Roter Faden

Was Bahnchef Rüdiger Grube mit Joachim Löw gemein hat

Bahnchef Rüdiger Grube in seinem Büro mit Modellzügen aus verschiedenen Bahn-Epochen

Bahnchef Rüdiger Grube in seinem Büro mit Modellzügen aus verschiedenen Bahn-Epochen

Foto: Joerg Krauthoefer

Der Vorstandschef der Deutschen Bahn hat eine ungewöhnliche Karriere hingelegt. Ein besonderes Porträt von Rüdiger Grube.

Beim Bahnchef ist es ähnlich wie beim Bundestrainer. Jogi Löw hat Millionen ehrenamtliche Co-Trainer, die ihm unaufgefordert mitteilen, dass seine Mannschaftsaufstellung völlig falsch war. An Rüdiger Grube wenden sich Tausende Vize-Bahnchefs, die ihm die Ergebnisse ihrer persönlichen Testfahrten übermitteln („Der 8 Uhr 24 aus Leipzig hatte schon wieder sechs Minuten Verspätung!“). Jeder fährt Bahn, also redet auch jeder mit, über die Lautsprecheransagen oder das Angebot im Bordbistro oder die Warteschleifen bei der Bahncard-Hotline. Vor allem aber über unpünktliche Züge.

Rüdiger Grube weiß das. Von seinem Vorgänger Mehdorn – genau, der mit dem Vornamen Bahnchef – hat er vor sieben Jahren den Vorstandsvorsitz eines Massentransportunternehmens übernommen, das täglich 7,3 Millionen Menschen befördert. Das Ineinandergreifen von Technik, Schienennetzen, Logistik, Zeitabläufen und der Organisation in fast 6000 Bahnhöfen ist ein Mammutprojekt. „Übers Jahr gerechnet transportieren wir 2,8 Milliarden Menschen, so viele wie alle Chinesen und Inder zusammen“, sagt Grube. Und wenn irgendwas nicht klappt, dann muss der Bahnchef ran und die Wogen glätten.

Das kann Grube gut. Für jemanden, der selten mehr als vier Stunden Schlaf bekommt, sieht er frisch und entspannt aus. In seinem aufgeräumten Büro stehen Hunderte Eisenbahnmodelle in Regalen, von der historischen Dampflok über alte grasgrüne Güterwaggons bis zum ICE 3. Grube guckt quasi auf 180 Jahre Bahn. Das verpflichtet ja irgendwie, und er identifiziert sich damit.

Bahnchef Grube will Pünktlichkeit verbessern

Die Verspätungen, sagt er, liegen zum einen an den Baustellen, zurzeit rund 750. „In den nächsten fünf Jahren werden wir 35 Milliarden Euro ausgeben, um Gleise, Brücken und Tunnel zu sanieren und das Schienennetz instandzuhalten.“ Hinzu kommen technische Ursachen oder exogene Faktoren wie kürzlich das Unwetter „Lea“, das allein für einen Schaden von 34 Millionen Euro sorgte. Und: „Wir haben in Deutschland zehn Bahnknoten, sogenannte Bottlenecks, da müssen alle durch“, sagt Grube. Übrigens: Deutschlands größter Bahnhof mit täglich fast 500.000 Besuchern ist auch der größte Bottleneck – der Hamburger Hauptbahnhof. Die Pünktlichkeitsrate liegt im ersten Halbjahr bei 94,8 Prozent im gesamten Personenverkehr. „Im Fernverkehr sind es 78,4 Prozent, da müssen wir besser werden und wollen in diesem Jahr 80 Prozent erreichen, unser künftiges Ziel sind 85 Prozent“, sagt Grube.

Ein Ziel anvisieren, sich nicht beirren lassen, langen Atem behalten – das hat Grube in seiner Jugend gelernt. Er stammt aus Moorburg, seine Eltern hatten dort einen Obstbauernhof. Technikbegeistert war er von klein auf, „ich hatte mit fünf Jahren meine erste Märklin-Eisenbahn, da hab ich immer dran rumgebastelt“. Nach der Trennung musste seine Mutter den Hof allein weiterführen, Rüdiger und sein Bruder mussten von Anfang an mitarbeiten: „Schule war eher zweitrangig, zuerst ging es um den Hof. Deshalb hab ich auch nur die Hauptschule besucht.“

In jener Zeit gab es ein Schlüsselerlebnis, von dem er gern erzählt. Als er zehn war, fragte ihn seine Tante, was er denn mal werden wolle. „Und ich sagte wie aus der Pistole geschossen: Pilot! Da hat sie schallend angefangen zu lachen. Sie hat mich ausgelacht: Da brauchst du doch Abitur, das schaffst du doch nie. Das hat mir wehgetan. Der Vorfall hat unter meiner Haut einen kleinen Stachel hinterlassen“, sagt Grube. „Den hab ich lange mit mir rumgetragen und mir gesagt: Dir zeig ich’s.“

Grube möchte etwas zurückgeben

Trotz schlechter Hauptschulnoten holte Grube die Realschule nach, „was hart war“, und begann 1970 bei dem zu Messerschmitt-Bölkow-Blohm gehörenden Hamburger Flugzeugbau (HFB) eine Ausbildung zum Metallflugzeugbauer. Er wurde Jugendsprecher und in der IG Metall aktiv, gründete eine Lehrlingszeitung. In der schrieb er eines Tages einen Artikel über Organspende. Und den las die Frau des HFB-Chefs Werner Blohm. Helen Blohm wollte diesen hoffnungsfrohen Lehrling mal kennenlernen.

Die Begutachtung bei Blohms zu Hause in Blankenese fiel positiv aus. Fortan unterstützte Blohm den Lehrling mit monatlich 300 Mark, sodass Grube seine Ausbildung abschließen und in Hamburg Fertigungsbau und Flugzeugbau studieren konnte. Ab 1975 studierte er noch Berufs- und Wirtschaftspädagogik, arbeitete als Berufsschullehrer, promovierte 1986 in Kassel. Inzwischen hat Rüdiger Grube als Manager in allen Mobilitätsbereichen gearbeitet – bei MBB, Airbus, der DASA, bei Daimler-Chrysler und jetzt der Deutschen Bahn.

„Wenn ich Herrn Blohm nicht gehabt hätte, dann hätte ich sicherlich ein sehr viel schwierigeres Leben gehabt“, sagt er. „Deshalb möchte ich auch gern etwas von dem zurückgeben, das ich selbst in Anspruch genommen habe, und Menschen unterstützen, die ähnlich benachteiligt sind, wie ich es mal war.“ Zum Beispiel mit dem Bahn-Projekt ChancePlus, das jährlich 400 junge Leute ohne Hauptschulabschluss auf eine Berufsausbildung vorbereitet. „Sie werden ein Jahr von uns an die Hand genommen und bekommen alle einen Tutor, eine Führungskraft, die sie ein Jahr lang berät und begleitet. Danach sind sie alle so gut, dass sie in eine berufliche Ausbildung einsteigen können.“ Auch für Flüchtlinge unter 25 Jahren wurden ChancePlus-Klassen eingerichtet, die ersten beginnen jetzt mit ihrer Ausbildung. Vielleicht werden künftig Bahntechniker, Fahrzeugführer oder Fahrdienstleiter syrische Wurzeln haben. Die Bahn ist mit 12.000 Azubis Deutschlands größter Ausbildungsbetrieb.

„Das Thema Brexit hat mich sehr traurig gemacht“

Bahnchef in der Mitte Europas zu sein ist eine besondere Herausforderung. Willy Brandts Ausspruch, die Deutschen wollten ein Volk der guten Nachbarn sein, hat ihn sehr beeindruckt. „Ich bin ein großer Anhänger von Europa“, sagt Grube. „Deshalb hat mich das Thema Brexit sehr traurig gemacht.“ Die britische DB-Tochter Arriva operiert als Bus- und Bahndienstleister zwischen Manchester und Bristol, die DB ist mit 33.000 Mitarbeitern der größte deutsche Arbeitgeber in Großbritannien. Ein Austritt aus der EU werde zulasten der Engländer gehen, „das zeichnet sich schon ab“, meint Grube. „Wir sind alle in Europa – gerade auch bei der Bahn – abhängig von funktionierenden Binnenmärkten, und da muss es ein Miteinander geben.“

Rüdiger Grube lernte Cornelia Poletto bei Talkrunde kennen

Grube lebt selbst bewegt. Er hat von 2004 bis 2009 für Daimler als Vorstand in China gearbeitet, war Verwaltungsratschef der EADS in Amsterdam. Er hat Großprojekte zu vertreten, die Kontroversen auslösen, im Zusammenhang mit „Stuttgart 21“ erhielt er sogar Morddrohungen. Umso wichtiger ist private Ruhe. Seine Frau, Starköchin Cornelia Poletto, hat Grube im Frühjahr 2012 nicht in der Bahn, sondern in der Talkrunde „Über Hamburg“ im Hotel Hafen Hamburg kennengelernt. Der Moderator Matthias Onken erinnert sich daran, „dass Grube nach der Unterhaltung Frau Poletto seine Visitenkarte gegeben hat“.

Grube denkt in Strecken, könnte man sagen. Sein Büro ist im Bahn-Tower am Potsdamer Platz in Berlin, seine Frau sieht er am Wochenende in Hamburg. Zu seinem Arbeitspensum gehören Reisen für die Bahn ebenso wie zum Beispiel Reisen mit der Kanzlerin nach China, wo die DB die Qualitätssicherung des Schienenverkehrs übernommen hat. Um sich fit zu halten, läuft der 64-Jährige jeden Tag zehn Kilometer, „nur nicht, wenn ich weniger als vier Stunden schlafe. Aber ich laufe gern, weil es für mich auch eine Meditation ist.“ Zum Segeln kommt er kaum noch – „leider“.

1000 E-Mails pro Tag

Aber noch mal zu den Vize-Bahnchefs: Täglich bekommt Grube 1000 bis 3000 Zuschriften von Bahnkunden und rund 1000 E-Mails. Nach seiner Devise „nicht schreiben, sondern mit den Leuten persönlich reden“ werden 50 Prozent aller Briefe telefonisch beantwortet. „Und ich versuche mit gutem Beispiel voranzugehen, indem ich selbst pro Tag acht bis zehn Briefschreiber anrufe, ohne dass ich mich durchstellen lasse.“ Es kann also sein, dass man plötzlich mal einen Mann am Hörer hat, der sagt: „Guten Tag, mein Name ist Rüdiger Grube, Sie hatten uns geschrieben ...“