Arbeitsmarkt

Wie Ingenieure in Hamburg integriert werden

Bauingenieur Mohammed Alkaflawy aus dem Irak macht ein Praktikum
bei Hamburg Wasser in Rothenburgsort

Bauingenieur Mohammed Alkaflawy aus dem Irak macht ein Praktikum bei Hamburg Wasser in Rothenburgsort

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Qualifikationsmaßnahme Be.Ing! macht Akademiker mit ausländischen Abschlüssen fit für den Hamburger Arbeitsmarkt.

Hamburg.  Auf dem Schreibtisch liegen Papiere mit Berechnungen und Skizzen, sorgfältig gefaltete Zeichnungen. In der Mitte steht ein Computermonitor. Ein ganz normaler Büroarbeitsplatz wie Tausende andere in Hamburg. Für Mohammed Alkaflawy ist es die Chance für einen Neustart. Der 33-jährige Iraker faltet einen der Baupläne auseinander: Betonkanäle, Wasserbehälter und Rohre sind darauf zu sehen, dazu millimetergenau die Maßangaben. „Ich arbeite an einem großen Sanierungsprojekt hier auf dem Gelände von Hamburg Wasser mit“, sagt er und zeigt stolz auf das Feld, das ihn als Urheber des Bauplans ausweist. Drei Jahre nach seiner Ankunft in Hamburg ist der Ingenieur zum ersten Mal wieder in seinem Beruf tätig.

Seit Mai macht Mohammed Alkaflawy im Rahmen der Qualifikationsmaßnahme Be.Ing! ein Praktikum bei dem städtischen Wasserversorger in Rothenburgsort. Ziel des Teilprojekts im bundesweiten Förderprogramm Integration durch Qualifizierung (IQ) ist es, Ingenieure mit ausländischen Abschlüssen fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen. Nach 15 Wochen Theorie folgt eine dreimonatige Praxisphase in einem Unternehmen. Die Erfolgsbilanz lässt sich sehen. „Gut zwei Drittel der Teilnehmer haben ein Jahr nach Ende der Qualifizierung eine Arbeit gefunden oder eine klare Zukunftsperspektive entwickelt“, sagt Projektleiterin Martina Mittmann.

Wie viele zugewanderte Akademiker, hatte auch Mohammed Alkaflawy große Schwierigkeiten, einen Job zu finden – trotz Ingenieurdiploms und mehreren Jahren Berufserfahrung als Projektleiter für Wasserbau in einem Ministerium in Bagdad. Er war 2013 mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, weil seine Frau am Universitätsklinikum Eppendorf bis 2020 eine vom irakischen Staat finanzierte Facharztausbildung macht. „Ich habe sofort angefangen, Deutsch zu lernen, die neuen CAD-Programme zu lernen und mir meinen Berufsabschluss anerkennen zu lassen“, sagt Alkaflawy. Dann schrieb er Bewerbungen. Ohne Erfolg.

Um über die Runden zu kommen, übernahm der Familienvater in der Wohnung in Hamm den Haushalt und die Betreuung der beiden kleinen Kinder. Am Wochenende arbeitete er bei einem Pizza-Service in der Küche. „Es war eine sehr schwere Arbeit“, sagt Alkaflawy. „Aber es war auch eine gute Möglichkeit, mehr Deutsch zu lernen.“ Über eine Bekannte erfuhr der junge Iraker mit der Lebensmaxime „Jede Information ist eine Tür“ von dem Programm Be.Ing! und bewarb sich. Im Januar startete er mit gut 20 anderen Ingenieuren aus fast genauso vielen Nationen im dritten Durchgang der Maßnahme in Trägerschaft des Vereins Interkulturelle Bildung Hamburg (IBH) in den Theorie-Block.

Fachbegriffe, Bewerbungstraining, Projektmanagement, EDV-Schulungen: 30 Stunden in der Woche drücken die Fachkräfte wieder die Schulbank. „Es geht nicht um eine fachliche Qualifizierung, da sind die meisten fit“, sagt Martina Mittmann, die das Projekt seit der Gründung 2013 im Zug der Fachkräfte-Rekrutierung leitet. Was fehle, seien vor allem Kenntnisse, wie der deutsche Arbeitsmarkt funktioniere, welche Hierarchien wichtig seien oder was erfolgreiche Strategien für eine Bewerbung sein können. „Dabei geht es auch um kulturelle Unterschiede“, sagt Mittmann. „Unser Ziel ist es, dass die Teilnehmer selbst einschätzen können, wie und wo sie mit ihrem Profil hinpassen.“ Als Unterstützung für die Lernwilligen gibt es ein Mentoring-Programm und die Praktikumsphase.

Denn Ingenieure werden gesucht. „Es gibt einen Fachkräftebedarf in allen Sparten“, sagt Knut Böhrnsen, Sprecher der Arbeitsagentur Hamburg. 492 freie Stellen für Ingenieure gab es Ende Mai in der Hansestadt. „Gerade in diesem hochdifferenzierten Arbeitsfeld ist es für Migranten und Flüchtlinge aber besonders schwierig, sich zu verorten“, sagt Be.Ing!-Projektleiterin Mittmann. Bislang haben 60 Teilnehmer das Anpassungsprogramm absolviert. Noch bis Ende Juni läuft die Bewerbungsfrist für den vierten Durchgang. Gute Deutschkenntnisse und eine Bleibeperspektive gehören zu den Voraussetzungen. Die Finanzierung erfolgt entweder über das Asylbewerberleistungsgesetz oder – immerhin in einem Drittel der Fälle – aus der eigenen Tasche.

100 Praktikumsplätze stellt die Stadt zur Verfügung

Für Mohammed Alkaflawy ist der Praxisanteil besonders wichtig. Dafür steht er jeden Tag noch früher auf, bringt seine Kinder in die Kita und radelt nach Ro­thenburgsort. Wenn er mit Christian Salomon aus der Bauabteilung über das weitläufige Gelände von Hamburg Wasser geht, spürt man seine Freude an der Arbeit. „Das alte Rohrleitungssystem muss erneuert werden“, erklärt er an der Baustelle seines Projekts und deutet auf tiefe Betonkanäle im Boden. Auch für Hamburg Wasser ist Alkaflawy eine Premiere. „Normalerweise haben wir Studenten als Praktikanten“, sagt Anleiter Salomon. Das Experiment ist ein Erfolg. „Ich habe ihm Aufgaben gegeben und er hat angefangen zu arbeiten.“

Nicht nur in diesem Arbeitsfeld werden in Hamburg inzwischen Integrationsideen für Migranten und Flüchtlinge entwickelt. So stellt die Stadt Hamburg 100 Praktikumsplätze zur Verfügung, ein entsprechendes Schreiben des Senats an alle Verwaltungsbereiche und an die öffentlichen Unternehmen ist vor einigen Wochen verschickt worden – mit großer Resonanz. Erste Praktikanten gibt es schon, unter anderem beim Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer. Auch zahlreiche Unternehmen wie etwa der Energieversorger E.on oder verschiedene Logistikfirmen bieten Praktika an.

„Sehr vieles hier ist ganz anders als bei meiner Tätigkeit in Bagdad“, sagt Bau-Ingenieur Alkaflawy nach den ersten Arbeitswochen bei Hamburg Wasser. Die Fachbegriffe müsse er komplett neu lernen, vor allem bei der Erstellung von Ausschreibungen mit komplizierten rechtlichen Grundlagen ist das im Moment noch ein großes Problem. Aber auch das will er schaffen. „Arbeit ist Leben“, sagt er und holt ein Schulheft aus einer Schublade. „Ausführungsfristen“ hat er darin notiert, „Rüttler“, „Sielleitung“ oder „Baugrunduntersuchung“. Direkt daneben steht die arabische Übersetzung. Noch bis Ende Juli dauert sein Praktikum. Wenn er sich was wünschen könnte, würde er gern weiterarbeiten.

Der nächste Be.Ing!-Kurs beginnt am 5. September. Interessierte können sich bis zum 30. Juni bei dem Trägerverein Interkulturelle Bildung Hamburg, Conventstraße 14, 22089 Hamburg bewerben. Weitere Informationen unter www.ibhev.de oder unter der Telefonnummer 040/35 90 55 09.