Pokémon Go

Vier Pokéstops: Grieche in Barmbek zieht Monsterjäger an

Geschäfte und Restaurants gehen mithilfe des Spiels Pokémon Go auf Kundenfang. Ein Wirt in Barmbek hatte besonders viel Glück.

Hamburg.  Das Restaurant Thessaloniki liegt ein bisschen versteckt am Ende einer ruhigen Wohnstraße in Barmbek-Süd. Auf der Karte stehen Zaziki, Souflaki und Gyros, eben alles, was die griechische Küche ausmacht. Besonders gefragt ist zurzeit allerdings das Pokémon-Menü. „Wir haben deutlich mehr zu tun“, sagt Cem Gültepe, der das Lokal mit seinen Eltern betreibt, aber das ist untertrieben. Auf der Terrasse ist abends kaum ein Platz zu bekommen. Vor der Tür stehen die Autos in zweiter Reihe. „Die Gäste kommen aus der ganzen Stadt, aus Pinneberg, Bremen, sogar aus Bochum“, sagt Gas­tronom Gültepe. Statt bis kurz vor Mitternacht hat er jetzt schon mal bis um
zwei Uhr nachts geöffnet.

Denn: Das Thessaloniki bietet strategisch beste Bedingungen für Spieler des Smartphone-Spiels Pokémon Go. In unmittelbarer Nähe sind gleich vier sogenannte Pokéstops, an denen die digitalen Monster besonders gern auftauchen. „Dass so viele Pokéstops so nah beieinander sind, ist sehr selten“, sagt Monsterjäger Marcel Kaestner. Vor ihm auf dem Tisch liegt neben Bierglas und Teller eine Ersatzbatterie für sein Handy bereit. „Vor zwei Tagen habe ich hier fünf Pokémons gefangen, die ich noch nicht hatte“, sagt der 32 Jahre alte Groß- und Einzelhandelskaufmann und tippt dabei auf dem Display herum. So wie die meisten anderen Besucher ist er zum Jagen gekommen – und zum Essen geblieben.

Die große Begeisterung für das Spiel lässt auch in Hamburg bei Ladenbesitzern und Gastrononen, die Hoffnung wachsen, am neuen Markt in der Augmented Reality (erweiterten Realität) mitzuverdienen. In den sozialen Netzwerken häufen sich Berichte, wonach Spieler ihre Restaurantsuche darauf abstimmen, ob es attraktive Bedingungen für die Jagd nach virtuellen Monstern gibt, die Namen wie Pikachu, Habitak oder Dratini tragen. Die Bewertungs-Plattform Yelp hat inzwischen einen Filter eingebaut, mit dem man gezielt Orte suchen kann, in deren Nähe sich ein Pokéstop befindet.

Längst haben Marketing-Strategen erkannt, dass der Rummel ganz neue Werbemöglichkeiten bietet. „Das kann ein Instrument sein, um Kundschaft aufmerksam zu machen und anzulocken“, sagt die Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord, Brigitte Nolte, dem Abendblatt. Auch beim Dachverband sieht man „Potenzial, gerade jüngere und internetaffine Kundschaft in die Läden zu holen“, sagt der Sprecher des Handelsverbands Deutschland, Stefan Hertel.

Auch Hamburger ECE-Gruppe beschäftigt Thema

Die – realen – Orte, an denen die kleinen Monster auftauchen, hat der Hersteller The Pokémon Company, hinter der der japanische Konsolenbauer Nintendo und Spieleentwickler Niantic Inc. stehen, festgelegt. Zumeist sind es Plätze, an denen sich besonders viele Menschen aufhalten. In Hamburg etwa bei Planten un Blomen, in der Speicherstadt, an der Außenalster, am Rathaus oder am Altonaer Balkon.

Spieler, die die App geladen haben, können ihre Monsterköder kaufen und auslegen, sogenannte Lockmodule. Sie ziehen die kleinen Figuren an. Bezahlt wird mit in der spieleigenen Währung, den Pokémünzen, die man sich durch besonders erfolgreiche Jagd verdienen oder mit echten Euro kaufen muss. Pro Modul mit einer Laufzeit von 30 Minuten werden 100 Pokémünzen fällig. Wer zwei Stunden spielen will, ist mit vier Euro dabei. Das machen sich zunehmend auch Läden und Restaurants zunutze. Inzwischen hat die Pokémon Company angekündigt, diese Möglichkeit auch ganz direkt anzubieten: mit gesponserten Pokéstops. Einen Zeitpunkt gibt es noch nicht. In Internetforen taucht aber immer wieder das Gerücht über einen Deal mit der Fast-Food-Kette McDonald’s auf.

Auch die Hamburger ECE-Gruppe, Betreiber von Einkaufszentren in ganz Deutschland, beschäftigt das Thema. „Es ist derzeit Entscheidung der einzelnen Zentren, wie sie das nutzen“, sagt Vize-Unternehmenssprecher Lukas Nemela. Bei einem ersten Pokémon-Tag im Elbe Einkaufszentrum (EEZ) Anfang der Woche seien immer wieder Einzelspieler und größere Gruppen auf Monsterjagd gesichtet worden, die meisten aus der jungen Zielgruppe zwischen 14 und 20 Jahren. Messbar sei der Einfluss auf die Besucherzahl allerdings nicht gewesen. Wichtiger aus Unternehmenssicht: Die Osdorfer Mall tauchte verstärkt in sozialen Medien auf. „Es war ein erfolgreicher Test“, so Nemela. Einem Spieler sei es sogar gelungen, ein seltenes Pikachu zu fangen.

Noch ist offen, welche Geschäftsmodelle sich rund um das Smartphone-Spiel entwickeln. Die Begeisterung hält gut einen Monat nach dem Deutschland-Start an. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hatten innerhalb der ersten 19 Tage 7,7 Millionen Bürger das Spiel installiert. 7,1 Millionen davon, also 93 Prozent, nutzten die App noch in der ersten Augustwoche. Das Spiel selbst ist kostenlos. Laut der Erhebung haben aber schon 1,6 Millionen deutsche Spieler darin Geld ausgegeben. Davon war jeder Vierte mit 20 bis 60 Euro dabei.

In der Hoffnung vom Pokémon-Fieber zu profitieren, planen zahlreiche Unternehmen Monster-Tage.

Fälle von unangebrachten Pokéstops

Die Wandsbeker Filiale des Mobilfunkanbieters Yourfone etwa spendiert am 30. August einen Tag lang Lockmodule für einen Pokéstop in der Nähe. „Wir denken, dass die Spieler dann auch bei uns reinschauen“, sagt Mitarbeiter Pierre Kardels. Nach dem gleichen Prinzip hat auch die Discounter-Kette Netto versucht, Kunden zu ködern. In Düsseldorf waren die Tickets für eine Pokémon-Fahrt mit der Straßenbahn im Nu ausgebucht. In Greifswald hat die Blutspendezentrale Lockmodule für Pokémons geschaltet, um Blutspender zu finden – mit Erfolg. Beim Blutspendedienst des Hamburger Klinik-Konzerns Asklepios sagt ein Sprecher: „Wir überlegen noch, ob das Marketing-Ausgaben sind, die man rechtfertigen könnte.“

Parallel gibt es auch Kritik. Unter anderem, weil sich im Netz Fälle von unangebrachten Pokéstops herumsprachen, etwa auf Friedhöfen oder in Sicherheitsbereichen. Die Entwickler haben mit einem Formular auf der Webseite reagiert, über das Nutzer die Entfernung der digitalen Monstertreffs beantragen können. Auch neue Poké­stops können dort beantragt werden. Mehrere deutsche Unternehmen, darunter Volkswagen und BASF, haben ihren Mitarbeitern inzwischen nahegelegt, das Spiel aus Gründen des Datenschutzes und der Unfallgefahr nicht am Arbeitsplatz zu spielen. Ein Berliner Start-up hat nach Meldungen von Stürzen und Unfällen eine spezielle Pokémon-Versicherung angekündigt.

Vor dem Restaurant Thessaloniki ist die Pokémon-Fangemeinde inzwischen deutlich gewachsen. Auch die Rasenflächen gegenüber sind von Monsterjägern bevölkert. Vertreten sind alle Altersklassen, vor allem Männer. „Hier ist ein Nebulak“, sagt der 13-jährige Janik aufgeregt. Seine Mitspieler nicken, während auf ihren Handydisplays Pokémons herumspringen. Wirt Cem Gültepe hat alle Hände voll zu tun. Bezahlt hat er für die Attraktion vor der Tür nichts. „Es war Glückssache“, sagt er. Das Spiel kennt er nur aus Erzählungen. „Ich habe keine Zeit zu spielen.“