Rothenbaumchaussee

„Hotel am Museum“: Die noble Miniherberge mit WG-Charme

Hamburg wohl kleinstes Hotel: An der Rothenbaumchaussee 71 betreibt Monika Göckede ihr Sechszimmerhaus mit großem Erfolg

Hamburg wohl kleinstes Hotel: An der Rothenbaumchaussee 71 betreibt Monika Göckede ihr Sechszimmerhaus mit großem Erfolg

Foto: Andreas Laible

Monika Göckede feiert mit einem der wohl kleinsten Gasthäuser der Stadt zehnjähriges Bestehen. Sechs Zimmer hat das "Hotel am Museum".

Rotherbaum.  Dieses Kleinod unter den luxuriöseren Hamburger Herbergen hat gleich mehrere Namen: Es wurde schon mal als „Juwel“ bezeichnet oder auch als „VIP-WG“, und es heißt, dass Gäste nicht selten davon schwärmten, dieses Hotel sei „einfach wie zu Hause, nur noch schöner“. Obwohl nur eines der insgesamt sechs sehr unique eingerichteten Zimmer über eine Toilette respektive ein Vollbad verfügt. Aber zumeist lege sich beim Erstlingsgast rasch das erste Entsetzen über die erzwungene gemeinschaftliche Nutzung der Kachelabteilung auf dem Flur, sagt die Hausherrin und öffnet demonstrativ die Toilettentür. Die Sauberkeit blendet, die meisten Gäste kommen immer wieder.

Jetzt, im Mai, steht der erste runde Geburtstag des „Hotels am Museum“ an, mit dem sich Monika Göckede, heute 51, nach rastlosen Lehr- und Wanderjahren vor zehn Jahren ihren Traum erfüllte: Als sie vis-à-vis dem Museum für Völkerkunde im Erd­geschoss eines schneeweißen Mehrfamilienhauses aus der Gründerzeit an der, wie sie sagt, „Lebensmeile“ Ro­thenbaumchaussee damit begann als Gastgeberin zu fungieren und keinesfalls als Hoteldirektorin. Darauf legt sie Wert: „Ich wollte all das, was ich gelernt habe, auf einen Punkt bringen – konzentrieren“, und überhaupt sei sie ja als Direktorin sowieso nur die Vor­gesetzte von sich selbst. Denn ihre Herberge kommt ohne Concierge, Köchin, Hausdame, Zimmermädchen, Servicepersonal und Putzfrau aus – das erledigt alles Monika Göckede in Personalunion; höchstens noch unterstützt von ihrer Ehefrau Ines, mit der sie seit vier Jahren verheiratet ist und die in der Hamburger Spielbank als Tischchefin arbeitet.

Ein weiterer Vorteil: „Bekomme ich von einem Gast kritische Worte zu hören, kann ich einen eventuellen Fehler sofort berichtigen und muss nicht umständlich delegieren“, sagt Monika Göckede. Und das sei gut so, auch wenn dies sehr selten passiere, also eigentlich nie. Das werde man ja wohl noch sagen dürfen. Sie blinzelt nicht einen einzigen Moment lang verlegen ob dieses winzigen Anflugs von Selbstlob; stattdessen wandern ihre Blicke unablässig hin und her, so, als suchte sie genau das eine Staubkorn, das ihre Vorstellung von Perfektion empfindlich stören würde.

Sie selbst kann nicht einmal genau sagen, wie es damals anfing mit ihrer Leidenschaft, anderen, auch völlig fremden Menschen, möglichst was Gutes anzutun, lieber noch was sehr Gutes. Und warum. Die gebürtige Münsteranerin erlernte im Westfälischen zunächst mit 15 Jahren das Konditorei-Handwerk, schob eine Ausbildung als Köchin beim (vor zwei Jahren verstorbenen) Sternekoch Ewald Hinterding nach, wurde Patissière im „Waldhotel Krautkrämer“ und fuhr dann mehrere Jahre als Alleinbäckerin auf der „World Discoverer“, einem bekannten amerikanischen Kreuzfahrtschiff (das inwischen verschrottet wurde).

Hamburg hatte „das Mädel aus der Provinz“ schon immer gereizt

Danach ging es wieder an Land weiter: In Altötting arbeitete sie als Hotelbetriebswirtin, blieb danach für knapp zehn Jahre in Regensburg hängen, wieder als Patissiè­re in einem Feinkostgeschäft sowie am Empfang des Avia-Hotels. „Der Hoteldirektor besaß die Einstellung, jeden Gast, ob Fernfahrer oder Topmanager, gleich zu behandeln, ihm jeden Wunsch zu erfüllen – aber natürlich nur, wenn der Gast auch bereit war, dafür zu zahlen.“

Es war dann der „Kollege Zufall“, der Monika Göckede nach Hamburg verschlug – in die Stadt, in der bereits viele ihrer Freunde lebten (vor allem einige aus der Stammmannschaft der „World Discoverer“), und die „das Mädel aus der Provinz“ schon immer gereizt hatte, „irgendwie“. Da traf es sich gut, dass die Modeunternehmerin Jil Sander gerade eine Stelle als „Haus­dame“ ausgeschrieben hatte, und Monika Göckede bekam diesen Job, der sie die kommenden vier Jahre nicht von der Seite der gern als „schwierig“ beschriebenen Sander weichen lassen sollte. Monika Göckede schüttelt den Kopf. „Quatsch“, sagt sie in ihrer zupackenden, freundlich-eloquenten Art, mit leichtem westfälischen Singsang in der Stimme. „Jil Sander ist sicherlich eine großartige Perfektionistin, aber sie war auch eine großartige Chefin. Mir hat vor allem die Art ihrer Kritik imponiert, denn sie sagte niemals, „Monika, das schmeckt mir nicht‘, sondern sie fragte, ‚Ach, sagen Sie mal, Monika, kann man das vielleicht auch auf eine andere Art zubereiten?‘“

Alles wird selbst zubereitet

Und jetzt steht Monika Göckede in der Wohnküche ihres eigenen Hotels vor dem imposanten französischen La-La-Cornue-Ofen, streicht beinahe zärtlich über eine mächtige Aufschnitt-Schneidemaschine aus dem Jahre 1925, die sie „für den Preis eines Klein­wagens“ restaurieren ließ. Hier macht sie jeden Morgen das Frühstück für ihre Gäste; jedoch nicht in eine schnöde Kochjacke gewandet, sondern in einer weißen Bluse, einem leicht taillierten Blazer und Blue Jeans.

Sie bereitet alles selbst zu, von der Marmelade bis hin zum Brot. Und schwört selbstverständlich „nur auf die besten Zutaten, möglichst aus der Region“. Dafür steht Monika Göckede jeden Morgen pünktlich um zehn nach fünf auf.

An ihrem Küchentisch, erzählt sie, seien schon so manche Geschäftsideen und beruflichen Kontakte entstanden, und es sei auch schon vorgekommen, dass einer ihrer Stammgäste, ein ITler, einem anderen Gast technischen Support leisten musste, wenn dessen Laptop „rumspackte“. „Vielleicht ist ja dieses lockere, ungezwungene Miteinander der Mehrwert, den Hotelgäste sich wünschen“, sinniert Monika Göckede, eigentlich überflüssigerweise, die ihre Gäste ab 20 Uhr abends einfach sich selbst überlässt. Sie hat ihnen ja schließlich schon beim Einchecken erzählt, wo der Kühlschrank steht und wer mit der letzten Maschine in Hamburg landet, holt sich seinen Zimmerschlüssel eben in der benachbarten Pizzeria ab und schmiert sich in der Küche noch rasch ein Butterbrot.

Wie lange sie jedoch noch die Gastgeberin geben möchte, weiß sie nicht. Denn einen Traum möchte sie sich mit ihrer Partnerin auf jeden Fall noch irgendwann erfüllen, und der heißt: länger in Französisch-Polynesien leben, in der Südsee.