24 Stunden Hamburg

Burka, Olympia, Santa Fu – wie das Abendblatt entsteht

Die Blattmacher: Lokalchefin
Insa Gall mit
Stephan Steinlein (l.)
und Berndt Röttger,
beide Mitglieder der
Chefredaktion

Die Blattmacher: Lokalchefin Insa Gall mit Stephan Steinlein (l.) und Berndt Röttger, beide Mitglieder der Chefredaktion

Foto: Michael Rauhe / HA

Jeweils 60 Minuten begleitet diese Zeitung Hamburger an ihrem Arbeitsplatz. Teil 19, 18–19 Uhr: Unsere Redaktion.

Hamburg.  Es ist 18 Uhr, als Stephan Steinlein die alte Messingglocke läutet – das Signal für die letzte Konferenz an diesem Freitag. Die ausgedruckten Seiten der heutigen Wochenend-Ausgabe hängen an der Wand, ein letztes Mal geht Steinlein, an diesem Tag der diensthabende Abendblatt-Chefredakteur, Seite für Seite mit den Kollegen durch. Sind die Überschriften präzise? Überzeugen die Fotos? Stimmt die Mischung?

Achteinhalb Stunden zuvor begann sein Arbeitstag im fünften Stock des Funke-Mediengruppe-Hauses am Großen Burstah, nur einen Steinwurf entfernt vom Hamburger Rathaus. Gut gelaunt, denn ein gewagtes Experiment hat sich gelohnt. Die Drucker haben in der Nacht ganze Arbeit geleistet, das ungewöhnliche Poster über zwei Seiten mit den Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst liegt gestochen scharf bei den Abonnenten im Briefkasten und am Kiosk. „Sieht richtig gut aus“, freut sich Steinlein beim schnellen Kaffee mit Durchsicht konkurrierender Zeitungen.

Regionalausgaben kümmern sich um Autobahn-Streit

Dann der erste Termin, die Videokonferenz. Nach und nach erscheinen auf dem großen Bildschirm die Kolleginnen und Kollegen der Funke-Titel in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Braunschweig, Thüringen und Bergedorf. Jörg Quoos, Chefredakteur der Berliner Zentralredaktion erklärt die überregionale Planung. Ein Interview mit AfD-Chefin Frauke Petry („mit sehr harten Fragen geführt“), ein Hintergrundbericht zum möglichen Burka-Verbot, Geschichten zu den neuen Kontogebühren der Postbank und zum Streit des Volkswagen-Konzerns mit seinen Zulieferern stehen im Mittelpunkt.

Nur eine Viertelstunde später die nächste Konferenz, zugeschaltet per Video sind diesmal die Chefs der Regionalausgaben des Abendblatts, die ebenfalls ihre Themen vortragen – vom Nachbarschaftsstreit in Pinneberg, der mit einer Hammer-Attacke auf einen Trecker endete, über den Schützenverein in Trittau, der im Gegensatz zu anderen Schützenvereinen boomt, bis zum Krach mit dem Naturschutzbund über den Ausbau der A 20 aus der Norderstedter Redaktion. Doch zuvor gibt es noch ein Sonderlob vom Chef für Abendblatt-Olympiareporter Björn Jensen, der für die aktuelle Ausgabe gleich drei Aufmacher aus Rio geliefert hat. „Wann schläft Björn eigentlich?“

Die Ressortchefs sprechen dann über ihr geplantes Programm. Für den Sport, na klar, stehen die Olympischen Spiele im Mittelpunkt, für die Wirtschaft die drohende Entlassung vieler Mitarbeiter beim Hamburger Spielehersteller Goodgame, für die Kultur ein Porträt des dienstältesten Thalia-Schauspielers Peter Maertens, der am Dienstag 85 Jahre alt wird. Insa Gall, als Chefin des Hamburg-Teils verantwortlich für das größte Ressort, erklärt das Projekt, an dem ein Kollege seit Tagen arbeitet, einem Vergleich der boomenden Carsharing-Anbieter.

Wer die Bilder aus alten Journalisten-Filmen im Kopf hat – mit hektischen Reportern, brüllenden Chefredakteuren, die Zigarre in der rechten, das Cognacglas in der linken – wäre wohl spätestens jetzt enttäuscht. Beim Abendblatt duzt auch der Jungredakteur den Chef, geraucht wird nur noch auf der Straße oder auf der Dachterrasse. Und Bier oder Wein gibt’s alle paar Wochen mal nach Feierabend bei einem Ausstand oder einem runden Geburtstag. Zur Wahrheit gehört indes auch: Wer die Nächte durchzecht, um dann Pfefferminz lutschend in die erste Konferenz zu schlurfen, hätte in diesem Job so wenig Chancen wie der trinkfeste Vorstopper ganz alter Fußballschule im Hochgeschwindigkeitsfußball der Bundesliga.

Das Internet hat gerade die Medienbranche revolutioniert, Nachrichten verbreiten sich binnen Sekunden durch das weltweite Netz auf jedes Smartphone. Wie andere führende Tageszeitungen setzt auch das Hamburger Abendblatt immer stärker auf die Geschichte hinter der Geschichte, um Orientierung in der Informationsflut zu geben. Ergänzt mit großen Lesestücken wie dem „Lust kann man lernen“-Report im Wochenendmagazin und viel Service, etwa zu den Veranstaltungen in Hamburg. Wobei natürlich auch die neue Reportergeneration nach Nachrichten giert, nach exklusiver Ware für den Leser. Auf welchem Kanal diese dann ausgespielt, für die gedruckte Zeitung, den Onlineauftritt oder für Abendblatt-TV – die Videoplattform – muss die Redaktion ständig neu entscheiden. Die am Nachmittag aufploppende Meldung, dass Gefangene in Fuhlsbüttel ihre Zellen nicht mehr verlassen dürfen, wird sofort online gestellt.

Unterdessen wird am sogenannten Balken, wo Steinlein mit Ressortchefs und dem Artdirector das Blatt dirigiert, die Aufmachung noch mal getauscht. Umweltsenator Jens Kerstan hat am Mittag im Abendblatt-Interview angekündigt, dass er mindestens zehn Hauptstraßen nachts zu Tempo-30-Zonen erklären wird. Für die meisten Leser spannender als die Postbank-Konten, findet Steinlein. Auch die Optik, also das Titelfoto auf Seite 1, wird gewechselt, das Carsharing-Bild wird groß, die Cyclassics gehen kleiner in die rechte Spalte.

Jeden Tag der Kampf gegen den Redaktionsschluss

Kurz vor der Konferenz um 18 Uhr geht der Blick häufiger zur Uhr, der Redaktionsschluss naht. Freitags muss ein kleiner Teil der Auflage schon um 20.30 Uhr angedruckt werden. Gerade die Kollegen aus dem Sport feilschen um jede Minute. Ein wichtiges Fußballspiel nicht mehr ins Blatt heben zu können, ist für Sportredakteure so hart wie der Abpfiff für einen Stürmer, der frei aufs Tor zuläuft. Andererseits gefährden Verspätungen den Vertrieb; jeder Leser will frühmorgens seine Zeitung haben.

Nach 18 Uhr startet Steinlein in den Endspurt, Änderungen werden eingearbeitet, immer wieder geht der Blick in die Nachrichtenagenturen. Dann übernimmt der Spätdienst. Die Sportkollegen kümmern sich um die Spiele in Rio und das DFB-Pokalspiel des FC St. Pauli in Lübeck, die Kultur um das Konzert von Helge Schneider im Stadtpark. Gegen 0.30 Uhr gehen zumindest für siebeneinhalb Stunden die Lichter am Großen Burstah aus. Um 8 Uhr starten die Online-Kollegen in die Frühschicht. Und am Sonntagabend wird die Glocke wieder läuten. Um Punkt 18 Uhr.