Hamburg

Wie aus Flüchtlingen Fachkräfte werden sollen

Foto: Friedhelm Loh Group / dpa

Viele der Asylbewerber in Hamburg haben keine Vorbildung. Jobcenter-Chef Dirk Heyden über das Mammutprojekt der Dekade.

Hamburg.  Vielleicht wird die große Frage, ob Integration gelingt, auch im Büro von Dirk Heyden entschieden. Die Jalousien im 6. Stock am Raboisen (Altstadt) sind tief gezogen. Auf einem Konferenztisch hat der Chef der Hamburger Jobcenter den Plan in Kurzform ausgedruckt, 14 DIN-A4-Seiten für ein Mammutprojekt. „Die Flüchtlinge in Arbeit zu bringen, ist die Aufgabe der Dekade“, sagt Heyden. „Und es gibt keine großen Lösungen. Aber viele kleine, wenn wir es richtig machen“.

88 Prozent der anerkannten Flüchtlinge haben keine Ausbildung

Die Ausgangslage ist noch schwieriger als gedacht. Knapp 90 Prozent der 12.900 Flüchtlinge in der Betreuung der Jobcenter haben keine Berufsausbildung, ein Drittel der akzeptierten Asylbewerber höchstens einen Hauptschulabschluss. Das geht aus der Auswertung der Hamburger Jobcenter hervor, die dem Abendblatt vorliegt. Ein Viertel der erfassten Flüchtlinge kann am Arbeitsmarkt grundsätzlich als gut integrierbar gelten: Sie bringen Schulabschlüsse mit, die mit dem deutschen Abitur vergleichbar sind oder haben eine Hochschule besucht.

30.000 Flüchtlinge müssen vorbereitet werden

Die Jobcenter sind noch damit beschäftigt, das genaue Niveau zu erfassen. Mehrere Tausend Flüchtlinge aus dem vergangenen Jahr warten in Hamburg noch auf ihren Asylbescheid, im Durchschnitt sechs Monate, Afghanen häufig mehr als ein Jahr. Erst danach kann die Qualifizierung und Vermittlung in Arbeit beginnen. „Bis Ende des Jahres 2017 erwarte ich 30.000 Flüchtlinge, die wir auf den Arbeitsmarkt vorbereiten müssen“, sagt Dirk Heyden. Als Faustregel bei der Arbeitsmarktintegration gilt: Je später die Flüchtlinge ihre Heimatland verlassen, desto schlechter ist in der Regel ihre Qualifikation. „Unser Bild ist sehr wahrscheinlich noch positiv überzeichnet. Das Gesamtniveau der großen Masse an Flüchtlingen aus dem vergangenen Jahr wird niedriger sein“, heißt es von der Bundesagentur für Arbeit.

Die Flüchtlinge aber in großen Zahlen in einfache Hilfsjobs zu vermitteln, scheidet aus. „Es gibt in diesem Bereich einen überschaubaren Bedarf“, sagt Dirk Heyden. Nur jedes zehnte Stellenangebot richtete sich Ende März an An- und Ungelernte, zu 90 Prozent suchten die Arbeitgeber in Hamburg nach Fach- und Führungskräften. „Wir müssen die Flüchtlinge ausbilden und qualifizieren“, sagt Heyden.

Im Blick hat er das Handwerk, Dienstleistungsberufe in der Gastronomie und im Gesundheitswesen, vor allem in der Pflege. „Dort liegen eindeutig große Potenziale, die Motivation der Geflüchteten ist enorm. Aber wir müssen Anreize schaffen“. Häufig bringen Flüchtlinge Abschlüsse mit, die aber nicht für eine Anerkennung reichen. „Dieses Problem haben auch Spanier, weil das deutsche System eben ein sehr spezielles ist“, sagt Heyden. Wenn Flüchtlinge sich aber lieber mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, als in Ausbildung zu gehen, räche sich dies spätestens, wenn sie in einigen Jahrzehnten ins Rentenalter kommen.

Am Konferenztisch am Raboisen und der Zentrale der Hamburger Arbeitsagentur nehmen derzeit täglich andere Vertreter von städtischen und privaten Unternehmen Platz. Die Hochbahn will Flüchtlinge zu Kraftfahrern ausbilden, das Werk von Mercedes-Benz hat 17 Flüchtlinge in einem Pilotprojekt als Praktikanten mit der Aussicht auf eine Ausbildung eingestellt. Der Autobauer zahlt eine zusätzliche Sprachförderung, das Jobcenter weiterhin Hartz IV. „Über solche kleinteiligen Modelle und mit Geduld kann es gehen“, heißt es dazu aus dem Senat.

Fünf Jahre, heißt es von der Arbeitsagentur, dauere es im Regelfall von der Ankunft eines Flüchtlings bis zu einem berufsbildenden Abschluss. Der Senat will den Prozess beschleunigen. Im neuen Ankunftszentrum in Rahlstedt werden die Kompetenzen direkt nach der Ankunft abgefragt. Im Programm „work and integration refugees“, kurz W.I.R, bieten Sozialbehörde, Jobcenter und die Wirtschaftskammern seit Oktober eine kombinierte Lebens- und Berufsberatung. Im Sommer soll eine erste Bilanz vorliegen. „Wir haben eine Strategie und die Möglichkeit, die Sprachbildung und Berufswege der Flüchtlinge gleichzeitig zu fördern. Die Flüchtlinge haben durchaus Talente. Jetzt müssen wir ihnen die Chance geben, sie zur Geltung zu bringen“, sagt Dirk Heyden.