24 Stunden Hamburg

Sommer ist, wenn der Eiswagen von Salvatore bimmelt

60 Minuten begleitet das Abendblatt einen Hamburger an seinem Arbeitsplatz. Teil 16, 15-16 Uhr: im Eiswagen von Salvatore Tomarchio.

Wenn es ein untrügliches Zeichen dafür gibt, dass Sommer ist – ungeachtet der tatsächlichen Außentemperatur – dann ist es das Bimmeln des Eiswagens. „Salvatore, du bist spät dran heute!“, ruft eine Mutter auf dem Spielplatz des Eichtalparks ihm schon von Weitem entgegen. „Wir dachten, du kommst gar nicht mehr!“ Sofort stürmen ihre beiden Kinder an den Wagen und bestellen ihre Lieblingseissorte: Caramel-Schoko-Crunch. Leider hat die Mutter kein Bargeld dabei. „Mit EC-Karte kann man bei dir noch nicht bezahlen, oder?“ Salvatore gibt ihr Kredit. „Wir sehen uns morgen.“

Auf Salvatore Tomarchio (65) ist Verlass: Seit 36 Jahren fährt der Sizilianer mit seinem knallroten Eiswagen durch Hamburgs Osten. Am liebsten verkauft er Eis in Wandsbek, das ist seine Heimat, dort sind die Leute freundlich, sagt er. Als er 1980 der Liebe wegen nach Hamburg kam, wohnte Salvatore lange Zeit an der Walddörferstraße. Eben diese Straße fährt er Tag für Tag mit seinem zehn Jahre alten Fiat Ducato entlang. An Bord: rund zehn Sorten selbst gemachtes, original italienisches Eis, daneben Kaffee, ein Sahne-Automat, fruchtige Saucen, Baileys, Eierlikör und Streusel.

Viele Passanten winken ihm auf dem Weg zu, er lacht aus dem Fenster. Den fröhlichen Mann mit der dunklen Hornbrille und der rauchigen Stimme (Zigaretten – ein Laster, das er sich nicht abgewöhnen kann) kennt hier wirklich fast jedes Kind. An der Ampel unterhält er sich mit einem Landsmann auf Italienisch. Ab und zu flucht er auch auf die „Armleuchter“, die nicht fahren können. Und selbst das klingt bei ihm, mit dem unverkennbar italienischen Akzent, immer noch liebevoll. Er mag die Hamburger, sie essen deutschlandweit betrachtet am meisten Eis.

Und Eis ist nun einmal sein Leben. Seit er seinem Freund Giovanni im Eiscafé in Catagna über die Schulter schauen durfte, war für ihn klar, dass er auch Eisverkäufer werden will. „Ich fragte ihn nach seinen Rezepten. Er schrieb mir einige Grundregeln auf und sagte: ‚Den Rest musst du dir selbst erarbeiten.’“ Und genau das machte Salvatore Tomarchio. Er besuchte die Eisschule in Rimini, las Bücher über Eisherstellung, probierte, probierte und probierte.

In Hamburg gelandet, machte er sich zusammen mit seinem Bruder selbstständig. 1986 trennten sich ihre Wege aufgrund von Meinungsverschiedenheiten, und Salvatore fuhr allein mit dem Eiswagen durch die Stadt. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, schwärmt er. Noch heute liebt er es, in seiner kleinen Küche, die neben dem Eiscafé in Barmbek-Süd liegt, Sorten zu kreieren. Während der Hochsaison rührt der Autodidakt Nacht für Nacht in seiner 55 Jahre alten Eismaschine, pasteurisiert Milch, mischt Zucker hinzu, legt Rosinen in Rum ein für das Malaga-Eis. Manchmal hören ihn die Nachbarn dabei italienische Opern singen. Salvatore ist eben ein Original.

Milchschnitte, Crema Italiana, Kaugummi – „diese Sorten gibt es nur bei mir“, sagt er stolz. Wenn es ihm schmecke, sei das auch für seine Kunden gut, lautet seine ganz simple Philosophie. Natürlich hat der 65-Jährige auch die Klassiker Schokolade, Vanille und Erdbeere im Angebot, die Kugel kostet einen Euro. Sein Renner ist und bleibt aber Snickers: eine cremige Komposition mit ganz vielen gerösteten Erdnüssen.

Um sich ihre tägliche Ration Snickers abzuholen, laufen die Angestellten eines Kartonherstellers scharenweise zu Salvatores Eiswagen, kaum, dass die Glocke ertönt. Der Besuch des stets gut gelaunten Eisverkäufers ist eine willkommene Unterbrechung im Arbeits­alltag. Mit Salvatore geht die Sonne auf – auch wenn die mal wieder auf sich warten lässt. Das Wetter ist allgegenwärtiges Gesprächsthema mit seinen Kunden. „Buongiorno Salvatore“, begrüßen sie ihn. „Wie geht’s dir?“ – „Gut. Aber es ist zu kalt. Was für ein schlechter Monat der August war!“ Zustimmendes Nicken. Ein Eis nach der Mittagspause geht natürlich trotzdem.

Aber das Geschäft geht schlechter. In den 80er-Jahren verdiente Salvatore Tomarchio schon mal 1000 D-Mark an einem Nachmittag in den Kleingärten. Als er noch eine Lizenz für die Alster hatte, standen die Kunden bei ihm Schlange. Schauspielerin Evelyn Hamann aß regelmäßig ihr Stracciatella-Eis bei ihm, Moderator Carlo von Tiedemann kaufte Zitronensorbet für seinen Hund.

Die süße Verführung, sie ist ein schweres Erbe

Heute muss sich Salvatore seine Euro mühsam zusammenfahren. Woran das liegt? „Früher aß man zweimal am Tag Eis. Die Familien haben heute weniger Geld oder geben es für andere Dinge wie zum Beispiel Handys aus.“ Außerdem verhageln ihm große Konzerne das Geschäft – mittlerweile gibt es in jedem Kiosk Eis am Stiel. Und für viele reicht das an Geschmack.

Wenn dann noch ein verregneter Sommer wie in diesem Jahr hinzukommt, muss sich Salvatore schon überlegen, ob er überhaupt rausfährt mit seinem roten Eiswagen. Ob es sich lohnt, das Benzin für ein paar Münzen zu verschwenden. „Sonne und 20 Grad müssen sein, sonst hat es keinen Zweck“, sagt der Italiener, der spanische Musik und Flamencotanzen liebt.

Da man sich in Hamburg aber nicht auf gutes Wetter verlassen kann, hat sich der Eisverkäufer eine andere Strategie ausgedacht. Während er früher hauptsächlich an Kinder in Parks und Wohnvierteln verkaufte, steuert er heute gezielt Firmen im Wandsbeker Gewerbegebiet an und versorgt dort seine Stammkunden in der Mittagspause, für die er „das beste Eis in Hamburg“ macht. Nach dem Motto: Wenn die Leute nicht zu mir kommen, komme ich eben zu ihnen.

An den Nachmittagen sorgt er aber nach wie vor für leuchtende Kinder­augen, wenn er mit Streuseln Zaubereis in die Waffeln füllt oder Lollis an Kinder verteilt, die sich keine Kugel leisten können. „Quatsch machen mit den Kleinen, das macht mir einfach Spaß“, sagt Salvatore. Er selbst hat zwei erwachsene Töchter. Mit Eis haben sie nichts am Hut. Vielleicht besser so. Die süße Verführung, sie ist ein schweres Erbe.