Hamburg Historisch

Bismarcks Kampf gegen die Arbeiterbewegung von Hamburg

Kaiarbeiter im Hamburger Hafen 1874. In dem Jahr laufen erstmals mehr Motor- als Segelfrachtzer ein

Kaiarbeiter im Hamburger Hafen 1874. In dem Jahr laufen erstmals mehr Motor- als Segelfrachtzer ein

Foto: Bildarchiv der Kulturbehörde

Die Sozialistenverfolgung vor 130 Jahren konzentrierte sich vor allem auf die Hansestadt. Über kreative Gegenwehr aus dem Untergrund.

Die Arbeiterbewegung war Reichkanzler Otto von Bismarck schon lange ein Dorn im Auge. Als er einen Anlass sieht, die bürgerliche Ordnung in Deutschland vor ihr schützen zu müssen, erklärt er ihr den Krieg. Mit dem „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ (auch Sozialistengesetz) lässt er 1878 alle ihre Aktivitäten und Organisationen verbieten.

Das Schlachtfeld dieses Kampfes ist vor allem Hamburg. Denn hier residiert der Vorstand der größten, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), und hier finden die Sozialdemokraten besonders viele Wähler. Jedes zehnte Parteimitglied von insgesamt 40.000 kommt aus der Hansestadt. Hamburg gilt als „Hauptstadt des deutschen Sozialismus“.

Selbstbewusst sind Hamburgs Sozialdemokraten, weil es den Arbeitern in der Hafenstadt besser geht als denen in den meisten Regionen des Reiches. Aber auch hier müssen Kinder nach der Schule mitarbeiten, als Botengänger oder Dienstmädchen. Besonders gedrängt hausen die Bewohner der Gängeviertel, meist Handwerker, Hausierer, Hilfs- und Hafenarbeiter. Diese verdingen sich zumeist als Tagelöhner, warten in Hafenkneipen darauf, dass der Wirt wieder einen Job vermittelt.

Sozialdemokraten werden des Landes verwiesen

Jeder Arbeitstag birgt Risiken, ganz gleich, wozu man angeheuert wird. Von Kränen fallen schlecht gesicherte Kisten herab, verletzen oder töten Schauerleute. Und das Arbeiten auf den Terpentinschiffen, das Löschen von frisch behandelten Hölzern oder von Phosphatdünger greift die Lungen an. Wer Kupfererz schleppt, spuckt Blut, Manganerz führt zu Erbrechen, Schwefel zu Ekzemen. Die Arbeit wird zwar gut bezahlt, aber sie ist zu unregelmäßig. Frachtsegler sind vom Wind abhängig, um Hamburg zu erreichen, auch die meisten Dampfer fahren ohne festen Plan und feste Routen. Wann sie einlaufen, ist nicht vorhersehbar.

Solche Zustände mehren das Wahlvolk der Sozialisten, und diesen Zulauf will Bismarck jetzt ersticken. Polizei und Justiz lassen Versammlungen auflösen, bringen Sozialdemokraten vor Gericht, verurteilen Redakteure ihrer Zeitungen wegen Majestätsbeleidigung zu Gefängnisstrafen. Führende Sozialdemokraten, unter ihnen der Altonaer Parteichef Otto Reimer, werden des Landes verwiesen. Reimer geht nach Amerika.

Frauen schmuggeln bedrucktes Papier für Parteizeitung

Druckereien trauen sich nicht mehr, sozialdemokratische Mitgliederzeitungen und Flugblätter zu drucken. Das geschieht fortan im Ausland. Im folgenden Beispiel ist es Zürich. Von dort werden die Blätter nach Belgien geschmuggelt und mit dem Schiff in den Altonaer Hafen gebracht. Schließlich tragen Arbeiterfrauen unter ihren Blusen das bedruckte Papier nach Ottensen, auf preußisches Gebiet vor den Toren Hamburgs.

Dort sitzt in einer Mietwohnung der Zigarrenarbeiter August Kückelhahn mit einem Genossen und schnürt kleine Päckchen. Sie markieren sie mit Buchstaben oder Nummern, schlagen sie in Packpapier und schreiben darauf: „wird abgeholt“. Sie stapeln diese Pakete in Holzkisten, tragen falsche Absender in Frachtbriefe ein und geben den Inhalt mit Zigarrenbrettern oder Handwerkszeug an. In Wahrheit sind es Hunderte Exemplare der Zeitung „Der Sozialdemokrat“, die auf diese oder ähnliche Weise in andere Teile des Reiches geschmuggelt werden. Trotz des vergleichsweise hohen Preises von 20 Pfennig gibt es 10.000 Abonnenten, viele in und um Hamburg. Kückelhahn setzt auch Boten ein, die sich Zeitungspäckchen um den Leib schnüren und sich unter die Passanten mischen.

Fieberhaft durchsuchen Polizisten Wohnungen und Kleinbetriebe. Sie drehen auf der Suche nach Propagandamaterial Bilder um, klopfen Wände ab, reißen Fußböden auf, schaufeln Kohlehaufen im Keller um. Erst im September 1885 fliegt Kückelhahn auf. Nach mehrmonatiger Untersuchungshaft verurteilt das Landgericht Altona ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis.

Die Polizei glaubt, einen schweren Schlag gegen die Hamburger Arbeiterbewegung und ihre Organisationen geführt zu haben. Doch dann taucht in Berlin erneut ein Paket aus Ottensen auf. „Der Sozialdemokrat“ findet weiter seinen Weg zu den Abonnenten, und die Zahl der Menschen, die mit der Partei sympathisieren, wächst stetig.

Während Kückelhahn in Haft sitzt, wagen seine Genossen sogar Ungeheuerliches: Sie drucken ihr Parteiorgan nicht mehr in der Schweiz, sondern mitten in Hamburg. Die Matrize mit dem gesetzten Text gelangt jede Woche in einer Mustersendung von Papierproben oder Tapeten an die Elbe.

Zwar versucht Bismarck, das Sozialistengesetz – es muss regelmäßig verlängert werden – 1889 erneut durch den Reichstag zu bringen, findet diesmal aber keine Mehrheit. Selbst der junge Kaiser Wilhelm II. spricht sich gegen die Verordnung aus; er will die wachsende Zahl der Arbeiter für sich gewinnen.

Bei den Reichstagwahlen im Februar 1890 erringt die SAP 35 Mandate. Alle drei Hamburger sowie die umliegenden preußischen Wahlkreise gehen an ihre Kandidaten.