Serie "Ich werde grün"

Vom Auto aufs Fahrrad umsatteln? Gar nicht so einfach!

Auf die Räder,
fertig, los:
Reporterin Miriam
Opresnik mit ihren
Kindern Claas und
Carlotta

Auf die Räder, fertig, los: Reporterin Miriam Opresnik mit ihren Kindern Claas und Carlotta

Foto: Michael Rauhe / HA

Im vierten Teil versucht unsere Reporterin weniger Auto zu fahren und mehr Rad. Warum sie mehr schiebt als fährt.

Hamburg. Echt abgefahren! Der neue Monat hat noch nicht einmal begonnen, und ich stehe trotzdem schon jetzt in den Startlöchern – oder Pedalen – für die nächste Etappe auf meiner Tour de Umwelt. Das Etappenziel: weniger Auto fahren und mehr Bus und Bahn. Oder eben Fahrrad. Also wird umgesattelt, die Brötchen nicht mehr mit dem Pkw, sondern dem Rad geholt. Blöd nur, dass meiner Pedal-Premiere mehr Hindernisse im Weg stehen als mein Rad Gänge hat. Nämlich drei Mülltonnen, ein Bobbycar und zwei Kinderfahrräder, die alle vor meinem Rad abgestellt sind. Also erst einmal alles wegräumen, den verstaubten Sattel sauber wischen, aufsteigen und – Halt! Der Hinterreifen ist fast platt. Keine Ahnung, wo die Pumpe ist. Aber gut, geht ausnahmsweise auch mal so. Wenn ich mich ganz leicht mache, vielleicht. Aber was ist eigentlich mit einem Helm? Brauche ich den? Die Kinder haben welche, klar. Aber ich nicht. Genauso wenig wie ein Schloss. Puh, langsam geht mir die Luft aus. Und die Lust. Also lieber los. Egal wie. Auch ohne Helm, ohne Schloss und ohne genug Luft im Reifen. Und leider auch ohne Portemonnaie. Das lasse ich im Zuge des Hin- und Herräumens und -überlegens nämlich auf der Mülltonne liegen. Fällt mir allerdings erst auf, als ich schon beim Bäcker bin. Ich dreh echt am Rad!

Bis zu 40 Liter braucht ein Auto kurz nach dem Start – auf 100 Kilometer

Sechs Aufbackbrötchen später ist Zeit für eine Bestandsaufnahme. Wie oft und wozu nutzen wir eigentlich unsere Autos – und welches der Ziele könnten wir auch anders erreichen? Vor Gericht würde ich jetzt die Aussage verweigern, aber hier bleibt nur die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Wir haben zwei Pkw und nutzen beide Autos täglich. Manchmal sogar mehrmals täglich. Eigentlich hatte ich gehofft, mich und meine Sünderkartei mit der geringen Kilometerzahl pro Jahr entlasten zu können. Schließlich fahre ich mit rund 7000 Kilometern jährlich nur etwa halb so viel wie der Durchschnitt. Aber leider ist genau das Gegenteil der Fall, da ich das Auto vorwiegend für kurze Strecken nutze.

Damit stehe ich zwar nicht alleine da – laut Umweltbundesamt führen 40 bis 50 Prozent der Autofahrten in deutschen Großstädten über eine Strecke von weniger als fünf Kilometern Länge – besser fühle ich mich durch das Kollektiv-Vergehen aber trotzdem nicht. Erst recht nicht, als ich auf der Seite des Ökoinstituts recherchiere. Als ich lese, dass ein Mittelklassewagen direkt nach dem Start rund 30 bis 40 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer verbraucht. Dass der Verbrauch nach einem Kilometer auf etwa 20 Liter sinkt. Und dass der Motor erst nach vier Kilometern betriebswarm ist und der Verbrauch sich normalisiert. Himmel! Jetzt wäre vermutlich der richtige Zeitpunkt, die Serie umzubenennen. In: „Ich werde rot.“ Vor Scham.

Keine Chance, das Rad zurückzudrehen. Aber es künftig besser zu machen. Vermutlich nicht alles, aber hoffentlich vieles. Schritt eins: Nicht mit dem Auto zum Kindergarten, sondern mit dem Fahrrad. Zumindest, so oft es geht. Was leider nicht so oft ist. Denn von fünf Werktagen fallen schon einmal zwei weg, weil ich an diesen arbeite und direkt von der Kita zur U-Bahn weiterfahre. Bleiben also drei. Theoretisch. Denn in der Praxis sind es weniger. Weil wir oft direkt nach dem Kindergarten verabredet sind, zum Sport fahren oder sonst wohin wollen. Jetzt ist Improvisation gefragt. Oder Mobilitäts-Splitting, wie ich es nenne. Denn nur weil wir für die Rück- beziehungsweise Weiterfahrt ein Auto brauchen, müssen wir es für den Hinweg ja noch lange nicht nehmen. Der Plan sieht folgendermaßen aus: Ich bringe die Kinder morgens mit den Rädern weg, gehe zu Fuß nach Hause, fahre nachmittags mit dem Auto in den Kindergarten und lade die Räder in den Kofferraum. Leider merke ich erst später, dass Carlottas Fahrrad zu groß ist und gar nicht in meinen Kofferraum passt.

Also Plan B: Claas, 3, nimmt sein Rad, Carlotta, 6, die Inline-Skates und ich die Füße in die Hand. Und falls Sie sich jetzt fragen, warum ich nicht bequem ebenfalls das Rad nehme (würde ja auch viel schneller gehen, nach dem Wegbringen wieder nach Hause zu kommen): Claas ist gerade in der Fahrrad-Fahr-Lern-Phase und braucht noch jemanden, der beim Anfahren hilft, ihn ab und zu zurück auf die Spur bringt und nebenher läuft. Halte es für dringend angebracht, das Motto in diesem Sinne erneut zu ändern. Von: „Ich werde grün“ in: „Ich werde fit.“ Zumindest physisch. Psychisch nehme ich allerdings großen Schaden. Da das Anziehen von Inline-Skates, Schützern an Knien, Ellbogen und Händen sowie Helm länger dauert als die gesamte Fahrt mit dem Auto zum Kindergarten, brauche ich für das Prozedere mehr Geduld als jede Callcenter-Mitarbeiterin.

Aber gut: grün heißt grün – und barfuß! Denn nachdem wir schon einige Minuten unterwegs sind, fällt mir ein, dass ich für Carlotta keine Schuhe eingepackt habe. Braucht sie aber natürlich, wenn die Kinder raus auf den Spielplatz gehen – kann sie ja schließlich nicht in Inline-Skates. Also wieder zurück, Schuhe einpacken und los. Weit kommen wir aber auch beim zweiten Anlauf nicht. Denn Claas bemerkt plötzlich, dass sein Fahrradschloss weg ist. Bingo! Also wieder zurück. Mein Stresslevel liegt inzwischen außerhalb des messbaren Bereichs. 30 Minuten und einen gefühlten Nervenzusammenbruch später sind wir am Kindergarten. Und merken, dass wir jetzt zwar ein Fahrradschloss haben – aber keinen passenden Schlüssel dazu. Der am Bund ist nämlich für Carlottas Fahrrad, das aber zu Hause in der Garage steht. Es hilft nichts. Ohne Schloss kann das Fahrrad nicht im Kindergarten bleiben. Also unter den Arm klemmen und nach Hause tragen. Schleppen. Schimpfen. Die Pedale hauen gegen die Beine, die Fahrradkette beschmiert die Hose. Man könnte denken, ich hab ein Rad ab.

Aller Anfang ist schwer, sagt man. Doch ich frage mich manchmal, wie lange man eigentlich von Anfangsschwierigkeiten sprechen kann – oder ob ich einfach chronisch planlos bin? Denn obwohl mein Umwelt-Experiment jetzt seit vier Monaten läuft, stolper ich zu Beginn jeder neuen Etappe über ein Hindernis nach dem anderen. Doch auch wenn ich Ende des Jahres in meinem Umwelt-Zeugnis keine Eins für mein Mobilitäts-Verhalten bekomme, so hoffe ich wenigsten auf ein: „Sie war stets bemüht.“

Bemüht. Soll ja angeblich von Mühe kommen. Könnte aber auch von „müde“ abgeleitet werden. In unserem Fall. Weil wir morgens früher aufstehen müssen, wenn wir Rad statt Auto nehmen. Und weil wir abends einfach erschöpfter sind. Müder. Weil radeln und viel laufen natürlich anstrengender ist. Bin ganz schön groggy. Und ziemlich glücklich. Nachdem ich mich die ersten Tage über den Zeitverlust geärgert habe und genervt im Eilschritt hin und her gehetzt bin, genieße ich das Laufen jetzt richtig. Habe nicht mehr das Gefühl, Zeit zu verlieren. Sondern zu gewinnen. Freie Zeit, in der keine Spülmaschine ausgeräumt und kein Essen gemacht werden muss. In der kein Streit geschlichtet und kein Kuchen in der Sandkiste gebacken werden muss. In der ich gar nichts machen muss. Gar nichts machen kann. Nur sein. Total ungewohnt. Total großartig.

Wäre dies ein Film, würde jetzt die Klappe kommen. Der Schnitt. Und der Szenenwechsel. Man würde sehen, wie ich die Kinder zu einer Radtour zum Eisladen ins rund fünf Kilometer entfernte Duvenstedt überrede – und wir den halben Heimweg schieben müssen, weil Carlotta den Weg bergauf am Ende des Tages nicht mehr schafft. Wie wir mit dem Fahrrad die vier Kilometer in den nächsten Ort fahren, um ein Geschenk zu kaufen – und Claas mit dem Auto abgeholt werden muss, weil er den Rückweg nicht mehr schafft. Wie ich Carlotta während der Fahrt von meinem Rad aus anschieben will – und wir beide in den Graben fahren. Und man würde sehen, wie ich an der Bushaltestelle stehe – und nach einem Blick auf die Abfahrtzeiten schließlich doch das Auto nehme.

Es ist nicht leicht, grün zu sein. Was Kermit der Frosch schon 1970 wusste, das lerne ich 45 Jahre später. Es ist nicht einfach, grün zu sein. Oder zu werden. Es reicht nicht, seine Verhaltensweisen zu verändern. Man muss seine Einstellung ändern. Sich selbst. Und das dauert. Schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier, und als solches ist es für mich immer noch eine Herausforderung, Verpackungen zu vermeiden, Wasser und Energie zu sparen, Recycling-Papier zu nutzen – und eben aufs Auto zu verzichten.

Es ist schon verrückt: Nachdem ich als Teenager jahrelang den Bus nutzen musste, um überhaupt aus unserem Ort rauszukommen, soll ich es jetzt wieder freiwillig tun. Auf die Freiheit verzichten, die einem das Auto auf dem Dorf bietet. Schließlich wohnen wir abgeschieden wie Schneewittchen. Zwar nicht hinter den sieben Bergen, aber hinter den sieben Hamburger Bezirken. Also jenseits von U- und S-Bahn-Stationen. Das einzige öffentliche Verkehrsmittel ist ein Bus, der einmal pro Stunde fährt. 17-mal am Tag. Damit könnte man zwar eine Station der Linie U1 erreichen, dadurch würde sich die Fahrt zur Arbeit aber um 25 bis 30 Minuten verlängern. Pro Strecke.

Ich versuche eine Fahrgemeinschaft zu gründen – und scheitere damit

Hin und Rück wären das also fast eine Stunde mehr. Am Tag. Bei einem mindestens achtstündigen Arbeitstag plus zwei Stunden Fahrtweg kommen zusätzliche 60 Minuten einfach nicht in Frage. Klingt nach Komfortzone? Nein! Nach Kinderzone! Schließlich reicht die Zeit abends nach der Arbeit eh nur noch, um Claas und Carlotta ins Bett zu bringen. Freiwillig darauf verzichten? Lieber Bus fahren anstatt Gute-Nacht-Bussi bekommen? Nein! Echt nicht.

Bevor ich jedoch wieder als Umweltsünderin verschrien werde, versuche ich, meiner Ökobilanz mit der Gründung von Fahrgemeinschaften einen grünen Touch zu verleihen. Der Plan ist einfach: Ein Ehepaar, ein Arbeitsweg, ein Auto. Schade nur, dass die Umsetzung mal wieder komplizierter ist als die letzte Lego-Bauanleitung. Denn der, dessen Namen ich nicht nennen darf, und ich haben zwar den gleichen Weg – mit dem Auto zur U-Bahn, dort Park and Ride, dann mit der U1 in die Innenstadt ins Büro – aber unterschiedliche Fahrzeiten. Mal hat der eine von uns morgens einen Arzttermin, dann der andere abends eine Verabredung. Grün sieht anders aus. Spontan erst recht. Wir brauchen fast zehn Tage und zwei Terminkalender, bis wir das erste Mal auf einen Nenner kommen – und die Aktion dann in letzter Sekunde abblasen müssen, weil der Mann krank geworden ist. Ich probiere, mich spontan bei einer Nachbarin ins Auto einzuschleusen, muss aber hören, dass sie im Urlaub ist – und fahre letztendlich doch wieder alleine. Im Auto.

Kein Wunder, dass die Zahl der Pkw in Deutschland weiter steigt und bei 537 Pkw je 1000 Einwohner liegt. Dass sich der Bestand um eine Million Fahrzeuge erhöht hat – auf 61,5 Millionen. Dass der Anteil des Autos an der gesamten Verkehrsleistung rund 80 Prozent beträgt. Und dass das Mehr an Verkehr die erreichten Verbesserungen im Klima- und Umweltschutz zum Teil wieder aufhebt.

Das muss sich ändern. Das muss man ändern. Das muss ich ändern. Und wenn es nur ein winziger Teil ist, den ich dazu beitragen kann. Besser als nichts ist es auf jeden Fall. Werde es weiter mit den Fahrgemeinschaften probieren – und beim Autofahren auf umweltbewusste Fahrweise achten. Nutze zum ersten Mal seit der Anschaffung des Wagens vor einem halben Jahr den sechsten Gang und rümpel den Kofferraum aus, um Ballast zu vermeiden. Auch wenn ich das Klappern der leeren Glasflaschen, die ich wochenlang spazieren gefahren habe, sehr vermisse. Nehme mir zudem vor, öfter mal Homeoffice zu machen, um den Arbeitsweg zu sparen. Einen Moment lang überlege ich, die rund zehn Kilometer zur U-Bahn zu radeln, dann verwerfe ich den Gedanken wieder. Manchmal muss man einfach Fünfe gRADe sein lassen!