Bildung

Hamburger Klassen-Kampf: Der Stadtteilschul-Report

Schüler der
Ilse-Löwenstein-Schule
beim Projekt
„Superklasse“

Schüler der Ilse-Löwenstein-Schule beim Projekt „Superklasse“

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Droht die Stadtteilschule zu scheitern? Woran die 2010 eingeführte Schulform krankt und wo ihre Chancen liegen – ein Dossier.

Hamburg. Alle Zahlen, Daten und Fakten zu den Stadtteilschulen laufen in einem kleinen, unscheinbaren Büro zusammen, das – passenderweise – in einer ehemaligen Schule in Hamm liegt. Jenny Tränkmann hat die Aktenordner der Schuljahresstatistiken ausgebreitet. Der Laptop ist aufgeklappt. Tränkmann ist Mitarbeiterin der Abteilung „Systemanalysen und Bildungsberichterstattung“ des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung, kurz IfBQ, das der Schulbehörde angeschlossen ist. Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat gewissermaßen seine eigene Forschungsabteilung.

Wer wissen will, wie es um die in die Kritik geratenen Stadtteilschulen wirklich steht, der kommt an der Wissenschaftlerin also nicht vorbei. „Hamburg ist im Bereich Schuldaten sehr gut aufgestellt“, wird Tränkmann am Ende des Gesprächs sagen. Das stimmt: Die Leistungen der Schüler nicht nur an Stadtteilschulen werden fortlaufend gemessen und verglichen, die Schulinspektion liefert wichtige Informationen zur Entwicklung der einzelnen Standorte. Hamburg testet und prüft Schüler und Schulsystem wie kaum ein anderes Bundesland, PISA und die anderen nationalen und internationalen Vergleichsstudien kommen ja noch hinzu.

Aber Tränkmann warnt vor voreiligen Schlüssen. In dem komplexen Feld Schule seien pauschale Zuschreibungen, dass alles schrecklich oder alles super ist, ohnehin unangebracht. Die Wissenschaftlerin plädiert also für eine differenzierte Betrachtung. Die 58 Stadtteilschulen, die es in Hamburg gibt, unterscheiden sich zum Teil erheblich. Es gibt Standorte, die aus ehemaligen Haupt- und Realschulen hervorgegangen sind, bisweilen sind mehrere Schulen (und damit mehrere Kollegien) zusammengelegt worden. Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel ehemalige Gesamtschulen, die nun als Stadtteilschulen zwar einen neuen Namen tragen, ihr pädagogisches Konzept aber nicht völlig umkrempeln mussten und auch schon seit Langem eine Oberstufe haben.

Das ist die Ausgangslage. Doch praktisch seit dem Start der Stadtteilschulen vor gerade einmal fünf Jahren wird über die angebliche Krise dieser Schulform diskutiert. Und ausgerechnet die Schulleiter der Stadtteilschulen selbst – 51 der 58 – haben nun mit einem als Brandbrief titulierten fünfseitigen Positionspapier eine Lawine ins Rollen gebracht.

Nur noch 42 Prozent der künftigen Fünftklässler wurden im Februar für die Stadtteilschulen angemeldet, 54 Prozent dagegen für die Gymnasien – nie war der Abstand größer. „Setzt sich dieser seit Jahren andauernde Trend fort, werden im Jahr 2020 etwa 70 Prozent der Hamburger Schüler das Gymnasium besuchen. Damit wäre das Zwei-Säulen-Modell gescheitert“, schreiben die Schulleiter, weil weder das Gymnasium noch die Stadtteilschule dann noch ihren Bildungsauftrag erfüllen könnten. Sie sprechen sich für die „Schule für alle“ aus. Es klingt beinahe ein wenig nach Selbstaufgabe im Wettkampf mit der mächtigen Konkurrenz Gymnasium.

Jenny Tränkmann ist dieses Szenario zu pessimistisch. Die Anmeldezahlen seien in diesem Jahr zwar gesunken, daraus lasse sich aber noch kein Trend ableiten. Schaut man sich die längerfristige Entwicklung der Anmeldezahlen an, die Tränkmann griffbereit hat, dann ergibt sich, dass im Schuljahr 2011/12 immerhin 46 Prozent der Fünftklässler eine Stadtteilschule besuchten. Im vergangenen Jahr waren es 45, davor nur 44 Prozent. Aber: Bis zum Beginn des Schuljahres legen die Stadtteilschulen meist noch etwas zu. Manche Eltern entscheiden sich um, oder Kinder werden nachgemeldet.

Im Übrigen können die Stadtteilschulen in den fünf Jahren ihrer Existenz unbestreitbar Leistungen vorweisen. Dazu zählt, dass mittlerweile rund 30 Prozent der Schüler, die in Klasse fünf starten, schließlich das Abitur ablegen. Und das, obwohl nur rund fünf Prozent eine Gymnasialempfehlung haben, nach Auffassung der Grundschullehrer imstande sind, das Abitur zu schaffen. Den Stadtteilschullehrern gelingt es also, schlummernde Begabungen bei einer Vielzahl von Schülern zu wecken.

Die Zahl der Schulabbrecher, die ohne Abschluss bleiben, ist deutlich reduziert worden: Waren es noch 2006 im alten mehrgliedrigen Schulsystem 11,3 Prozent eines Jahrgangs, so sank der Anteil 2010 auf 8,3 Prozent. Und nach Gründung der Stadtteilschulen gelang eine weitere Reduzierung auf 4,9 Prozent 2014. Auch der Anteil der Schüler, die nach der Schule in die duale Ausbildung wechseln, hat sich erhöht. Insgesamt sind die Stadtteilschulen um 40 Prozent besser mit Lehrkräften ausgestattet als gleich große Gymnasien. In absoluten Zahlen: Seit dem Start der Schulform sind 1400 Lehrer zusätzlich an die Stadtteilschulen gekommen.

Warum viele Eltern dem Gymnasium den Vorzug geben

Das ist die eine Seite der Medaille, die glänzende. Die andere sieht nicht so schön aus, aber sie gehört zur Realität. Die Stadtteilschulen sind überproportional mit sozialen Problemen konfrontiert. Fast 40 Prozent der Standorte liegen in sozial besonders belasteten Gebieten – hier ist die Arbeitslosenquote hoch, und die Elternhäuser gelten überproportional als bildungsfern. Und hier ist besonders häufig Deutsch nicht die Muttersprache der Schüler. Bei den Gymnasien ist es umgekehrt: Nur drei von 61 liegen in solchen Stadtteilen. Die Startchancen sind also ungleich verteilt.

Hinzu kommt, dass die Stadtteilschulen auch die Hauptlast der Inklusion schultern müssen, also den gemeinsamen Unterricht von förderbedürftigen Kindern mit den anderen. Und es sind wiederum die Schulen mit niedrigem Sozialindex, die besonders betroffen sind. Hier liegt der Anteil der Kinder mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache sowie soziale und emotionale Entwicklung (LSE) bei 16,8 Prozent. In den wenigen Stadtteilschulen in eher wohlhabenden Vierteln beträgt die Quote lediglich 7,3 Prozent.

Und: Auch die Flüchtlingskinder besuchen zu mehr als drei Vierteln Stadtteilschulen und überproportional häufig Standorte mit niedrigem Sozialindex – fast 60 Prozent der geflüchteten Kinder werden hier unterrichtet.

Es ist also ein Potpourri von Problemen, denen sich die Stadtteilschulen stellen müssen. Und das, seien wir ehrlich, viele Eltern gerade leistungsbereiter Kinder abschreckt. „Viele Eltern wollen lieber homogene Lerngruppen für ihre Kinder: eine ungefähr gleiche soziale Lage und Leistung“, weiß Tränkmann. „Aber das ist schon lange nicht mehr Realität, auch nicht an den Gymnasien.“

Es gebe, und hier spricht eher die Mutter schulpflichtiger Kinder, zwei irrationale soziale Ängste von Eltern der Stadtteilschule gegenüber: „Lernt mein Kind dort genug, wenn es mit langsamen Lernern in einer Klasse ist? Und dann ist da eine diffuse Angst vor dem schlechten Einfluss, dass das Kind in falsche Kreise gerät.“ Die Wahl der Schule entspreche immer auch dem Wunsch nach Abgrenzung, fügt Tränkmann hinzu.

Diese tief sitzenden Einstellungen von Vätern und Müttern wird man mit dem Blick auf Jenny Tränkmanns Diagramme und Zahlenreihen wohl nicht verändern können. Und so ist ein Paradox zu beobachten: Einerseits ist der Leidensdruck von Lehrern, Eltern und Schülern an Stadtteilschulen bisweilen so groß, dass sie auf Missstände aufmerksam machen möchten. Und auf der anderen Seite regiert bei ihnen die Sorge, gerade dadurch der Schulform weiteren Schaden zuzufügen. Deswegen schweigen manche lieber.

Wer als Journalist in diesen Tagen das Gespräch mit Lehrern oder Lehrerinnen von Stadtteilschulen sucht, hört daher fast immer eine Bitte: den Ruf dieser Schulform nicht durch weitere negative Berichterstattung noch weiter zu verschlechtern. Viele Lehrkräfte nervt inzwischen, dass die Probleme der Stadtteilschulen medial bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet würden – ganz im Gegensatz zu den Gymnasien. Sie werten dies auch als mangelnde Wertschätzung ihres Engagements.

Statt große Lösungen zu suchen, solle man lieber die offenkundigen Pro­bleme angehen. So klagt eine Lehrerin, dass das System der Schulbegleiter für Kinder mit schweren Behinderungen nur unzureichend funktioniere: „Wenn sich der Begleiter krankmeldet, dauert es oft mehrere Tage, bis der Träger Ersatz stellt. Dies macht den Unterricht für uns noch schwerer.“ Eine Kollegin einer anderen Schule plädiert dafür, dass die Schulen ein vernünftiges Frühstück anbieten sollten: „Ich habe hier Kinder mit ADHS, die kriegen von ihren Eltern statt eines Brotes nur etwas Geld mit. Die kaufen sich davon dann Fanta im Supermarkt. Und sind dann so aufgedreht, dass ich sie den ganzen Tag die Treppe rauf und runter laufen lassen könnte.“

Im Gespräch mit Schulleitern hört sich die Lage etwas anders an, freundlicher, optimistischer. „Die Inklusion gelingt noch nicht immer, aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt Helga Smits, Schulleiterin der Stadtteilschule Am Heidberg in Langenhorn. Vor zwei Jahren, 2014, war die Aufregung an ihrer Schule groß. Lehrer und Eltern hatten in einem offenen Brief an Schulsenator Rabe die Zustände an der Schule angeprangert: „Aufgrund der hohen Zahl verhaltensauffälliger Schüler ist ein halbwegs normaler Unterrichtsalltag in vielen Klassen nur möglich, weil unsere engagierten Kollegen über ihre Belastungsgrenze hinaus in vielen Stunden unbezahlter Mehrarbeit für das Gelingen der Inklusion in den Klassen kämpfen.“ Und: „Wir nehmen wahr, dass immer weniger leistungsstarke Schüler zu uns an die Schule kommen.“ Ein Hilferuf.

„Wir haben unsere Konsequenzen gezogen und achten heute sehr genau darauf, wie wir die Klassen zusammensetzen“, sagt Smits. Damals habe es besonders viele Kinder mit sozialen und emotionalen Problemen gegeben, die eher Störungen im Unterricht verursachen. Heute ist der Anteil der Kinder mit Defiziten in den Bereichen Lernen und Sprache höher. „Die Belastung der Kollegen ist sehr hoch“, sagt auch Ralf Pöhler, Schulleiter der benachbarten Fritz-Schumacher-Schule.

Die beiden Stadtteilschulen, mit 950 bzw. 1000 Schülern, führen eine gemeinsame Oberstufe am Foorthkamp. Deren Leistungsbilanz kann sich sehen lassen: 100 bis 120 Schüler machen pro Jahr Abitur. „Wir führen zu höchstmöglichen Abschlüssen. Wir führen wirklich, wir unterstützen, kontrollieren und lassen nicht laufen“, betonen Smits und Pöhler.

Auch Smits und Pöhler hätten gern mehr starke Schüler bereits in Klasse fünf. Smits’ Schule hat ein anerkanntes Sportprofil, es gibt eine Kooperation mit dem HSV. „An den Informationstagen kommen Eltern wegen des Profils zu uns und weil sie ihrem Kind ein Jahr länger bis zum Abitur wünschen“, erzählt die Schulleiterin. „Zum Schluss frage ich: Wo wohnen Sie? Und dann wohnen die manchmal 100 Meter zu weit weg.“ In Hamburg gilt striktes Wohnortprinzip. Wer zu weit weg wohnt, hat keine Chance. „Diese Schüler gehen dann nicht auf eine andere Stadtteilschule, sondern auf ein Gymnasium.“ Auch in der Schulbehörde wird nun darüber nachgedacht, Schulen zu ermöglichen, einen Teil ihrer Schüler selbst auszuwählen.

Szenenwechsel: Wenn Kay Stöck heute über die Stadtteilschule Stübenhofer Weg redet, dann spricht er noch immer von „meiner Schule“. Das Thema lässt ihn auch ein Jahr nach seiner Pensionierung nicht los. Kein Wunder, schließlich war er als ehemaliger Chef der Schule in Kirchdorf-Süd in der Hamburger Bildungsszene so bekannt wie sein 1997 verstorbener Vater Wilhelm als Nachrichtensprecher beim „Tagesschau“-Publikum. 2013 sorgte der Schulleiter für einen handfesten Eklat. Er ließ ein NDR-Team über Wochen in der Schule drehen, die Reportage „Lehrer am Limit“ löste eine bundesweite Debatte über den Schulalltag in sozialen Brennpunkten aus. Da die Schulbehörde den Dreh nicht genehmigt hatte, kassierte Stöck ein Dienstaufsichtsverfahren.

Von seinem Widerspruchsgeist hat der ehemalige Schulleiter auch als Pensionär nichts verloren: „Ich verstehe nicht, dass sich meine ehemaligen Kollegen nicht klarer positionieren.“ Wobei Stöck die Stadtteilschule zurzeit nicht infrage stellen würde. Beim Besuch in der Abendblatt-Redaktion hat er ein Diagramm mitgebracht, das die Lernentwicklung der Schulen im Vergleich zu Gymnasien zeigt: „Stadtteilschüler legen da zum Teil mehr zu als Gymnasiasten.“

Das Problem sei aber das extrem unterschiedliche Niveau zu Beginn – gerade an einer Schule wie am Stübenhofer Weg mit rund 85 Prozent Migrationshintergrund und Eltern, die zu 45 Prozent Hartz IV beziehen. Etwa ein Drittel der Schüler lande am Ende der Schulzeit in der sogenannten Ausbildungsvorbereitung: „Das klingt gut, heißt aber nur, dass ein Drittel unserer Schüler noch nicht so weit ist, um von einem Betrieb oder einer weiterführenden Schule aufgenommen zu werden. Das damit verbundene gesellschaftliche Dilemma können wir uns nicht länger leisten.“

Stöck plädiert für tief greifende Änderungen: „Für Schulen wie den Stübenhofer Weg sollten in erster Linie die Kernfächer Mathe, Deutsch und Englisch zählen. Die gewonnene Zeit müssen wir dann in Praxis investieren, um die Schüler gezielt auf eine Lehre vorzubereiten. Die Kinder müssen lernen anzupacken, für die meisten wäre eine Handwerkerausbildung optimal.“ Jede Stadtteilschule sollte sich ein Profil zulegen können, in Kirchdorf-Süd wäre das Profil Produktion passend.

„Und hört endlich auf, das Abitur für alle Schüler zum wichtigsten Ziel einer schulischen Laufbahn zu erklären“, sagt Stöck. „Wir müssen weg von den Unterrichtsfach-Experten hin zu praxiserfahrenen Pädagogen, die Kinder begeistern können.“ Stöck erzählt von einem Lehrer, der als ausgebildeter Koch gearbeitet hat: „Der führt bei uns mit Neuntklässlern ein Restaurant als Schüler-Firma. Neben der Kunst des Kochens vermittelt er betriebswirtschaftliche Kalkulation und Buchführung.“

Ganz anders als auf der Elbinsel ist die Lage im vornehmen Stadtteil Winterhude. Hier liegt die Heinrich-Hertz-Schule. Die ehemalige Lichtwarkschule ist ein Standort mit großer Geschichte. Hier lernten zum Beispiel Helmut und Loki Schmidt.

Die Heinrich-Hertz-Schule ist beides in einem: Gymnasium und Stadtteilschule. „Wir sind die Schule für alle“, sagt Schulleiterin Susanne Hilbig-Rehder selbstbewusst. In den Klassen fünf und sechs lernen die Kinder gemeinsam, danach wird getrennt: in der Regel in zwei Gymnasial- und fünf Stadtteilschulzüge. Die Gymnasiasten wechseln nach Klasse zehn in die Oberstufe, die Stadtteilschüler folgen nach einem Jahr Vorstufe. Zwar haben beide Züge in den Klassen sieben bis zehn keinen regulären gemeinsamen Unterricht, aber sie begegnen sich in Arbeitsgemeinschaften, bei Projekten und auf Reisen.

Der Clou sind die beiden ersten gemeinsamen Jahre. Alle Schüler können in Klasse sechs mit der zweiten Fremdsprache starten. „Dadurch halten wir die Tür für alle offen, auf den Gymnasialzug zu wechseln“, sagt Hilbig-Rehder. Beim Übergang in die siebte Klasse entscheiden die Leistungen der Schüler. Danach gibt es kaum Wechsel zwischen den Zügen. So oder so: Die Schüler bleiben im vertrauten Umfeld der Schule.

Die Heinrich-Hertz-Schule entgeht einem Problem, über das viele Stadtteilschulen stöhnen: Am Ende von Klasse sechs müssen jedes Jahr mehrere Hundert Schüler das Gymnasium wegen zu schwacher Leistungen verlassen und werden auf eine Stadtteilschule verteilt. „Die kommen aus dem Tal der Frustrierten und brauchen in der Regel ein Jahr, bis sie sich akklimatisiert haben“, sagt Helga Smits von der Schule Am Heidberg. Ralf Pöhler weist darauf hin, dass in Jahrgang sieben ohnehin viel Unruhe ist, weil die Klassenfrequenz in dieser Stufe steigt (25 statt wie zuvor 23 Kinder) und erneut die Beziehungsarbeit großen Raum einnimmt. Ein Grund, warum die Schulformwechsler an Stadtteilschulen bisweilen nicht mit offenen Armen aufgenommen werden, obwohl es eher leistungsstärkere Kinder sind.

Kann die Heinrich-Hertz-Schule mit beiden Schulformen unter einem Dach ein Modell sein? Susanne Hilbig-Rehder reagiert zurückhaltend. „So einfach ist es nicht“, sagt sie. Ihre Schule habe eine lange Tradition mit dieser Organisationsform, war früher kooperative Gesamtschule. „Wir waren immer auch ein Gymnasium mit einem entsprechend geprägten Kollegium.“ Und mit 1400 Schülern und sieben Parallelklassen auch ein genügend großes System, um differenzieren zu können. „Wir sind nie mit missionarischem Eifer aufgetreten“, ergänzt Hans-Jürgen Klimpki, Abteilungsleiter für die Klassen fünf bis sieben.

Eine Krankenkasse finanziert das Projekt „Superklasse“

Manchmal sind es völlig unkonventionelle Ideen, die die Schulen voranbringen: Musikraum, Ilse-Löwenstein-Stadtteilschule in Barmbek-Süd. Musiklehrerin Nicole Kloppenburg bittet um Ruhe und Konzentration, öffnet dann die Sounddatei auf ihrem Laptop. Das Playback mit Synthesizer-Klängen perlt aus den Lautsprechern. Die vier Mädchen stimmen sofort ein, den vier Jungs ist die Angelegenheit vor allem eines: peinlich. Ein Schüler zieht das Textblatt so hoch vor sein Gesicht, dass man gerade noch die Augenbrauen sieht.

Seit 2009 gibt es das Projekt „Superklasse“, finanziert von der Techniker Krankenkasse. Die Idee: Schüler schreiben einen Songtext zum Thema, was sie brauchen, um ein gesundes Leben führen zu können, ein Profi komponiert die passende Musik. Produziert wird der Song dann in einem Tonstudio, auch ein Video wird gedreht. „Alle Kinder lieben Musik“, sagt Projektleiterin Annette Quinton. Es gehe darum, Ressourcen zu wecken, Kinder zu ermutigen, neue Erfahrungen zu machen.

Der Weg dahin ist kein leichter. Als die Technik für ein paar Minuten versagt, kaspern die Jungs sofort, pulen an den Mikrokabeln. „Seid vorsichtig, die Dinger sind teuer“, ermahnt die Musiklehrerin, die in diesen Wochen an mehreren Schulen probt, auch in Wilhelmsburg und Lurup. Es geht nur mit einem immensen privaten Engagement, nur für wenige Unterrichtsstunden wird sie für das Projekt freigestellt. „Ich spüre, dass die Kinder Selbstvertrauen tanken, Schritt für Schritt ihre Kreativität entwickeln.“ In der Tat: Am Ende der Doppelstunde rappen die Jungs begeistert: „Das sollten Kinder nicht erleben: dass Angst ihnen die Hoffnung raubt.“

In Jenny Tränkmanns Büro geht der Nachmittag langsam zur Neige. Eine Antwort muss noch gegeben werden: „Der Wert des Abiturs ist überall in Hamburg gleich“, sagt sie. Dafür sorgten auch die zentral gestellten Aufgaben im Abitur. Allerdings schneiden die Gymnasiasten bei den schriftlichen Abi-Prüfungen in Deutsch, Englisch und Mathematik im Durchschnitt um eineinhalb Punkte besser ab als die Stadtteilschüler. Die kamen zuletzt auf 7,3 Punkte, die Gymnasiasten auf 8,8 – aber das ist der Durchschnitt.

Tränkmann hat etliche Vorschläge, um die Schulen attraktiver zu machen. Mehr Profilbildung, mehr Flexibilität, das sagt auch sie. Und sie plädiert für unterschiedliche Lerntempi. Wer langsamer lernt, könnte doch auf die zweite Fremdsprache verzichten, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sie hält auch die Trennung der Lerngruppen in Klasse zehn für bedenkenswert: Die einen bereiten sich auf die Oberstufe vor, die anderen machen ihren Realschulabschluss oder hängen nach dem Hauptschulabschluss ein Jahr dran. „Kreative Lösungen ausprobieren und prüfen, was für den jeweiligen Standort passt“, nennt sie das. „Die Schulform gibt es seit fünf Jahren. Der erste reine Stadtteilschuljahrgang ist jetzt in Klasse zehn.“ Und dann sagt sie einen Satz, der Mut machen soll: „Die Stadtteilschulen sind nicht zu Ende entwickelt.“ Ein Lichtstrahl fällt in ihr kleines Büro.