters und Geschlechts“, behandelte aber Patienten jeder Konfession und jeden Geldbeutels. Dieser Grundsatz gilt auch für Hamburg Leuchtfeuer und sein Hospiz. Mit einer Ausnahme: Körperliche Heilung ist hier nicht mehr möglich.

Aber alles andere. „Die Atmosphäre ist eher familiär“, sagt Reppenhorst. „Im Hospiz läuft niemand in einer weißen Tracht herum, es gibt keine angestellten Ärzte, keine festen Weckzeiten; die Bewohner können zu jeder Tages- und Nachtzeit Besuch bekommen oder auch sagen: Heute möchte ich allein sein.“ Oft werden die Patienten von ihren eigenen Ärzten betreut oder von Palliativmedizinern, mit denen das Hospiz zusammenarbeitet. Viele haben Angehörige und Freunde bei sich. Was woanders verboten ist, darf hier sein: rauchen, gemeinsam einen schönen Wein trinken, auch der Hund darf mitkommen. Was sollen denn Verbote noch? „Es geht um Selbstbestimmung, auch bis ins Kleinste.“

Josef Reppenhorst arbeitet seit mehr als 20 Jahren für Hamburg Leuchtfeuer. Die Organisation, 1994 gegründet, war die Antwort auf die erste große Aidswelle, die in den 1980ern auch nach Deutschland und nach Hamburg gekommen war. „Ich habe damals die schreckliche Dynamik der Aidszeit erlebt. Auch von mir sind Freunde gestorben, jeder in der Szene war mit den Dramen konfrontiert“, sagt er. „Es war im doppelten Sinn dramatisch. Zum einen war die Krankheit immer noch stark stigmatisiert, zum anderen gab es keine adäquaten pflegerischen Netzwerke für Menschen mit HIV und Aids.“ Hamburg Leuchtfeuer baute damals eine ambulante und psychosoziale Versorgung von Betroffenen auf. „Die erste Geschäftsstelle haben wir damals zu dritt in einem Laden in St. Georg eröffnet. Nach einem halben Jahr waren wir schon über 30 Mitarbeiter, Krankenschwestern und -pfleger, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen.“

Was fehlte, war ein Ort, wo Aidskranke in ihrer letzten Phase in Würde und Selbstbestimmung betreut und gepflegt werden konnten. „Unser Vorbild war das London Lighthouse, das Elton John damals maßgeblich mitfinanziert hatte. So etwas wollten wir in Hamburg auch bauen.“ Und obwohl Aids tabuisiert war, obwohl die Krankheit – etwa im „Spiegel“ – als apokalyptische Schwulenseuche dramatisiert wurde, fanden sich schnell Unterstützer. Unter ihnen waren die damalige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen als Schirmherrin, der damalige Handwerkskammerpräsident Dieter Horchler, Modemacher Wolfgang Joop, Impresario Corny Littmann und Ballettchef John Neumeier, die Hamburg Leuchtfeuer auch heute noch als Kuratoriumsmitglieder verbunden sind. Sie machten deutlich: Das Thema Aids und das Hospiz gingen die ganze Gesellschaft etwas an.

Nach vier Jahren hatten sie es geschafft: 1998 wurde das Hospiz eröffnet. Mit elf Plätzen für Menschen, die hier im Kreis ihrer Familie und Freunde ihre letzten Wochen verleben. Aids spielt kaum eine Rolle mehr. Heute sind 90 Prozent der Bewohner unheilbar an Krebs erkrankt.

Man kann nicht sagen, dass der Weg zu Hamburg Leuchtfeuer für Josef Reppenhorst vorgezeichnet war. Es hätte auch sein können, dass er heute im Münsterland Pferde züchtet. Geboren wurde er 1969 auf einem Bauernhof in Emsdetten, wo Reppenhorsts schon im Viehschatzregister von 1537 erwähnt werden. „Ich bin mit zwei älteren Schwestern aufgewachsen“, erzählt er. „Es war eine tolle, sehr unbeschwerte Jugend. Wir hatten Kühe und Schweine, meine Eltern sind Landwirte und waren passionierte Reiter. Wir sind mit Ponys und Pferden groß geworden, in der Natur, in dieser Weite. Mir wird im Rückblick immer wieder klar, was für ein Geschenk das war.“

Reppenhorst ist ununterbrochen im Einsatz

Außerdem lebten mehrere Generationen auf dem Hof. Und das war ­vielleicht doch eine Vorbereitung für sein heutiges Engagement. „Meine Urgroßmutter war 98, als sie starb, auch andere alte Menschen auf dem Hof sind dort gestorben“, sagt er. „Deshalb sind wir schon als Kinder mit der Endlichkeit des Lebens vertraut gewesen und wurden integriert in das Abschiednehmen. Wir haben gelernt, dass das der Lauf der Dinge ist.“

Eigentlich sollte Reppenhorst als Sohn den Hof übernehmen. Bei aller Verbundenheit konnte er sich aber nicht vorstellen, für immer Landwirt zu werden: „Das Stadtleben war für mich einfach spannender.“ Stattdessen führte eine seiner Schwestern den Hof weiter. Reppenhorst besuchte die Höhere Handelsschule und landete dann bei der Wirtschaftsprüfung. Nach Hamburg kam er 1991, als dank des Mauerfalls und der Wiedervereinigung Wirtschaftsprüfer sehr gesucht waren – weil auch Ost-Betriebe jetzt nach West-Bilanzrecht abrechnen mussten. „Ich hatte in Hamburg sehr gute Jobangebote und fand die Stadt großartig“, sagt er. „Mir wurde aber schnell klar, dass Wirtschaftsprüfung nicht der Beruf meines Lebens werden würde. Ich hab nach Möglichkeiten gesucht, den kaufmännischen und den sozialen Bereich miteinander zu verbinden.“ Fündig wurde er bei Hamburg Leuchtfeuer, zuerst ehrenamtlich. „Ich habe gemerkt, dass mir das sehr liegt. Es ging uns darum, diese Stadt sozial reicher zu machen und etwas zu bewegen.“

Damit hatte er auch nach der Eröffnung des Hospizes reichlich zu tun. Denn bei dem Hospiz ist es nicht geblieben. Bei „Aufwind“, dem ältesten Leuchtfeuer-Projekt, kümmern sich Sozialpädagogen nach wie vor um die psychosoziale Betreuung von HIV-Infizierten und Aidskranken. 2007 wurde außerdem das „Lotsenhaus“ in Altona eröffnet, in dem Familien und Freunde in ihrer Trauerarbeit unterstützt werden. Das jüngste Projekt ist „Festland“, ein geplantes Wohnprojekt für unheilbar chronisch erkrankte Menschen zwischen 18 und 50 Jahren in der HafenCity. „Für sie gibt es kaum bezahlbare Wohnangebote, in denen sie selbstbestimmt leben können“, sagt Reppenhorst. Zehn Millionen Euro werden gebraucht.

Dafür ist Reppenhorst mit Kollegen und Förderern ununterbrochen im Einsatz: Er organisiert Benefiz-Konzerte mit Künstlern wie Judy Winter oder Tim Fischer, Benefiz-Golfturniere, Vernissagen und Diskussionen, Treffen mit Sponsoren wie dem Juwelier Wempe, der zugunsten von Leuchtfeuer eine Kollektion entwickelt hat. Leuchtfeuer ist beim Christopher Street Day vertreten, bei Rallyes, natürlich auch auf Facebook. Und allweihnachtlich mit der Teddy-Aktion. Leuchtfeuer-Teddys gehören für viele Hamburger schon zum Fest wie „Dinner for One“ zu Silvester.

Gegenstück zu Reppenhorsts Veranstaltungsmarathon ist seine Freunde-WG im Schanzenviertel – zwei Männer, eine Frau. „Ich mag diese Wohnform, vielleicht weil ich aus einer Großfamilie komme“, sagt er. „Und die Schanze hat trotz aller Touristen noch ein fast dörfliches Bewohnergefühl, zumindest unter der Woche. Es ist toll, vor dem Knust im Karoviertel mit Freunden bei einem guten Wein zu sitzen und ein Open-Air-Konzert zu hören. Das Lebensgefühl ist entspannt. Und tolerant.“

Auch das Hospiz hat ein Lebensgefühl. St. Paulis Graffiti-Künstler Ray de La Cruz hat es auf den Durchgang gesprayt: „Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben.“