Der rote Faden

Wie, bitte, klingt der Urknall, Frau Bruni?

Gloria Bruni in der alten Güterhalle 3 im Oberhafen. Sie steht auf einer Plane, deren Bemalung den Urknall darstellen soll.

Gloria Bruni in der alten Güterhalle 3 im Oberhafen. Sie steht auf einer Plane, deren Bemalung den Urknall darstellen soll.

Foto: Mark Sandten

Gloria Bruni, Zahnärztin und Komponistin, arbeitet an einer neuen „Schöpfung“. Es soll aber eine im naturwissenschaftlichen Sinne sein.

Starkregen trommelt auf das Kunststoffdach der Güterhalle 3 im Oberhafen an der Stockmeyerstraße. Es ist der mittlere und wohl auch schönste der Hallenstränge, wo unter anderem die Hanseatische Materialverwaltung ihren Sitz hat, ein „Riesenfundus für Kreative“. In diesen Ort hat Gloria Bruni sich vor zwei Jahren verliebt, als sie hier ein Musikvideo drehte: ihr „Angelo di Dio“, eine Meditation über das „Air“ aus der dritten Orchestersuite von Johann Sebastian Bach.

„Dieser alte Güterbahnhof ist ja ein so wichtiges Stück hamburgischer Handelsgeschichte“, ruft die Sopranistin und Komponistin gegen den Lärm an, „und dieser Oberhafen muss unbedingt in seiner Gänze erhalten bleiben!“ Es gibt Pläne, aus dem historischen Gebäude ein Kreativquartier für junge Künstler zu machen. Der Starkregen legt in diesem Augenblick noch einmal zu, und angesichts der Wassermassen, die sich durch Löcher im Dach ins Innere des Backsteinensembles ergießen, ahnt man, dass ein Abriss die Stadt weitaus weniger kosten würde als eine Sanierung. Aber bei so viel Spontaneität und Begeisterungsfähigkeit dieser Frau – wer weiß.

Gloria Brunis Jugend muss ziemlich hart gewesen sein. In Oschersleben am Harz geboren, war sie als Kleinkind knapp zwei Wochen vor dem Mauerbau im August 1961 mit ihren Eltern über Ostberlin in den Westen geflohen, also im letzten Augenblick. Ihre Familie hatte schon immer eine große Neigung zur Musik gehabt: Da war zum einen ihr Großvater, der eigentlich Pianist werden wollte, aber als Schuldirektor arbeitete. Da war ihr Vater, ein Physiker, der sich das Akkordeonspielen selbst beibrachte. Und da war ihre Mutter, deren Traum von einem Leben als Sängerin nach dem Krieg sich leider nicht erfüllt hatte.

Schon als Kind fiel die Stimme von Gloria Bruni auf

Die kleine Gloria (die eigentlich Brünhild heißt, aber ihren Künstlernamen schon seit vielen Jahren ganz selbstverständlich auch im Alltag verwendet) wuchs – nach kurzen Aufenthalten in Osnabrück und Duisburg – in Volksdorf auf, bekam Klavierunterricht, spielte nebenbei Blockflöte und zupfte auf der Gitarre herum. Als sie mit zehn Jahren auf dem Charlotte-Paulsen-Gymnasium in Wandsbek landete, entschloss sie sich, zusätzlich noch Geige zu lernen. „Während der feierlichen Einschulung trat das Schulorchester auf, und ich mochte sofort die Bühne. Dahin wollte ich unbedingt! Da habe ich dann das Instrument gewählt, von dem es die meisten gab, denn das schien mir am einfachsten zu sein. Außerdem hatten wir zufällig zwei Geigen in der Familie …“ Darüber hinaus entdeckten ihre Musiklehrer rasch, dass Glorias Stimme großes Potenzial hatte. „Na gut, mir fielen halt einige Dinge einfach so zu“, sagt sie, „aber von einer musikalischen Hochbegabung möchte ich nicht sprechen. Aber mir war schon damals klar, dass meine persönliche und berufliche Zukunft in der Musik liegen würde.“

Der Weg dorthin blieb indes nicht ohne Härten. „Meine Eltern waren ziemlich streng“, blickt Gloria Bruni zurück, aber nicht im Zorn. „Wenn ich dreimal im Jahr auf eine Party gehen durfte, war das sehr viel.“ Dafür spielte sie häufiger Kirchenkonzerte für ein kleines Extra-Taschengeld von fünf Mark; daheim wurde viel gebastelt und genäht. „Es ging meinen Eltern dabei vor allem um meine finanzielle Unabhängigkeit. Ich wollte zwar nie etwas anderes machen als Musik, aber meinem Vater erschien die Vorstellung, dass seine Tochter unbedingt Künstlerin werden wollte, als zu dubios. Meine Eltern bestanden auf einer ordentlichen Berufsausbildung.“ Ihre Abiturnote 1,6 reichte fürs Studium der Zahnmedizin, „ich hätte aber auch jeden anderen Beruf erlernen können!“, sagt sie. Ein Medizinstudium hätte sie zwar noch lieber angetreten, „doch auf der anderen Seite wollte ich nicht irgendwann vielleicht über Leben und Tod entscheiden müssen, während mein Kopf voller Musik ist“.

So klingt es beinahe unglaublich, aber Gloria Bruni zog neben dem Zahnarztstudium auch noch ein Musikstudium durch. Bis zum Physikum studierte sie in Hamburg, dann wechselte sie nach München, wo sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben ein wenig ungezwungener fühlen durfte. Sie deutet es zwar nur sehr zart an, aber vermutlich gab es für sie neben der Lernerei und der Überei auch ein bisschen was nachzuholen. Ein bisschen Freiheit zum Beispiel, wobei sie in einigen Münchner Bars Songs von Barbra Streisand und Liza Minnelli sang und darüber hinaus auch die Zeit fand, ihren heutigen Mann kennenzulernen, der damals ebenfalls in München Betriebswirtschaft studierte.

„Es funkte an dem Abend, an dem ich ihn in die Oper mitgeschleift habe“, erzählt Gloria Bruni. „Da wir beide keine Eintrittskarten besaßen, mussten wir uns den ersten Akt von ‚Rheingold‘ auf einer Schallplatte bei mir zu Hause anhören, und dann haben wir uns in der Pause für den zweiten Teil über die Hinterbühne einfach reingeschlichen – etwas, was ich damals häufig tat.“

Doktortitel mit 25 Jahren

Mit 25 Jahren hatte Gloria Bruni zwei abgeschlossene Studien und ihren Doktortitel in der Tasche. Um ihre Approbation nicht zu verlieren, arbeitete sie zunächst in Hamburg als angestellte Zahnärztin, um sich dann endlich ihren Traum zu erfüllen – den von der Sängerin und Komponistin, den sie in Mailand verwirklichen wollte. Den elterlichen Segen hatte sie ja jetzt, und ihr Mann gab den seinen dazu. „Vor unserer Hochzeit hat er mir einmal etwas sehr Merkwürdiges gesagt“, erinnert sich Gloria Bruni: „Dass er nämlich eine Frau brauche, die sich nicht so schnell langweilt.“

Aus dem ursprünglich geplanten dreimonatigen Aufenthalt im Land des Belcanto wurden gut elf Jahre, in denen Gloria Bruni zwischen Hamburg und Mailand hin- und herpendelte und zahlreiche Auftritte als Sopranistin und Violinistin absolvierte. Als Sängerin trat sie unter anderem beim Puccini-Festival Torre del Lago und an der Mailänder Scala auf, mit den London Mozart Players an der Dresdner Semperoper sowie im Leipziger Gewandhaus. Mit der Geige in der Camerata Accademica und dem Orchester des Salzburger Mozarteums nahm sie an mehreren Tourneen teil und konzertierte unter anderem auch in der New Yorker Carnegie Hall und im Kennedy Center in Washington, D.C. „Das Schöne an Italien ist, dass dort auch so viele jüngere Leute die klassische Musik lieben und die vielen Angebote annehmen“, sagt sie, und als sie dann erzählt, wie sie einmal mit einem Obsthändler auf dem Markt, der sie in einem Konzert gehört hatte, über die verschiedenen Interpretationsformen einer Puccini-Arie diskutierte, legt sich ein fast seliges Lächeln über ihr Gesicht. Der Ehe schadete ihre Künstlerkarriere übrigens nicht: Das Paar feiert in diesem Jahr seinen 30. Hochzeitstag, die gemeinsame 19-jährige Tochter hat gerade damit begonnen, in München zu studieren, ganz so wie ihre Mutter.

„Als Musikerin würde ich bestimmt ganz gut durchkommen, aber als Komponistin ist es schwierig heutzutage“, sagt sie freimütig, obwohl sie bereits einige spektakuläre Werke geschaffen hat, „übrigens ganz altmodisch am Klavier und nicht am Computer“. Ihren Durchbruch schaffte Gloria Bruni mit ihrem „Requiem a Roma“, das im Jahr 2000 in Auszügen im Beisein von Papst Johannes Paul II. in der vatikanischen Audienzhalle Sala Nervi vor 6000 geladenen Gästen uraufgeführt wurde. Es folgten unter anderen Werken mit „Pinocchio“ eine Oper (Libretto: Ursel Scheffler) sowie die „Sinfonie Nr. 1 – Ringparabel“. Vor allem aber „bewarb“ Gloria Bruni sich als Komponistin des ebenso wuchtigen wie tränenrührenden Musicals „Dornenvögel“ bei der australischen Autorin Colleen McCullough, die diesen Welterfolg ersonnen hatte (der ja auch sehr erfolgreich verfilmt wurde) – und dabei setzte sie sich immerhin gegen den ungekrönten Musical-Komponisten Andrew Lloyd-Webber durch.

„The Thorn Birds“ feierte 2009 unter der Regie von Michael Bogdanov im englischen Swansea Premiere und ging dann jahrelang als Tourneemusical auf Reisen. In diesem Sommer wurde es erstmals auch in deutscher Sprache aufgeführt, als Freilichtfassung für Amateurtheater der Waldbühne Ahmsen im Emsland. „Ich finde, dass sie das dort recht gut gemacht haben“, sagt Gloria Bruni, „denn es handelt sich ja um keine professionellen Darsteller, sondern um sehr engagierte Amateure.“ Dennoch freue sie sich jetzt „diebisch“, dass „Die Dornenvögel“ Ende nächsten Jahres über eine große deutsche Musicalbühne flattern werden, in einem „richtigen, tollen Theater“, nur sprechen dürfe sie darüber noch nicht, weil der Vertrag noch nicht unterschrieben sei.

Zurzeit werkelt Gloria Bruni gemeinsam mit dem Hamburger Designer Peter Schmidt an einer neuen Oper, der „Schöpfung“, aber nicht im religiösen oder „haydnischen“, sondern ganz im naturwissenschaftlichen Sinne. Die ersten Layouts der Bühnenbilder sind bereits fertig und auch die ersten Partituren. Man darf sicherlich gespannt sein, wie Gloria Bruni den Urknall musikalisch erklingen lässt.