Energiewirtschaft

Hamburgs Vattenfall-Chef: „Grüne Fernwärme hat ihren Preis“

Pieter Wasmuth, Geschäftsführer der Vattenfall Wärme in Hamburg, sitzt im Konferenzraum der Konzernzentrale

Pieter Wasmuth, Geschäftsführer der Vattenfall Wärme in Hamburg, sitzt im Konferenzraum der Konzernzentrale

Foto: Roland Magunia / HA

Pieter Wasmuth warnt im Hamburger Abendblatt vor steigenden Kosten und spricht über die Zukunftspläne des Unternehmens.

Hamburg.  Der Kraftwerksstandort Wedel spielt bei den Überlegungen zur zukünftigen Wärmeversorgung Hamburgs keine Rolle mehr. Der alte Kohlemeiler soll vom Netz, bislang fehlt der Ersatz. Klar ist, dass es dezentraler und ökologischer werden soll. Doch wie? In diesem Jahr soll ein Konzept stehen. Bislang baute die Hansestadt in Sachen Wärmeversorgung auf das Unternehmen Vattenfall als Partner. Über die Zusammenarbeit mit der Stadt, über die Pläne der Mitbewerber und warum das seinen Preis hat, spricht Pieter Wasmuth, Geschäftsführer der Vattenfall Wärme Hamburg, im Interview mit dem Abendblatt.

Welche Pläne verfolgt das Unternehmen Vattenfall für die Hamburger Wärmeversorgung?

Pieter Wasmuth : Nach dem Volksentscheid zum Rückkauf der Netze muss die Stadt Hamburg nun entscheiden, ob sie die Kaufoption 2018 für die Fernwärme zieht. Im Unterschied zu Strom und Gas geht es hier nicht nur um Infrastruktur, sondern die Vattenfall Wärme Hamburg GmbH ist ein Gesamtunternehmen mit Erzeugungsanlagen, Kunden und Verpflichtungen. Wir sind unseren Kunden gegenüber zur Wärmelieferung verpflichtet, und zwar zu den Konditionen, die wir vereinbart haben. Dazu muss man wissen, dass die Stadt wesentlicher Kunde der Fernwärme ist.

Kann man das irgendwie beziffern?

Nun ja. Zahlreiche Liegenschaften der Stadt sind an das Fernwärmenetz angeschlossen. Dazu gehören die Universität und das Rathaus. Somit sitzt die Stadt auf beiden Seiten des Tisches. Auf der einen Seite ist sie heute schon Mitunternehmer mit 25,1 Prozent, wenn sie die Kaufoption zieht, dann alleiniger Besitzer der Fernwärme-Gesellschaft. Auf der anderen Seite ist sie Großkunde.

Ist das nicht ein natürliches Regulativ? Wenn die Stadt Großkunde ist, werden die Preise nicht ganz so stark steigen, oder?

Klar, aber am Ende muss sich die Gesellschaft rechnen. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz 380 Millionen Euro und das Ergebnis 35 Millionen Euro.

Das ist doch eine ordentliche Rendite ...

... Ja, das ist eine gute Rendite. Das Fernwärmegeschäft ist ein gutes Geschäft und wird auch künftig eine große Rolle spielen. Jedoch stecken da auch eine Förderung für die Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen in Wedel und Tiefstack und vermiedene Netzentgelte drin. Die KWK-Förderung soll 2022 auslaufen. Das ist in Berlin entschieden worden. Wie es mit den vermiedenen Netzentgelten weitergeht, ist in der Schwebe. Damit fallen möglicherweise zwei Einnahmequellen weg. Das Erlösmodell würde sich verändern. Das hieße zunächst einmal weniger Erlöse. Wenn man das kompensieren will, muss man die Einnahmen steigern. Das würde bedeuten, man müsste die verbliebenen Einnahmen aus Fernwärme und somit die Preise für die Kunden erhöhen.

Wie viel machen denn die wegfallenden Einnahmen aus?

Das ist ein wesentlicher Bestandteil.

Lässt sich das etwas genauer sagen?

Grundsätzlich kann man sagen, dass es drei Einnahmequellen gibt: Fernwärme, KWK-Förderung und vermiedene Netz­engelte. In Zukunft läuft die Förderung für Wedel und Tiefstack aus. Bis 2021 wird keine neue Anlage gebaut. Das war auch die Diskussion um den Neubau in Wedel: Schafft man es noch rechtzeitig, das geplante Gaskraftwerk zu errichten?

Ist die Entscheidung deswegen gefallen, die Pläne in Wedel nicht weiter zu verfolgen?

Ja. Ein großes neues Kraftwerk auf Gasbasis zu bauen – Gas ist ja ein teurer Brennstoff im Verhältnis zur jetzigen Steinkohle – plus die Risiken, dass man die Förderungen nicht mehr bekommt, machen das Projekt betriebswirtschaftlich und aus Investitionssicht zu einem risikoreichen Unterfangen.

Müssten Sie nicht aus heutiger Sicht froh sein, dass aus den Plänen für Wedel nichts geworden ist?

(Überlegt lange) Das könnte man heute wohl so sagen.

Müssen Sie angesichts dessen der Bürgerinitiative aus Anwohnern nicht fast dankbar sein, die den Bau verhindern wollen?

Aus damaliger Sicht mit den Förderungen wäre der Bau eine gute Entscheidung gewesen. Die regulatorischen Rahmenbedingungen haben sich geändert. Wenn ich das heute mit einbeziehe, dann komme ich zu einem anderen Ergebnis als 2013. Das hat mit den Argumenten, die die Bürgerinitiative in Wedel vorbringt, nichts zu tun.

Dann wäre es für Sie aus heutiger Sicht doch auch gut gewesen, wenn Moorburg nicht gekommen wäre und sich die Gegner durchgesetzt hätten, also rein aus ökonomischer Betrachtung?

Aus heutiger Sicht würden wir uns für das Kraftwerk in Moorburg so nicht noch einmal entscheiden. Auf Wunsch der Stadt Hamburg haben wir die Anlage größer gebaut als von Vattenfall ursprünglich geplant. Seit Beginn der Planungen und der Bauzeit im Jahr 2007 bis heute haben sich die Rahmenbedingungen für die Planung von Kraftwerken mehrfach wesentlich verändert.

Macht es nicht Sinn, Moorburg doch an die Fernwärme anzuschließen?

Das Kraftwerk Moorburg ist nun einmal da. Es war immer geplant, dass es Wedel ersetzt. Da ist die Frage legitim – und zwar nicht, weil ich Vattenfall vertrete, sondern die stellt sich auch aus Sicht der Stadt. Da steht eine Wärmequelle mitten in Hamburg, und die Wärme wird heute nicht genutzt. Darum arbeiten wir weiter daran, die Wärme aus dem Kraftwerk Moorburg dort zu nutzen, wo es möglich ist, ob als Prozessdampf für die Industrie oder an anderen Stellen.

Wie geht es mit Hamburgs Fernwärme nun weiter, und welche Rolle spielt dabei das Unternehmen Vattenfall?

Vattenfall wird das Fernwärmenetz und seine Aktivitäten in Sachen dezentrale Energieversorgung weiter ausbauen. Der Prozess, der jetzt läuft, ist es, Alternativen zu prüfen. Wir haben beispielsweise mehr als 40 potenzielle Standorte für dezentrale Blockheizkraftwerke untersucht. Diese sind jedoch aufgrund von Rahmenbedingungen wie Lärmemission, Abstand zu anderen Gebäuden und so weiter ausgeschieden. Das zeigt: In der Praxis ist der Bau von dezentralen Anlagen nicht einfach umzusetzen. Sie können die Fernwärme so grün machen, wie Sie wollen, am Ende hat das seinen Preis, und es nützt einem nichts, wenn die Fernwärme für Kunden nicht mehr bezahlbar ist.

Was ist denn am Ende der Analyse geblieben bis auf die Erkenntnis, dass es nicht einfach wird?

Es gibt interessante Aspekte. Einer davon ist: Wärme aus Müll. Müll ist ein günstiger, lang verfügbarer Brennstoff und per Definition CO2-neutral. Im Osten gibt es die Müllverbrennungsanlage Borsigstraße und im Osten die Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm. Letztere liefert derzeit Wärme an einen Industriekunden, der könnte beispielsweise über Moorburg versorgt werden. Zudem haben wir untersucht, ob man den Kupferproduzenten Aurubis anbinden kann, was man am Haferweg in Altona bauen kann und vieles mehr.

Warum machen Sie das? Das Unternehmen Vattenfall ist 2019 mit Übernahme durch die Stadt raus. Sie könnten sich zurücklehnen und abwarten. Oder erhoffen Sie sich, anderweitig davon zu profitieren?

Im Unterschied zu Unternehmen wie E.on und Hansewerk, die jetzt auch Interesse anmelden, sehen wir uns in der Pflicht, weil wir derzeit mit der Stadt bereits ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Fernwärme betreiben. Alle wissen, dass die Zeit drängt, um eine Lösung als Ersatz für Wedel zu finden. Es wäre nicht fair von uns, sich zurückzulehnen. Wir unterstützen dabei, dass die Stadt bis Ende 2016 zu einer Entscheidung kommt und werden dann die Planung zur Umsetzung unterstützen.

Hansewerk möchte mit dem Bau der Leitungen Geld verdienen. Könnte Vattenfall nicht auch vom Umbau der Fernwärme partizipieren wollen?

Es gibt nicht die Fernwärme. Es gibt ein gewachsenes Leitungssystem zur Versorgung von Fernwärmekunden. In diesem System müssen das Kraftwerk Wedel und später die Anlage Tiefstack ersetzt werden. Hansewerk will aus dem Fernwärmesystem ein Fernwärmenetz machen. Es ist aber völlig unklar, wer die Kosten trägt.

Lohnt sich angesichts der Regularien und der Mitbewerber das Geschäft mit der Fernwärme überhaupt noch?

Es ist ein gutes Geschäft, aber Ihre Frage ist nicht unberechtigt. Wir erzeugen in unseren Kraftwerken in der Regel zwei Produkte: Wärme und Strom. Und je stärker die Börsenstrompreise nach unten gehen, je schwerer wird es, mit dem Fernwärmegeschäft insgesamt Geld zu verdienen. Umso mehr, wenn es keine Förderungen mehr gibt.

Dann müssten Sie froh sein, 2019 das Geschäft an die Stadt loszuwerden?

Emotional bin ich nicht froh. Es gehört zu unserer Historie, dass wir Hamburg schon so lange mit Wärme versorgen. Wir machen das gut und gern. Als Unternehmen sind wir dabei, uns umzustellen. Deshalb engagieren wir uns in Hamburg seit Jahren auch im dezentralen Wärmegeschäft. Mancher wird sagen, wir schädigen unseren eigenen Markt, aber in Wahrheit passen wir uns den Entwicklungen an. Wir sind heute in Hamburg als Vattenfall Marktführer für dezentrale Erzeugung in Neubauquartieren. Das ist unser Geschäft, nicht das des Gemeinschaftsunternehmens Wärme Hamburg. Es ist doch klar, dass wir die 950 Millionen Euro, die wir für den Kauf der Fernwärme von der Stadt bekommen, gut investieren – zum Beispiel in Nahwärmenetze.

... und machen damit der Stadt ihr Fernwärmegeschäft kaputt.

Nein, das machen andere schon. Das ist ein freier Markt. Hier darf jeder Fernwärme verkaufen.

Was würden Sie der Stadt empfehlen, um die Zukunft der Fernwärme zu sichern?

Der Unternehmer würde versuchen, langfristige Investitionen zu vermeiden, sich vorhandene Wärmequellen suchen, diese Wärme günstig und flexibel einkaufen. Ich würde nicht mehr auf einen singulären Brennstoff oder eine große Lösung wie in Wedel setzen. Ich würde untersuchen, ob ich einzelne Teile aus dem System herauslöse und zum Beispiel ein Nahwärmenetz daraus mache, um mich den geänderten Anforderungen anzupassen.