Goethe-Schule in Harburg

Flüchtlingssohn macht Traum-Abitur mit 1+

Kaser Ahmed ist einer der besten Abiturienten des Jahrgangs 2015. Er hat sein Abi an der Goethe-Schule Harburg gemacht

Kaser Ahmed ist einer der besten Abiturienten des Jahrgangs 2015. Er hat sein Abi an der Goethe-Schule Harburg gemacht

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Wer Kaser Ahmed begleitet, ahnt nach wenigen Minuten, dass das Klischee des geborenen Schulversagers völlig in die Irre führen kann.

Hamburg. Der Vater: Flüchtling aus Pakistan, der in seiner Heimat nach nur fünf Schuljahren die Schule abbrechen musste, um auf dem Feld zu schuften. Die Mutter: ebenfalls 1990 geflohen aus Pakistan. Sie musste nach nur vier Jahren die Schule verlassen, um sich fortan um die Geschwister zu kümmern. In Harburg chauffiert der Papa nunmehr Kinder mit Behinderung; die Mama arbeitet als Hausfrau. Das Etikett „bildungsfern“ pappt auf solchen Familien, viele Reportagen über gescheiterte Schulkarrieren beginnen in diesem Milieu.

Wer den Sohn Kaser Ahmed (20) in die Harburger Goethe-Schule begleitet, ahnt indes nach wenigen Minuten, dass das Klischee des geborenen Schulversagers mitunter völlig in die Irre führen kann. Die Biologielehrerin nimmt den jungen Mann mit der schwarzen Brille in den Arm, will wissen, ob die Zusage für das Medizinstudium nun endlich da sei. Ehemalige Mitschüler grüßen mit einer Mischung aus Freude und Respekt. Denn Kaser Ahmed hat hier 2015 nicht irgendein Abitur gemacht. Seine Note 1,0 spiegelt sein Leistungsvermögen nur unzureichend wider; womöglich hat der Flüchtlingssohn mit phänomenalen 887 von 900 möglichen Punkten das beste Reifezeugnis aller 9286 Abiturienten seines Jahrgangs abgelegt. Entsprechende Statistiken werden in der Schulbehörde nicht geführt. Aber die Traumnote 1,0 gibt es bereits ab 823 Punkten.

Wer 887 Punkte packen will, muss im Laufe seiner Oberstufenlaufbahn in jedem Fach fast immer die Maximalpunktzahl von 15 erreichen, also eine 1+. Ob in den Sprachen, in Mathe, in den Naturwissenschaften, in Sport, in Religion, ein fast unmögliches Unterfangen. Erst recht an einer Stadtteilschule mit naturgemäß vielen leistungsschwächeren Schülern.

„Dieser Erfolg ist vor allem der Fürsorge meiner Eltern zu verdanken“, sagt Ahmed. Sie hätten ihn zwar inhaltlich beim Lernstoff nicht unterstützen können, aber ihn immer wieder bestärkt, sich zu bilden. „Dafür bin ich Gott dankbar.“ Zudem dankt er der Ahmadiyya Muslim-Gemeinde, einer islamischen Reformbewegung, die besonderen Wert auf Bildung legt: „Hier konnte ich immer jemanden fragen.“

Eltern und Glaube hätten ihn auch davor bewahrt, in Überheblichkeit abzudriften. Der Musterschüler engagierte sich als Schulsprecher, arbeitete in der Anti-Rassismus-AG mit und gab Nachhilfeunterricht: „Geld durfte ich nur von den Schülern nehmen, deren Eltern sich das leisten konnten.“ Zweimal ignorierte er das Angebot, eine Klasse zu überspringen: „Die Gemeinschaft war mir wichtiger.“

20-Jähriger musste trotzdem aufs Medizinstudium warten

Die Wartezeit bis zum Start des Medizinstudiums im Oktober – trotz des Traum-Abis entschied das Los vergangenes Jahr gegen ihn – überbrückte Ahmed mit einem freiwilligen sozialen Jahr in der Helios Mariahilf Klinik, wo ihm Chefarzt Matthias Seack ob seines Engagements das Du anbot. Derzeit fährt Ahmed Essen für Flüchtlinge aus, gibt an seiner alten Schule Förderkurse, schreibt Artikel für die Zeitschrift der Glaubensgemeinschaft und arbeitet im Büro des SPD-Bundestagsabgeordneten Metin Hakverdi.

In einem türkischen Restaurant reden wir nach dem Schulbesuch noch über die aktuelle Bildungsdebatte. Ahmed würde die Gymnasien abschaffen, ablösen durch eine Schule für alle, wo die Kinder gemäß ihren Voraussetzungen gefördert und gefordert würden: „Gesellschaft darf kein geschlossener Raum sein.“ Ahmed bedauert, dass viele Eltern aus falscher Sorge vor der Stadtteilschule ihre Kinder beim Gymnasium anmelden: „Ich habe viele erlebt, die völlig frustriert zu uns kamen, weil sie es im Gymnasium nicht geschafft haben.“ Dabei sei die Goethe-Schule ideal: „Die Schule hat Toplehrer. Und nachmittags gibt es viele sportliche und kulturelle Angebote wie Klettern und Chor.“

Sein zwei Jahre jüngerer Bruder schaut beim Schulheimweg noch kurz vorbei. Familiäre Nachhilfe brauche der nicht: „Der ist eher noch besser als ich“, sagt Ahmed.