Bildung in Hamburg

„Mein Sohn ist an der Stadtteilschule aufgeblüht“

| Lesedauer: 10 Minuten
Peter Ulrich Meyer, Peter Wenig
Schulsenator Ties Rabe (SPD) ist Gymnasiallehrer für Deutsch, Religion, Geschichte und Gemeinschaftskunde

Schulsenator Ties Rabe (SPD) ist Gymnasiallehrer für Deutsch, Religion, Geschichte und Gemeinschaftskunde

Foto: Roland Magunia / HA

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) hält eine Imagekampagne für die problembeladene Schulform für sinnvoll.

Hamburg.  Nach dem „Brandbrief“ der Stadtteilschulleiter bezieht Schulsenator Ties Rabe (SPD) in der lebhaften Diskussion über die Zukunft der Schulform Stellung. Die Stadtteilschulen seien nicht in Gefahr, müssten aber gerade die Erwartungen der Eltern leistungsstärkerer Kinder ernster nehmen.

Herr Rabe, 51 der 58 Schulleiter der Stadtteilschulen prognostizieren, dass sich 2020 nur noch 30 Prozent der Fünftklässler für diese Schulform anmelden werden, 70 Prozent würden das Gymnasium wählen. Steht die Stadtteilschule vor dem Aus?

Ties Rabe: Wir sehen in ganz Deutschland einen unübersehbaren Trend zum Gymnasium. Es gibt schon jetzt Regionen, in denen zwei Drittel der Eltern ihr Kind beim Gymnasium anmelden. Hamburg kann sich gegen diesen Bundestrend nicht stemmen. Aber auch künftig werden immer noch Zigtausende Schüler in Hamburg eine Stadtteilschule besuchen. Nein, diese Schulform ist nicht in Gefahr.

Als die Stadtteilschulen vor fünf Jahren eingeführt wurden, gab es Bildungspolitiker, die einen Schüleranteil von mehr als 50 Prozent prognostizierten.

Rabe: Das war sehr wagemutig. Dennoch ist die Stadtteilschule wesentlich besser als ihr Ruf.

In der Tat haben Stadtteilschulen mehr junge Menschen zum Abitur und in Ausbildung gebracht, die Abbrecherquote zudem gesenkt. Aber anscheinend bekommt das keiner mit.

Rabe: Die Diskussion ist in Teilen nicht fair. Die Stadtteilschulen werden regelrecht seziert, jedes Problem analysiert und bewertet. Wenn Grundschulen oder Gymnasien nach den gleichen Maßstäben untersucht würden, würde man ebenfalls viele Punkte finden, die man besser machen könnte. Aber das passiert nicht.

Werber würden Ihnen eine Imagekampagne empfehlen.

Rabe: In der Tat denken wir darüber intensiv nach, gute Werbeagenturen gibt es ja in Hamburg genügend. Möglich wäre auch eine Kampagne mit Personen des öffentlichen Lebens für Stadtteilschulen. Aber für die beste Imagewerbung sorgen Lehrerinnen und Lehrer sowie Schulleiterinnen und Schulleiter, die positiv über ihre eigene Schule reden. An den Gymnasien klappt das in aller Regel sehr gut.

Auch unter PR-Gesichtspunkten dürfte Ihnen da der Brandbrief der Schulleiter der Stadtteilschulen nicht gefallen haben.

Rabe: Der Brief wird es den Stadtteilschulen in der nächsten Anmelderunde nicht leichter machen. Der Brief ist die eine Sache, die mediale Diskussion eine andere. Da gibt es jetzt Schlagzeilen mit der Richtung, dass der Untergang der Stadtteilschule bevorstehe. Wenn Eltern solche Artikel lesen, kann ich verstehen, wenn sie sich fragen, ob diese Schulform die richtige für ihr Kind ist.

Die Schulleiter fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Warum hat man den Stadtteilschulen bei der Einführung vor fünf Jahren auch noch die Inklusion, also die Integration von Kindern mit Behinderung, aufgebürdet?

Rabe: Die Enquetekommission hatte damals davor gewarnt, dass dies für eine Schulform im Aufbau schwierig zu stemmen sei. Dennoch hat die Bürgerschaft mit großer Mehrheit dafür gestimmt. Die Politiker, die das heute bekritteln, sollten sich an ihr eigenes Abstimmungsverhalten erinnern. Und nicht so tun, als wären sie damals nicht dabei gewesen. Dennoch: Wir sollten jetzt nicht klagen, sondern nach vorn gucken und die Aufgaben anpacken. Viele Schulen schaffen die Inklusion hervorragend und haben gute Anmeldezahlen. Das sollte uns Mut machen.

Und jetzt kommen in die Stadtteilschulen auch noch die Flüchtlingskinder. Wie soll das gehen?

Rabe: So wie in allen anderen Bundesländern. In Hamburg besuchen zur Entlastung der Stadtteilschulen sogar 25 Prozent der Flüchtlingskinder ein Gymnasium, diese Quote schafft kein anderes Bundesland. Aber nicht jedes Flüchtlingskind kann nach mehrjähriger Flucht und einem Jahr in einer Flüchtlingsklasse direkt in einer Gymnasialklasse mithalten.

Das Hauptproblem bleibt doch, dass den Stadtteilschulen die leistungsstarken Schüler fehlen. Bei den Anmeldungen liegt der Anteil der Kinder mit einer Gymnasialempfehlung bei fünf Prozent.

Rabe: Das ist der Durchschnitt. Es gibt aber auch Stadtteilschulen mit einem wesentlich höheren Anteil. Und es gibt Schulen, die haben niemanden mit einer Empfehlung. Gleichwohl schaffen am Ende 30 Prozent der Schüler in Stadtteilschulen das Abitur. Leistungsstarke Kinder wählen das Gymnasium, weil sie guten Fachunterricht, Begabungsförderung und Leistung erwarten. Wer diese Kinder für die Stadtteilschulen gewinnen will, muss ihre Erwartungen ernst nehmen. Wir müssen deutlich machen, dass die Stadtteilschulen keine Sonderform sind für Kinder, die langsam oder schlecht lernen. Sondern eine Schule, die sehr wohl auch begabte Kinder fördert. Wir reden hier zu viel über Inklusion und zu wenig über Begabtenförderung. Beides ist möglich.

War vielleicht früher alles besser? Mit dem klassischen dreigliedrigen Schulsystem, mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium?

Rabe: Früher gab es auch noch Berufe wie Tankwart oder Pförtner. Solche Jobs sind heute zumeist wegrationalisiert oder verlagert worden. Dagegen haben Berufe, für die man studiert haben muss, deutlich zugenommen. Wer meint, er könne mit den Bildungsrezepten von gestern die gesellschaftlichen Aufgaben von morgen erfüllen, wird sein blaues Wunder erleben. Hamburgs Eltern haben die Hauptschulen abgewählt. Dieses Urteil sollten wir ernst nehmen.

Dennoch klagen Handwerksbetriebe über die Qualität der Bewerber für Ausbildungsplätze, besonders in Mathematik und Deutsch. Diese Personalprobleme würden manche Betriebe gefährden.

Rabe: Ich kenne diese Weltuntergangsszenerien. Und dann wundere ich mich doch sehr, dass keine Wirtschaft in Europa so boomt wie die deutsche. Mich stört, dass immer jeweils die vorangegangene Institution schuld sein soll. Die Betriebe schieben es auf die weiterführende Schule, die weiterführende Schule auf die Grundschule, die Grundschule auf die Kita, die Kita auf die Eltern. Jeder aus dieser Kette sollte sich überlegen, was er selbst tun kann, um die Situation zu verbessern.

Aber muss man nicht von unseren Schulen erwarten, dass die Schüler nach der neunten oder zehnten Klasse zumindest in Rechnen und Rechtschreibung fit sind?

Rabe: Es stimmt, die Schulen sollten sich auf diese Kompetenzen noch stärker konzentrieren. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass die Gesellschaft von den Schulen immer mehr verlangt. Als ich zur Schule ging, gab es keine Gesundheitserziehung, keine Ernährungskunde, keine Klassenlehrerstunde, keine Medienkunde. Wenn Schule das alles übernehmen soll, bleibt weniger Zeit für die klassischen Fächer. Aber wie gesagt, wir neigen auch dazu, bei den Stadtteilschulen alles zu problematisieren. Dabei schlagen die meisten Stadtteilschüler heute in Englisch Schüler wie mich, die vor 40 Jahren in Schleswig-Holstein ein Gymnasium besucht haben, locker aus dem Feld. Ich bin noch durch meine Schullaufbahn gegangen, ohne ein einziges Referat zu halten. Auch da sind unsere Schüler heute viel besser.

Ein weiteres Problem ist für die Stadtteilschule die Aufnahme der vielen Schüler, die vom Gymnasium nach der sechsten Klasse abgeschult werden. Diese oft völlig frus­trierten Kinder müssen in bestehende Klassen irgendwie integriert werden. Warum verpflichten Sie die Gymnasien nicht dazu, jeden Schüler, der einmal dort angefangen hat, zu behalten?

Rabe: Dann würden sich noch mehr Kinder am Gymnasium anmelden. Und wir würden die Gymnasien durch die Hintertür zu Gemeinschaftsschulen machen. Das geht nicht. Das bringt unser zweigliedriges Schulsystem nun einmal mit sich. Dennoch machen wir uns Gedanken, wie wir die Zahl der Kinder, die dieses Gefühl des Versagens erleben müssen, verringern können. Wir haben uns dazu die Gymnasialempfehlungen genauer angeschaut und festgestellt, dass diese Zahl stark differiert, auch bei Schulen im selben Stadtteil. Es gibt Grundschullehrer, die neigen bei der Einschätzung des Könnens ihrer Schüler zu freihändigem Optimismus, andere zu übergroßem Pessimismus. Da brauchen wir klarere Kriterien, auf die sich die Eltern verlassen können. Und ihnen dann auch erklären, wie viel Leid sie bei ihrem Kind auslösen können, wenn sie es mit einem Gymnasium überfordern. Heute denken leider manche Eltern, dass ihr Kind es mal am Gymnasium versuchen soll, wenn es nicht reicht, wechselt es eben noch mal.

Viele Eltern fürchten schlicht das soziale Umfeld in einer Stadtteilschule.

Rabe: Als unser Sohn das Gymnasium verlassen musste, hatte ich diese Ängste auch. Aber er ist dann an der Stadtteilschule regelrecht aufgeblüht. Die Atmosphäre war viel entspannter. Und es gab kein klammheimliches Mobbing mehr.

Wäre es nicht der beste Weg, das Elternwahlrecht bei der weiterführenden Schule abzuschaffen?

Rabe: Mit mir als Senator ist das nicht zu machen. Wir werden Eltern und Kinder nicht entmündigen. Und damit würden wir den Schulen auch in Sachen Qualitätsentwicklung keinen Gefallen tun. Wenn wir als Behörde die Kinder den Schulen automatisch zuweisen würden und den Wettbewerb aushebeln, gäbe es keinen Grund mehr für die Schulen und die Schulpolitiker sich anzustrengen, um besser zu werden.

Sind Sie manchmal neidisch auf Kollegen in der Kultusministerkonferenz? Während sich die zuständigen Minister aus Sachsen, Thüringen, Brandenburg oder Bayern für gute PISA-Tests feiern lassen können, haben Sie an vielen Fronten nichts als Ärger.

Rabe: Der ehemalige Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner, der zuvor in Rheinland-Pfalz Minister war, hat mir mal gesagt, dass zwei Jahre Minister in einem Stadtstaat so hart seien wie zehn Jahre in einem Flächenland. In Sachen öffentlicher Aufregung bei Schuldebatten sind wir jedenfalls Spitze.

Bei den PISA-Tests leider nicht.

Rabe: Dennoch liefern wir etwa in Englisch gute Ergebnisse. Auch beim selbst organisierten Lernen sowie Kreativität sind wir mit vorn, was bei PISA nicht berücksichtigt wird. Insgesamt liegen wir dort auf den hinteren Plätzen. Entsprechend viel gibt es zu tun.

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