Neue Serie

Ich werde grün: Das kommt mir nicht in die Tüte

Statt zu vorverpacktem
Obst greift
Miriam Opresnik
jetzt zu loser Ware

Statt zu vorverpacktem Obst greift Miriam Opresnik jetzt zu loser Ware

Foto: Michael Rauhe / HA

Abendblatt-Reporterin Miriam Opresnik will ihr Leben ändern und etwas für die Umwelt tun – ein Jahr lang. Erster Teil der Serie.

Hamburg. Ach du grüne Neune! Das geht ja gut los! Die Pro­bleme fangen schon vor dem ersten Einkauf an. Beim Schreiben der Einkaufsliste. Meine Tochter Carlotta, 6, wünscht sich die Wicky-Wurst vom Discounter (natürlich verpackt), ihr dreijähriger Bruder Claas den „kleinen Käse“ (Mini-Babybels, sogar doppelt- und dreifach verpackt) und mein Mann seine Actimel (sechs Mini-Flaschen à 100 Milliliter). Verpackungsvermeidung sieht anders aus. Aber grüne Vorsätze hin oder her: Auf seine Lieblingsprodukte will erst einmal niemand verzichten. Ich eigentlich auch nicht. Tue es aber dann natürlich trotzdem – im Sinne des Projekts. Also greife ich statt zu einzeln verpackten Cappuccino-Tütchen (zehn Folienbeutel in einer Pappschachtel) zu einer großen Dose, nehme statt der Minitüten mit Tiefkühlgemüse (sechs Plastikbeutel à 150 Gramm im Maxibeutel) einen Megapack und entscheide mich gegen die geliebten 0,33-Liter-Cola-Zero-Flaschen im Sechserpack und stattdessen für zwei Maxiflaschen. Gar nicht so schwer, etwas für die Umwelt zu tun.

Denke ich stolz. Allerdings hält das Hochgefühl nur ungefähr 30 Sekunden lang. Bis ich an der Frischetheke ankomme. Vermutlich das erste Mal, seit die Grillsaison vorbei ist. Ja, ich meine die im Sommer! Denn sonst gibt es bei uns meistens vorverpackte Wurst und Käsewaren. Irgendwie hat sich das in den vergangenen Jahren so eingeschlichen. Klar, totaler Verpackungsirrsinn! Allein bei 80 Gramm Schinken fallen 21 Gramm Plastikabfall an. Doch damit soll jetzt Schluss sein. So der Vorsatz. Lange halten wird er allerdings nicht.

Für den Verpackungsverzicht bin ich bestens vorbereitet. Mit Tupperdosen in verschiedenen Größen. Toller Plan! Leider geht er aber nicht auf. Denn die Verkäuferin darf die mitgebrachten Dosen nicht annehmen und befüllen. „Aus hygienischen Gründen“, sagt sie und spricht von Kontamination. Bitte was? „Könnte ja sein, dass Ihr Behälter nicht sauber ist, sondern irgendwelche Bakterien hat, die dann hierher übertragen werden“, erklärt sie und wickelt die Wurst stattdessen in ein beschichtetes Stück Papier ein. Für jede meiner vier Sorten nimmt sie ein neues Papier und verpackt anschließend alles in einem dünnen Plastikbeutel. So richtig umweltfreundlich kommt mir das jedoch nicht vor. Also neuer Versuch! Beim nächsten Mal bitte ich darum, alle Wurstsorten nur in ein Papier einzuwickeln. Gesagt, getan!

Allerdings wird zwischen die verschiedenen Sorten jetzt eine Plastikfolie gelegt (damit der Geschmack der einen Wurst nicht auf den Geschmack der anderen Wurst abfärbt, wie ich erfahren muss) und jedes Mal zum Abwiegen ein neues Stück Papier auf die Wage gelegt – und anschließend weggeschmissen. Es ist wie in einem Loriot-Sketch. Aber irgendwie nicht lustig. Eher zum grün und blau ärgern. Denn mein geplantes Verpackungs-fasten lässt sich nicht so realisieren wie geplant. Außerdem bekomme ich jedes Mal einen Schock, wenn an der Fleischtheke das Preisschild ausgedruckt wird. Das größte Problem ist aber die Haltbarkeit. Vor allem, wenn man nur einmal pro Woche einkaufen geht und die Frischwurst aber nach wenigen Tagen schlierig wird. Spätestens dann mag niemand aus unserer Familie mehr Salami und Co. essen und die Reste landen im Müll – was unsere Öko-Bilanz schwer belastet. Es hilft nichts! Es muss ein Kompromiss her: für die erste Hälfte der Woche kaufen wir Frischwurst und verzichten auf die Plastikfolien zwischen den verschiedenen Wurstsorten. Für die zweite Woche kaufen wir allerdings vorverpackte Wurstwaren. Klar ist aber natürlich: Wenn wir wirklich was für die Umwelt tun wollen, müssen wir nicht nur die Verpackungen reduzieren – sondern unseren Fleisch- und Wurstkonsum allgemein. Aber dazu in ein paar Wochen mehr!

Und was die Wünsche der Kinder angeht: Wir haben uns selbst Gesichter aufs Wurst- oder Käsebrot gelegt. Mit Augen aus kleinen Tomaten-Hälften, großen Gurken-Nasen und einem Ketchup-Mund. Nach Wicky-Wurst und Mini-Käse hat seitdem niemand mehr gefragt.

Aller Anfang ist schwer. Sagt man. Verpackungsfasten kann man damit allerdings nicht gemeint haben. Denn das wäre eine dreiste Untertreibung. Ich würde stattdessen von strapaziös sprechen. Mühevoll. Heikel. Vertrackt. Unbefriedigend. Vielleicht sogar qualvoll! Dabei hört sich anfangs alles so leicht an.

Zum Beispiel beim Thema Obst und Gemüse. Soll man aus der Region kaufen (klar, wegen der kurzen Transportwege), am besten auf dem Wochenmarkt. Gibt es bei uns im Dorf, nördlich von Hamburg, allerdings leider gar nicht. Also doch in den Supermarkt und Strategie Nummer zwei anwenden: auf industrielle Verpackungen verzichten! Also eigenen Stoffbeutel mitnehmen! Blöd nur, dass mir erst im Geschäft auffällt, dass der Beutel an sich ja schon ein recht hohes Eigengewicht von rund 100 Gramm hat und ich auf diese Weise nicht nur ein paar Äpfel bezahle, sondern meinen eigenen Beutel gleich noch mal mit. Vor allem bei den Weintrauben wird das teuer. Und dann merke ich auch noch, dass ich nur eine Tasche mithabe. Was für ein Glück, dass es neuerdings bei unserem Edeka am Obststand so dreieckige Papiertüten gibt. So komme ich doch noch zum Wochenmarkt-Feeling! Und umweltfreundlich sehen die auch noch aus. Großartig!

Allerdings sind sie leider nicht sehr groß. Unsere benötigte Wochenration von sechs Äpfeln passt da nicht rein – was ich allerdings erst merke, als die ersten Äpfel aus der Tüte auf den Boden fallen. Also zwei Tüten. Außerdem zwei weitere für die Orangen (gleiches Problem wie bei den Äpfeln, anscheinend korrespondieren eckige Tüten und rundes Obst nicht miteinander). Hinzu kommt eine Tüte für die Weintrauben, eine für die Tomaten und eine für die Zwiebeln. Auf Karotten und Kartoffeln verzichte ich erst mal. Das passt ja nun gar nicht von der Größe.

Angeblich soll es irgendwo wiederverwertbare Obstnetze geben – doch bis ich die gefunden habe, häufen sich jede Woche mehr Papiertüten nach dem Einkauf bei uns zu Hause an. Denn obwohl ich mir jedes Mal vornehme, die beim nächsten Mal wieder mit in den Supermarkt zu nehmen, vergesse ich sie trotzdem immer wieder. Und es kommt noch schlimmer. Beim Versuch, in den Papiertüten den Biomüll aus dem Haus zur Tonne zu transportieren, weicht das Papier auf, die Tüte reißt, und die Essensreste klatschen auf den Boden.

Doch damit nicht genug: Nach dem umständlichen Einkauf und der missglückten Wiederverwertung muss ich auch noch erfahren, dass diese Papiertüten eigentlich nicht viel besser als Abreißbeutel sind. Darüber klärt mich Katharina Istel, Referentin für nachhaltigen Konsum, vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) auf. „Die Ökobilanz von Kunststofftüten ist besser als die einer Papiertüte“, sagt Istel und erklärt, dass man für die Herstellung von Papiertüten sehr viel Energie, Wasser und Chemie braucht. Ihr Appell: „Entscheidend ist nicht nur, welche Tüte genutzt wird – sondern wie oft man sie nutzt“, sagt Istel, die Abreißbeutel aus dem Supermarkt im Badezimmer zum Müllsammeln nutzt. Aber was ihr noch viel wichtiger ist: „Jede dieser Tüten ist umweltverträglicher als wenn man vorverpacktes Obst in Kunststoffschalen mit Folie drum herum nimmt“, sagt die Expertin und rechnet vor, dass die industrielle Kunststoffverpackung im Durchschnitt zirka 4,5-mal materialintensiver als ein Abreißbeutel ist. Aha, hmm, ok. Gehts noch konkreter? Ja! „Ein Kilo Möhren in einer Kunststoffschale mit Folie herum besteht aus 18 Gramm Verpackung – die gleiche Menge Möhren in einem Abreißbeutel hingegen nur aus 2,5 Gramm.“ Ein Beispiel, an dem ich erstmal knabbern muss. Habe ich doch bisher fast ausschließlich vorverpackte Weintrauben in Kunststoffschalen mit Klappdeckel gekauft – und die haben sogar siebenmal mehr Material als ein Beutel. Und noch was gibt mir zu denken: 60 Prozent unseres Obstes sind industriell vorverpackt, beim Gemüse sogar 66 Prozent. Das muss man erstmal schlucken.

Stelle von Plastik auf Glas um – und belaste damit meine Öko-Bilanz

Ich komme einfach auf keinen grünen Zweig. Kaufe statt des Zehnerpacks Tempo-Taschentücher eine 100er-Box – und bekomme zu hören, dass man eigentlich nur Stofftaschentücher nehmen sollte. Nehme statt Joghurt im Plastikbecher die im Mehrweg-Glas, decke mich mit Konserven im Glas statt mit Blechdosen ein und kaufe zum ersten Mal in meinem Leben Milch in einer Flasche – und erfahre, dass meine Glas-Mission zwar gut gemeint, aber nicht unbedingt gut für die Umwelt war. „Entscheidend für die Öko-Bilanz ist nicht die Verpackung. Sondern, wo die Produkte herkommen“, sagt Dirk Petersen, Umweltexperte der Verbraucherzentrale Hamburg. „Man kann lieber einen Joghurt im Plastikbecher nehmen, der aus der Region kommt – als einen Joghurt im Glas, der quer durch Deutschland transportiert werden muss“, so Petersen. Die Erklärung liegt zwar nicht auf der Hand, aber in der Luft: Aufgrund des hohen Gewichtes von Glas kommt es beim Transport zu erhöhtem CO2-Ausstoß – nicht nur auf dem Hinweg, sondern auch auf dem Rückweg. Besonders schlecht in der Umweltbilanz schneiden Gläser ab, die nur einmal benutzt werden wie bei Wein, Marmeladen oder Konserven. Und was die Milch angeht: Da darf ich ruhig bei Tetrapaks bleiben. Das Umweltbundesministerium stuft diese als umweltfreundliche Verpackung ein.

Übung soll bekanntlich ja den Meister machen, und ich kann nur hoffen, dass diese Weisheit auch für das Erlernen eines grünen Lebensstils zutrifft. Denn obwohl ich mich jetzt schon drei Wochen lang in Verpackungsvermeidung versuche, bin ich bisher nur hinter den Ohren grün. Ich kaufe Flüssigseife – und bedenke erst zu Hause, dass es unter Umweltgesichtspunkten natürlich viel schlauer gewesen wäre, ein Seifenstück zu nehmen. Ich verbanne die sonntäglichen Aufbackbrötchen vom Frühstückstisch (wegen des großen Plastikbeutels) und kaufe Frische beim Bäcker – habe dann aber am Fahrrad einen Platten und fahre mit dem Auto – und vergesse dann auch noch meinen Stoffbeutel, sodass ich mir eine Brötchentüte geben lassen muss.

Schlimmer geht’s nimmer? Doch leider schon! Statt Trinkwasser in Einwegflaschen vom Discounter zu kaufen, lasse ich meinen Mann Sprudelflaschen in Mehrwegkisten nach Hause schleppen. Dass das Symbol auf der Flasche allerdings gar nicht für Mehrweg steht, realisieren wir erst später. Dirk Petersen klärt uns auf, dass Flaschen in Mehrwegkästen Umweltfreundlichkeit oftmals nur suggerieren – es aber ganz und gar nicht sind. „Viele von diesen Plastikflaschen sind nicht ökologischer als die vom Discounter. Auch sie werden nach dem Gebrauch nicht wieder befüllt, sondern landen im Müll, wo sie geschreddert und recycelt werden“, so Petersen. Und das ist nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) längst nicht so ökologisch, wie einige Discounter behaupten.

Denn Einwegflaschen aus Plastik sind laut DUH wesentlich ressourcenintensiver als Mehrwegflaschen in der Herstellung, belasten das Klima und produzieren unnötige Abfälle. Die Zahl schockt mich noch mehr als der Bon an der Wursttheke: Pro Jahr werden in Deutschland gut 17 Milliarden Einwegplastikflaschen verkauft – und zu Abfall. Das sind zwei Millionen Einwegplastikflaschen pro Stunde! Und: Für die Herstellung der jährlich in Deutschland verbrauchten Einwegplastikflaschen werden 660.000 Tonnen Rohöl verbraucht.

Unfassbar! Einfach nicht vorstellbar! Aber wie erkennt man den Unterschied zwischen Einwegflaschen und Mehrwegflaschen, die bis zu 50-mal wiederbefüllt werden können? Dass nicht jeder durch den Siegel-Dschungel steigt, habe ich ja leider bewiesen. Der Rat der Umweltexperten: auf das Pfand achten. Das Einwegpfand beträgt einheitlich 25 Cent, das Mehrwegpfand acht oder 15 Cent. Und: „Zerknitterbare Plastikflaschen sind immer Einwegflaschen“, sagt Dirk Petersen und appelliert an mich, auch auf die regionale Herkunft der Getränke zu achten. Je weiter die Getränke transportiert würden, desto höher die Umweltbelastung. Ganz schön kompliziert! Vielleicht sollte ich auf Leitungswasser umsteigen?

Schluss! Aus! Ende! Der erste Monat ist um. Vieles hat dann doch noch geklappt. Wir verzichten auf Mini-verpackungen bei Joghurts, Pudding, Würstchen und Süßigkeiten, holen Kartoffeln sowie Eier im Hofladen und bringen leere Eierkartons und Honiggläser zurück zum Bauernhof. Coffe-to-go-Becher oder Salate zum Mitnehmen kommen mir gar nicht mehr in die Tüte. Aber lebe ich deshalb jetzt grün? Nein, leider nicht. Noch lange nicht. Vielleicht bin ich ein bisschen grüner geworden. Aber ich habe gemerkt, dass man nicht von heute auf morgen sein Leben komplett ändern kann. Dass es Zeit braucht, alte Gewohnheiten umzustellen. Und zwar nicht nur einen Monat. Oder ein Jahr. Sondern ein Leben lang. Es geht nicht mehr nur um einen Artikel. Oder um das Experiment. Es geht um mehr. Um die Umwelt.