Hamburger Wirtschaft

Perfekte Azubis kann man sich nicht backen

Roland Brückmann, Junge-Regionalverkaufsleiter
für den Hamburger Westen,
führt zweimal im Monat Bewerbungsgespräche

Roland Brückmann, Junge-Regionalverkaufsleiter für den Hamburger Westen, führt zweimal im Monat Bewerbungsgespräche

Foto: Andreas Laible / HA

Firmen klagen, Lehrstellenbewerber seien schlecht vorgebildet. Abendblatt war bei einer Bewerbungsrunde der Bäckerei Junge dabei.

Hamburg. Auf dem Tisch liegen 14 Namen, gedruckt auf A-4-Papier. Roland Brückmann, Regionalverkaufsleiter der Bäckerei Junge, schiebt sie ein bisschen zurecht, damit die Seiten Kante an Kante anschließen. 14 Namen, 14 mögliche Mitarbeiter, 14 Hoffnungen – 14 Unbekannte. Für zwei Uhr an diesem Nachmittag sind die jungen Leute zum Bewerbungsgespräch ins Schulungszentrum des Unternehmens an der Wandsbeker Allee eingeladen. Brückmann, im weißen Hemd mit rotem Firmenlogo, blättert noch einmal durch die Mappen, als die Absage von Marcel (alle Bewerbernamen geändert) kommt. Eine Dreiviertelstunde vor dem Termin. Er habe Probleme mit Bahn und Bus, werde es daher nicht pünktlich schaffen, schreibt er per E-Mail. „Immerhin“, sagt Regionalchef, „er hat sich gemeldet und eine Erklärung geliefert.“ Marcel kommt auf die Liste für die nächste Vorstellungsrunde.

So wenig braucht es in diesen Zeiten, um im Rennen um eine Lehrstelle zu bleiben. „Es gibt kaum noch Bewerber, die sich für unsere Berufe im Verkauf interessieren“, sagt der Chef von 35 Junge-Geschäften im Hamburger Westen. Die Nachwuchs-Situation sei „sehr schwierig“. Zweimal im Monat lädt die Bäckerei-Kette junge Menschen ein, die sich für einen Ausbildungsplatz in dem Unternehmen interessieren. Das ist ein bisschen wie ein Casting, nur dass die Kandidaten nicht wie bei „Germany’s Next Topmodel“ ein Foto bekommen, wenn sie eine Runde weiter sind, sondern die Chance auf einen Ausbildungsvertrag mit übertariflichem Gehalt und Übernahme in einen festen Job. Aktuell sucht Junge 80 Azubis, die Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk oder Fachleute für Systemgastronomie werden wollen – zum 1. September.

Es läutet an der Tür, die ersten Bewerber kommen. Schüchtern betreten sie den Raum, suchen ihre Namensschilder und setzen sich ans hinterste Ende des großen Konferenztischs. Die Teilnehmerquote sei gut, wird Brückmann später sagen. Mehr als die Hälfte der angemeldeten Jugendlichen ist rechtzeitig vor dem Termin da. Nur Frauen. Die Namen kommen aus der ganzen Welt, eine trägt Kopftuch. Für weiße Bluse und Hosenanzug hat sich nur Iveta aus Lettland entschieden. Mit Eltern ist niemand gekommen. „Sie dürfen auch sprechen“, sagt Roland Brückmann betont locker in die angespannte Stimmung im Raum. Neben ihm sitzen sein Kollege für den Hamburger Osten, Niels Nattermüller, und Janina Holz, die in der Lübecker Firmenzentrale für Personalmarketing und Recruiting zuständig ist. Pünktlich um 14 Uhr geht es los. Sechs Namensschilder sind da noch nicht abgeholt, darunter auch die vier der männlichen Bewerber.

3829 Ausbildungsplätze sind in Hamburg noch frei

Deutschland hat ein Nachwuchsproblem. Acht Wochen vor Beginn des Ausbildungsjahrs 2016 im Herbst sind in Hamburg 3829 Ausbildungsplätze noch unbesetzt. Die Online-Lehrstellen-Börse der Handwerkskammer meldet 500 freie Plätze. Gesucht wird alles: Elektroniker, Friseure, Gebäudereiniger und eben auch Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk.

Bundesweit kann nach einer aktuellen Umfrage des Deutschen Indus­trie- und Handelskammertags (DIHK) fast jeder dritte Betrieb die angebotenen Lehrstellen nicht besetzen. „Die Lage war für die Unternehmen noch nie so dramatisch wie jetzt“, sagt DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Hauptgrund sei der Mangel an geeigneten Bewerbern, obwohl drei von vier Betrieben auch lernschwächere Jugendliche einstellten. Aber es sind nicht nur weniger Jugendliche. Die Firmen bemängeln neben fehlenden Deutsch- und Mathekenntnissen auch wachsende Probleme mit Disziplin, Belastbarkeit und Leistungsbereitschaft.

Im Junge-Schulungszentrum ist es inzwischen etwas lebhafter geworden. Das liegt auch an Anna. Die 16-Jährige in der knappen Karo-Bluse platzt 20 Minuten zu spät in den Termin. Irgendwas mit der Bahn habe nicht geklappt, erklärt sie fröhlich und selbstbewusst. Regionalchef Brückmann nickt, teilt kurzerhand die Gruppen für die Vorstellungsrunde neu ein. Der Zeitplan für den Nachmittag ist straff. Erst sollen die Bewerber sich gegenseitig präsentieren, dann stellt er Unternehmen und Ausbildung vor. Und Zeit für Fragen muss ja auch noch sein. „Sie haben sich für einen Beruf im Verkauf beworben“, sagt der 46-Jährige, der Bankkaufmann gelernt und Wirtschaftspädagogik studiert hat. „Sie sollten die Präsentation so gestalten, dass Sie die anderen gut verkaufen.“ An der Wand hängt ein Plakat mit den Junge-Grundwerten: ausdauernd, fleißig, ehrlich, leidenschaftlich, teamfähig, verantwortungsbewusst.

Die Vorstellungsrunde läuft nach vorgegebenem Muster: Name, Alter, Hobby. Was war ihr schönstes Erlebnis? Was der größte Erfolg? Thaos Vorstellung ist kurz. Sie ist 15 Jahre alt, hat gerade den Hauptschulabschluss in der Tasche. Das sei ihr größter Erfolg bislang, sagt sie. Warum ihr Berufswunsch Verkauf sei, will Brückmann wissen. „Da lernt man die unterschiedlichsten Menschen kennen“, sagt die Jugendliche mit dem offenen Lächeln. Und warum bei Junge? „Das Personal ist sympathisch und es schmeckt gut“, erklärt sie und erzählt von Besuchen mit ihrer Mutter in einem Junge-Café in Barmbek.

Ganz ähnlich hört sich das bei Ilknur aus Bahrenfeld an, die schon ein Schulpraktikum in einer Bäckerei gemacht hat. „Erst habe ich mich auch für den medizinischen Bereich interessiert, aber ich habe mich für Verkäuferin entschieden“, sagt die 17-Jährige. Ob Sie ein ehrgeiziger Mensch sei, will der Regionalverkaufsleiter für den Osten der Stadt, Nattermüller, wissen. „Ein bisschen.“ Die junge Frau ist die Einzige, die ein Kopftuch trägt. Thematisiert wird das nicht, aber laut Brückmann gibt es in einzelnen Junge-Geschäften kritische Stimmen, wenn die Servicekraft hinter der Ladentheke eine Kopftuchträgerin ist. In anderen werde das dagegen sehr positiv aufgenommen.

Manche schicken einfach nur ein Foto ihres Zeugnisses

Die Bäckerei mit knapp 180 Filialen und 3300 Mitarbeitern in Norddeutschland bietet neben der Ausbildung als Bäcker, Konditor, Fachinformatiker oder zu Bürokaufleuten jährlich 150 Lehrstellen im Verkauf an. Voraussetzung ist der Hauptschulabschluss. Wer sich für den Bereich Systemgastronomie interessiert, braucht einen Mittleren Bildungsausschluss. „Wir bekommen laufend Bewerbungen“, sagt Personalerin Holz, „aber wir sortieren auch viel aus, weil die Qualität nicht stimmt.“ Und dabei gehe es nicht um Noten.

Manche schickten einfach nur ein Foto ihres Zeugnisses, und das auch noch verknickt und mit Getränkeflecken. Bei anderen stehe im Adressfeld die falsche Firma oder der Berufswunsch habe nichts mit einer Bäckerei zu tun. Auch an diesem Tag hat sich eine Jugendliche als Drogeriewaren-Fachverkäuferin beworben. Eine andere hatte angegeben, in einer Ausbildungsmaßnahme zu sein, die sie 2012 beenden wolle. Das ist jetzt vier Jahre her.

„Es sieht nicht gut aus, wenn man die Bewerbungen einfach kopiert und dann solche Fehler macht“, sagt Holz. „Trotzdem drücken wir mittlerweile schon beide Augen zu und laden auch einige dieser Kandidaten ein, um uns ein persönliches Bild von dem Menschen zu machen und ihn kennenzulernen.“ Ein weiterer Punkt: In einigen Lebensläufen tauchten so viele Brüche auf, dass man einen ernsthaften Willen schwer erkennen könne. Auch Nicole hat schon einige Stationen hinter sich. Unter anderem hat die Norderstedterin bereits eine Ausbildung in einer anderen Bäckerei angefangen – und abgebrochen. „Das Ambiente gefiel mir nicht“, erklärt die junge Frau in Schlabberhemd, die als eine der wenigen in der Runde einen deutschen Namen hat. Gemeint ist wohl das Arbeitsklima. Jetzt, betont sie, wolle sie aber durchhalten.

Erst einmal muss sie es in die zweite Runde schaffen. Die Zeit drängt. Wenn es nicht klappt, droht mindestens ein halbes Jahr Wartezeit bis zum nächsten Ausbildungsstart. „Wir wissen schnell, wer infrage kommt“, sagt Brückmann, der zweieinhalb Jahre im Unternehmen ist. Das Auftreten spiele eine Rolle, Sprache, Umgang und natürlich das Interesse. Es gebe Bewerber, die sich vorher gut informiert haben und über das Unternehmen Bescheid wissen, so wie die junge Lettin Iveka, die bereits eine Ausbildung als Fachkraft für die Systemgastronomie macht und gern zu Junge wechseln möchte. Oder wie Anna, die – wenn es so etwas gibt – ein Verkaufsgen ausstrahlt. „Aber es gibt eben auch die, bei denen man das Gefühl hat, dass sie nur kommen, weil sie müssen.“

Lisa möchte eigentlich Konditorin werden und sich irgendwann selbstständig machen. Einige Praktika in Bäckereien, darunter auch in einem Junge-Café, hat die junge Frau aus Langenhorn vorzuweisen, auch gejobbt hat sie schon. „Ich hatte ein paar Probleme mit der Arbeit“, erläutert sie, weshalb sie gekündigt habe. Vor allem, dass sie so viel putzen musste, habe sie gestört.

Aber das gehöre auch dazu, sagt Regionalverkaufsleiter Brückmann. Dann beginnt er mit der Vorstellung des Lübecker Familienunternehmens und erklärt den Ausbildungsablauf. Während er mit Power-Point-Präsentation und vielen Fotos durch Geschichte („Wir waren 1975 die erste Bäckerei mit Snackbereich“) und Gegenwart führt, schreiben nur Anna und Nicole mit. Dabei gibt es interessante Aspekte. Zum Beispiel die übertariflichen Zahlungen von bis zu 270 Euro im Monat (bei einer Anfangsvergütung von etwa 500 Euro) und den Personalrabatt von 50 Prozent.

Auch Erwartungen an die Azubis werden formuliert. Leistungsbereitschaft und Freundlichkeit gehören dazu, aber auch, dass „Tätowierung, Skarifizierung, Cutting und Branding im Gesicht und an den Händen“ nicht erwünscht sind. Gar nicht geht, das habe eine interne Arbeitsgruppe festgelegt, wenn sie rassistisch, sexistisch, gewalttätig oder pädophil seien. Schweigend hören die Frauen zu. Keine Fragen.

„Wir suchen nicht nur billige Aushilfskräfte“, sagt Niels Nattermüller, der die 32 Junge-Geschäfte im Hamburger Osten verantwortet. „Wir suchen den Führungsnachwuchs von morgen.“ Beispiele für die Aufstiegsmöglichkeiten von der Fachverkäuferin, über Systemgastronomin bis zur Geschäftsleiterin und sogar bis zur Gebietsverkaufsleitung seien keine Seltenheit. Das Unternehmen wachse schnell. „Es würde noch schneller wachsen, wenn wir mehr Personal hätten“, so der Regionalverkaufsleiter. Inzwischen stellt die Bäckerei-Kette über den Bedarf ein. Denn natürlich gebe es auch Abbrecher. Laut Statistik sind das etwa 20 Prozent.

Gibt es noch Fragen? Anisa hebt schüchtern den Arm. Man könnte annehmen, dass die 16-Jährige aus Rothenburgsort wissen will, was eine Fachverkäuferin für Bäckereien eigentlich genau macht? Oder wie viel Geld sie im ersten Ausbildungsjahr netto verdient? „Mir wurde gesagt, dass man sieben Tage die Woche arbeiten muss. Stimmt das?“, fragt sie sehr leise. Brückmann überlegt kurz, legt sich die Worte zurecht. Das ist ein sensibles Thema. „Man muss arbeiten, und es ist auch hart. Aber natürlich bekommt, wer an einem Wochenende oder Feiertag arbeitet, an anderen Tagen frei. Wir halten uns ans Jugendschutzgesetz.“ Schon vorher hatte er sie gefragt, ob sie Frühaufsteherin sei. Die Antwort: „Ab und zu.“

Wenn er sich etwas wünschen dürfte, hatte Brückmann mit einem Stoßseufzer kurz vor der Vorstellungsrunde gesagt, dann, dass in den Schulen mehr zum Thema Bewerbungstraining gelehrt würde. „Warum steht das nicht regelmäßig auf dem Stundenplan?“

Kurz nach 16 Uhr ist der Termin zu Ende. Vorher geben die neun Kandidatinnen noch einen Personalbogen ab, in den sie auch ihre Konfektionsgröße für die Junge-Blusen und Schürzen eingetragen haben. „Und die Unterschrift nicht vergessen“, mahnt Brückmann vorsichtshalber – und nicht ohne Grund. Kurz entsteht hektische Betriebsamkeit beim Ausfüllen des Formulars. Die Stimmung ist gelöst, bei einigen auch hoffnungsvoll.

„Das ist eine gute Runde gewesen“, sagen die beiden Regionalverkaufsleiter unisono. Der nächste Schritt ist die Einladung zu einem zweitägigen Probearbeiten in einem Junge-Laden. Wenn das positiv läuft, gibt es ein Vertragsangebot. Innerhalb von zwei Wochen sollen die Bewerberinnen Bescheid bekommen. Von den 14 Namen zu Anfang des Vorstellungsnachmittags werden dann noch fünf übrig sein.