Abriss droht

Initiative in Winterhude will Bunker retten

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Friederike Ulrich
Karin Haas, Ellen Beckmann und Hartmut Ring (v. l.) von der Initiative „Wir sind Winterhude“ möchten den Bunker am Kuhnsweg erhalten

Karin Haas, Ellen Beckmann und Hartmut Ring (v. l.) von der Initiative „Wir sind Winterhude“ möchten den Bunker am Kuhnsweg erhalten

Foto: Marcelo Hernandez

Sozialwohnungen statt Abriss: Wie sich eine Initiative für den Erhalt des Gebäudes engagiert. Bezirk unterstützt Projekt.

Hamburg.  Was macht eine clevere Bürgerinitiative, wenn sie verhindern will, dass ein Bunker abgerissen und das Grundstück mit Luxuswohnungen bebaut wird? Sie entwickelt die Idee, eine Baugemeinschaft zu gründen und den Bunker mit tatkräftigen Partnern selbst zu erwerben. So geschehen in Winterhude, wo eine Bürgerinitiative mit dem Projekt „Kunterbunker“ bezahlbaren Wohnraum und Platz für sozio-kulturelle Nutzungen schaffen will.

Seit mehr als zwei Jahren werden die Menschen im sogenannten Mühlenkampviertel durch den Abriss von Luftschutzgebäuden beeinträchtigt: Anfang 2014 wurde an der Forsmannstraße ein in eine Häuserzeile integrierter Bunker abgebrochen und durch einen Neubau mit Eigentumswohnungen ersetzt. Seit Herbst 2015 wird – nur etwa 200 Meter weiter – der Bunker am Poßmoorweg abgerissen. Auch dort sollen hochwertige Wohnungen entstehen. Ebenso wie an der Forsmannstraße musste das Bezirksamt Hamburg-Nord auch am Poßmoorweg mehrere Baustopps verhängen. Dennoch sind die Lärm- und Staubschutzmaßnahmen bis heute unzureichend, die prognostizierten Abbruchzeiten bereits um Monate überschritten. Dazu passt der Anblick der dilettantisch eingerichteten Baustelle: als Lärmschutzwand wurden Container übereinandergestapelt, an anderer Stelle schützt ein Matratzenberg einen Anbau vor Gesteinsbrocken.

Projekt „Kunterbunker“: Sozialwohnungen und Kultur

Ein weiterer Abriss könnte nun dem Bunker am Kuhnsweg drohen. Er ist im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die ihn im Herbst gegen Höchstgebot verkaufen will. Die Initiative „Wir sind Winterhude“ will aber weder einen dritten Bunkerabriss noch eine weitere Gentrifizierung des Stadtteils durch den Bau teurer Wohnungen hinnehmen. Sie will erreichen, dass die Stadt den Bunker kauft und dort das Projekt „Kunterbunker“ realisiert werden kann: mit einem Mix aus Sozialwohnungen und genossenschaftlichem Eigentum sowie Räumen für eine soziale und kulturelle Nutzung im Erdgeschoss.

„Dieser Bunker hat Besonderheiten, die das zulassen“, sagt Karin Haas, Fraktionsvorsitzende der Linken in Hamburg-Nord und Mitglied der Bürgerinitiative. Die Deckenhöhe von 2,40 Metern reiche für die Wohnnutzung aus – es müssten also keine Betondecken herausgebrochen werden. Auch die Wände könnten stehen bleiben, denn die Räume wären sehr groß und ließen sich gut unterteilen. Treppenhäuser wären in dem Hochbunker ebenfalls vorhanden und könnten genutzt werden. „Die Abbrucharbeiten würden sich deutlich reduzieren. Es müssen lediglich an der Straßenseite und zum Hof Fensteröffnungen herausgeschnitten werden“, so Karin Haas. Lärm, Staub und Erschütterungen würden sich in Grenzen halten.

„Entwürfe existieren schon, das Finanzkonzept ist in Arbeit“, so Karin Haas. Man überlege, sich an Stattbau Hamburg zu wenden. Die Gesellschaft berät Menschen, die zusammenwohnen und ihre Wohnhäuser gemeinschaftlich bauen und verwalten möchten. Bei der Finanzierung wolle man die IKB Deutsche Industriebank AG und Stiftungen um Unterstützung bitten.

Die Bezirksversammlung Hamburg-Nord begrüßt den Plan der Initiative. Sie hat parteiübergreifend beschlossen, den Erhalt des Bunkers und die Schaffung sozialen Wohnraums dort zu unterstützen. Der Beschluss wird von der BImA in die Ausschreibung aufgenommen. Ein möglicher Investor wird sich also damit auseinandersetzen müssen.

Wie die Stadt dem Projekt gegenübersteht, weiß Karin Haas nicht. „Wir haben die Finanzbehörde vor sechs Wochen angeschrieben, aber noch keine Antwort bekommen“, sagt sie. Das werte sie als positives Signal. „Ein Nein wäre möglicherweise schneller erfolgt.“ Auch die Bundestagsabgeordneten Dirk Fischer (CDU) und Gesine Lötsch (Die Linken) wurden von der Initiative bereits um Unterstützung gebeten.

Die Stadt könnte den Bunker kaufen, ohne am Bieterverfahren teilnehmen zu müssen. Seit Oktober 2015 haben Kommunen die Erstzugriffsoption auf Bundesimmobilien, die veräußert werden sollen – vorausgesetzt, sie legen sich auf den Bau von Sozialwohnungen fest. Wie das Abendblatt erfuhr, hat die BImA die Stadt bereits gefragt, ob sie Interesse an dem Bunker habe. Die Antwort steht jedoch noch aus. Karin Haas und andere Initiativenmitglieder durften den Bunker aber bereits besichtigen. Zunächst wollte die BImA das nur im Rahmen des Gebotsverfahrens gestatten.

Einen weiteren Besuch wird die Initiative demnächst dem Bunker an der Barmbeker Straße abstatten, in dem lange das Möbelgeschäft Windwehen residiert hat. Er wird derzeit von den Eigentümern zu einem Wohnhaus umgebaut – obwohl sie eine Abrissgenehmigung für das Gebäude hatten. „Wir möchten den Bunker wegen seiner spannenden Architektur und seiner besonderen Geschichte erhalten“, sagt Investor Oliver Hamm. Bis 1956 hätten ausgebombte Hamburger in dem fensterlosen Schutzbau gewohnt. Einmal sei sogar Bundespräsident Theodor Heuss vorbeigekommen, um ihnen Mut auszusprechen. Damit die Geschichte des Bunkers nicht in Vergessenheit gerät, wollen Oliver Hamm und seine Frau nach Abschluss der Baumaßnahmen eine Schautafel an der Frontseite des Gebäudes installieren.

Wohnbunker mit Penthouse und spannender Geschichte

Hinter den dicken Schutzmauern, aus denen behutsam und ohne großen Lärm 48 Fensteröffnungen herausgesägt wurden, entstehen auf vier Etagen großzügige Lofts. Ab Herbst sollen sie zu 12,50 Euro pro Quadratmeter vermietet werden. Was noch fehlt, ist das Penthouse auf dem Bunkerdach. Ein erster Entwurf wurde von Oberbaudirektor Jörn Walter wegen seiner futuristischen Form abgelehnt. Mit schrägen Seitenwänden und einem V-förmigen Bügel in der Mitte ähnelte er einer überdimensionalen Skibrille. Nachdem das Leipziger Architekturbüro Flow Studio das Umplanen der Wände vorgenommen hat, ist der Oberbaudirektor zufrieden. Jetzt muss der Bezirk noch die Baugenehmigung erteilen. Extravagant ist die Aufstockung noch immer: unter anderem wegen des schildförmigen Reflektors, in dem sich Licht und Umgebung spiegeln sollen – und den Bunker so in eine ganz besondere Beziehung zu seinem Umfeld setzen.

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